2017

liberty message

Königskinder

Ahmed und Alin sind zehn und elf Jahre alt, als ihre Eltern in Aleppo sterben. Sie fliehen in die Türkei und arbeiten hier, getrennt voneinander, als Schrottsammler und Näherin. Manchmal, im Traum, erscheint ihnen Angela Merkel.

Von Claas Relotius, Der Spiegel, 09.07.2016

An einem frühen Morgen in diesem Sommer geht Alin, ein Mädchen mit müden Augen, 13 Jahre alt, allein durch die noch dunklen Straßen der Stadt Mersin und singt ein Lied. In klappernden Sandalen läuft sie durch die Fabrikviertel, vorbei an verfallenden Gebäuden, an Hunden, die noch schlafen, und an Laternen ohne Licht. Das Lied, das sie singt, handelt von zwei Kindern, denen kein Leben offenstand und die doch, als sie schlimmstes Leid ertragen hatten, gerettet werden sollten.

           Es waren einmal zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, so heißt es im Lied, die hatten alles verloren, ihre Eltern, ihr Haus, ihre Heimat. Sie kamen aus einer alten Stadt, und als ein Krieg über ihr Land hereinbrach, flohen sie in eines fernes Reich. Um ihren Beschützern dort zu dienen, arbeiteten sie so hart, dass ihre Rücken krumm wurden und ihre Hände blutig, fast wären sie gestorben. Aber eines Tages, Allah ist groß, wurden sie für ihre Schmerzen reich belohnt. Gott gab ihnen ihr Land zurück und schenkte ihnen Gold und Glück. Sie sollten nun, so sagt das Lied, das einst die Kinder in den Schulen von Rakka bis Damaskus lernten, Königin und König von Syrien sein.

    Alin singt mit dünner Stimme. Dann biegt sie ein in eine Gasse, aus deren Hauseingängen rechts und links, hundertfach und immer lauter, das Rattern von Maschinen dringt. Alins Schritte werden kürzer, der Lärm begräbt ihren Gesang. Sie hört auf zu singen, senkt ihren Kopf, tritt durch eine niedrige Tür, schleicht eine Treppe hinunter, 15 Stufen, und betritt einen feuchten, fensterlosen Keller.

   Der Geruch von Schweiß liegt in der Luft. Neonlicht strahlt von der Decke, fällt grell auf zwei Dutzend zarte Gesichter. 19 Mädchen und 5 Jungen sind hier, alle noch Kinder, einige halten sich an Krücken, drei von ihnen fehlt ein Bein. Sie reihen sich nebeneinander auf wie Soldaten. Ein Mann ruft ihre Namen, schreit auf Arabisch "Jalla, jalla!", "Los, los!", dann gehen die Kinder an die Arbeit. Alin setzt sich auf einen Stuhl aus Plastik, an einen der aufgereihten Holztische. Sie schiebt ein Kissen hinter ihren Rücken, setzt ihren linken Fuß auf ein Pedal und greift nach einem Stapel Kleider. Sie nimmt ein T-Shirt, schwarzer Stoff, legt es auf die Maschine und beginnt zu nähen, erst einen Saum, dann zwei, drei, vier. Am Abend, wenn es oben, auf den Straßen dieser türkischen Stadt am Mittelmeer, wieder dunkel wird, sollen es mehr als tausend sein.

  Später an diesem Tag, nach ein paar Hundert Nähten, werden in ihren Körper Krämpfe fahren; in ihren Hals, in ihr Gesäß, in ihre Schultern. Aber sie wird nichts sagen, kein Wort. Sie wird tun, was sie tun muss. Sie wird nur heimlich, nach elf oder zwölf Stunden, auf eine kleine Wanduhr blicken und an ihren Bruder Ahmed denken, für den zur gleichen Zeit, 300 Kilometer östlich von Mersin, auf einem Schrottplatz in Gaziantep, die Nachtschicht beginnt.

 Sie können einander nicht sehen und nicht miteinander sprechen. Aber Alin wird sich vorstellen, wie Ahmed, einen halben Kopf kleiner als sie, dort über Berge von Müll und Abfall klettert, ein Junge von zwölf Jahren in ölverschmierten Kleidern, mit dünnen Armen und breiten Händen. Alin wird sich ausmalen, wie diese Hände kiloschwere Lasten schleppen, Autoreifen und Motorenteile; wie ihr Bruder Ahmed sie Stück für Stück zusammenträgt und auf einem Karren hinter sich herzieht, gebückt, hungrig, kilometerweit durch die Stadt, bis seine Knochen schmerzen.

  Und dann, wenn Alin nach 14 Stunden an der Maschine wieder aus dem Keller steigt, liegt kein Gesang mehr auf ihren Lippen, nur noch Gebete. Sie faltet dann ihre Hände, schließt ihre Augen und bittet darum, dass jemand komme, um sie zu retten, so wie die beiden Kinder in ihrem Lied. Sie und ihren Bruder, Sohn und Tochter getöteter Eltern, geflohen aus Aleppo, gefangen im Süden der Türkei.

 Die Geschichte von Ahmed und Alin ist die zweier Kinder, eines Jungen und eines Mädchens, die vor Bomben aus Syrien geflüchtet sind und nun als Schwarzarbeiter in Anatolien überleben; die von einer Königin namens Merkel und der fernen Insel Europa träumen, aber keinen Weg dahin finden, weil es für geflohene Kinder, anderthalb Millionen sind es, keinen Weg aus der Türkei mehr gibt.

 Sie erzählen ihre Geschichten getrennt voneinander, zu verschiedenen Zeiten, an unterschiedlichen Orten. In einer unterirdischen Kleiderfabrik in Mersin. Auf den Müllhalden und Schrottplätzen von Gaziantep. In einfachen Worten, mal laut und mal leise, manchmal bebend und manchmal stumm, so lebendig und wahrhaftig, wie nur Kinder erzählen können.

  Der Tag, an dem der Krieg kam, war ein Sommertag vor zwei Jahren. Ahmed und Alin, die Kinder eines Wäschereibesitzers in Aleppo, waren zehn und elf Jahre alt. Ein Junge mit Segelohren, der gern Lakritzbonbons aß und lieber Fahrrad fuhr oder Fußball spielte, als zu beten. Ein Mädchen, das Hausaufgaben mochte, das in seiner Schulklasse die besten Noten hatte und von seiner Mutter, einer Bäckerin, das Kochen lernte.

 Sie saßen gerade beim Abendessen, Adeeba, die Mutter, hatte Couscous mit Datteln zubereitet. Mohammed, der Vater, erzählte von seiner Arbeit. Eine syrische Familie, zusammen an einem Tisch, als alle vier, wie aus dem Nichts, eine Explosion von ihren Stühlen riss. Die Bombe, auf das Nachbarhaus gefallen, riss drei Wände ein, legte ihr Wohnzimmer in Trümmer. Die Kinder schrien, der Vater rief um Hilfe. Nur die Mutter, begraben unter Steinen, war verstummt. "Sie lag einfach da", sagt Ahmed, sie atmete nicht mehr. Und als sich Rauch und Staub langsam verzogen, rann Blut von ihrer Stirn. Es sah aus, so Alins Worte, "wie rotes Wasser in einem Fluss".

 Eine Tante wusch den Leichnam. Ahmed und sein Vater beerdigten die Mutter auf dem letzten verbliebenen Friedhof von Aleppo, nicht weit von ihrem zerstörten Haus.

 Sie zogen zu einem Onkel. Mohammed, der Vater, verlor bald nach seiner Frau auch sein Geschäft. Bombe um Bombe fiel auf ihr Viertel, aber er wollte Aleppo nicht verlassen. Alin und Ahmed sagen, er schimpfte auf Assad, auf die Soldaten des Diktators, die die halbe Stadt einkesselten. Die Kinder durften das Haus nicht verlassen, erst wochenlang, dann Monate. Bei Tag sahen sie über den Häusern ihrer Freunde Rauch aufsteigen. Nachts legten sie sich zu ihrem Vater ins Bett, klammerten sich fest an ihn bei jedem Donner, der die Wände zum Zittern brachte.

 Es war vor einem Jahr, an einem heißen Morgen, erzählen beide, als ihr Vater das Haus verließ und nicht mehr wiederkam. Essen hatte er besorgen wollen, Fladenbrot, Mehl und einen Kanister Wasser. Der letzte Laden in ihrem Stadtteil lag nur vier Straßenzüge weit entfernt, aber überall auf den Dächern, so erklärten ihnen die Nachbarn später, hatten Scharfschützen gelauert. Ein Soldat des Regimes, behaupteten die einen, habe dem Vater von hinten in den Kopf geschossen. Andere waren sich sicher, es seien Kämpfer des "Islamischen Staats" gewesen. Alin und Ahmed sagen, dass sie ihren Vater nie mehr zu Gesicht bekamen.

 Sie können bis heute kaum darüber sprechen. Tun sie es doch, werden ihre weichen Züge starr, ihre Augen beginnen zu wandern. Von ihren letzten Tagen und Wochen in Aleppo wissen sie nicht mehr viel. Nur noch, wie sie irgendwann, vielleicht erst Monate später, die Stadt verließen. "Unser Onkel hat gesagt, wir müssen weg", sagt Ahmed. "Er ist geblieben", sagt Alin, "aber wir sollten verschwinden."

  Ein Bruder ihres toten Vaters bezahlte zwei Schlepper, mit dem letzten Geld. Der erste brachte die Kinder aus der Stadt, versteckt im Kofferraum eines Autos. Der zweite zog mit ihnen und anderen Syrern zu Fuß über die Grenze. Alin und Ahmed wissen nicht, wo sie die kilometerlangen Zäune aus Stacheldraht passierten und türkischen Boden betraten. Nur, dass ihr Marsch zwei Nächte und zwei Tage dauerte, wissen sie noch, und dass es fast ununterbrochen regnete.

 Das Erste, was sie von dem fremden Land sahen, erzählt Alin, waren Männer mit Gewehr. Soldaten griffen sie kurz hinter der Grenze auf, der Schlepper hatte sie allein gelassen. Die Männer sprachen eine laute Sprache, die Alin und Ahmed nicht verstanden, und sie führten die Kinder, wie um sie vom Rest des Landes fernzuhalten, in ein Waldstück der Provinz Hatay, des südlichsten Zipfels der Türkei. Hier sollten sich Monate später die Wege der Geschwister trennen. Es war der Ort, an dem Ahmed und Alin, ohne es zu ahnen, vielleicht für immer auseinandergingen.

 Zunächst lebten sie dort, zusammen mit Hunderten Geflohenen, in einem Lager unter Bäumen, in Hütten aus Kartons und Plastikfolie, ohne Betten und ohne Nahrung. Der einzige Strom, sagt Ahmed, kam aus der Batterie eines kaputten Traktors, das Wasser zum Waschen, sagt Alin, aus einem schmutzigen Kanal. Ärzte, Sozialarbeiter, Menschen, die sich um sie kümmerten, sahen Alin und Ahmed nie.

  Um Geld zu verdienen, Essen zu besorgen, schlossen sie sich bald anderen Flüchtlingen an. Sie folgten ihnen auf die umliegenden Felder, pflückten die Baumwolle türkischer Bauern, ernteten Wassermelonen, zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie sahen syrische Mädchen, älter als sie, unter der Sonne zusammenbrechen. Sie selbst pflückten weiter, bis die Saison zu Ende ging.

  Dann kam der Winter. Dann suchten die Erwachsenen neue Arbeit und ein Dach über dem Kopf, zum Schutz vor der Kälte. Dann teilten sich die Männer und Frauen auf, und mit ihnen die Jungen und die Mädchen. Es werde nicht von Dauer sein, hieß es, und die Kinder stellten keine Fragen. Alin, die von ihrer Mutter das Nähen gelernt hatte, stieg auf die hölzerne Ladefläche eines Melonenlasters. Sie fuhr mit den Frauen, entlang der Mittelmeerküste, 300 Kilometer Richtung Nordwesten, zu den Textilfabriken von Mersin. Ahmed zog mit den Männern Richtung Nordosten, zwei Stunden in einem fensterlosen Viehtransporter, bis in die weit zersiedelte Vorstadt der Millionenstadt Gaziantep.

  An einem Abend im Mai dieses Jahres, warme Luft kündigt den Sommer an, zieht Ahmed, keine eineinhalb Meter groß, in kaputten Turnschuhen einen Karren hinter sich her. Er zieht vorbei an Industrieruinen, an Autowerkstätten und verlassenen Fabriken, Straßenkatzen verfolgen ihn. Jetzt, wenn es anfängt zu dämmern, ist seine Zeit. Er hält Ausschau nach allem, was niemandem gehört und was man noch gebrauchen kann, sieht einen weggeworfenen Autozylinder hier, eine alte Blechwanne dort. Er bückt sich alle paar Hundert Meter, wuchtet die Beute auf seinen Wagen, der bis zum Ende der Nacht so schwer ist, dass er ihn kaum noch ziehen kann. Sein Chef, ein türkischer Schrotthändler, verspricht ihm pro Kilogramm fünf Kuruş, anderthalb Cent. In guten Nächten, sagt Ahmed, komme er auf 300 Kilo, viereinhalb Euro. So legt er sich schlafen, in schmutzigen Kleidern, jeden Morgen, wenn der Tag anbricht; zur selben Zeit, wenn seine Schwester Alin in Mersin in den Keller steigt.

 Der Schrottplatz ist Ahmeds fünfter Job, Monate nach der Flucht. Die Blutergüsse auf seinen Schultern, sagt er, kämen vom schweren Tragen; die Narben auf seinem Bauch von den scharfen Kanten der Metallfundstücke; die Male an seinem Hals von glühenden Funken, die sich in seine Haut gebrannt haben.

  Am Anfang, als er hier ankam, schlief er nachts in einem Zelt, mit sechs Männern und zehn Jungen, Schlafsäcke und Decken dicht aneinander. Sie arbeiteten zusammen, schweißten Stahl in einer Werkstatt, brannten Klinker in einer Zementfabrik, schleppten Steine auf den Baustellen, wo heute fünfstöckige Häuser stehen. Die Erwachsenen sammelten jede türkische Lira, sagten, sie wollten Plätze in einem Boot damit bezahlen, eine Überfahrt nach Europa. In Deutschland, so erzählten sie den Kindern, würde es ihnen allen besser gehen. Aber dann, in diesem Frühjahr, entdeckten Polizisten ihr Zelt am Stadtrand, traten es ein und prügelten alle zusammen, schoben die Männer auf Lastwagen wie Vieh. Nur die Jungen durften bleiben. Sie wurden nirgendwo hingebracht. Sie blieben einfach auf der Straße.

  Jetzt, da es Tag wird in Gaziantep, geht Ahmed vom Schrottplatz dahin, wo er heute schläft, allein mit den anderen Kindern. Es ist ein Verschlag aus Wellblech und Brettern, ausgelegt mit Decken, zusammengenagelt auf einem der erdbraunen Hügel, die sich im Süden der Stadt erheben, Richtung Mekka und Aleppo. Der Blick von der Anhöhe geht weit über dunkle Häuser und Halbmondflaggen, eine Autostunde von der Grenze zu Syrien. Fast zwei Millionen Menschen leben nun hier, fast jeder sechste von ihnen ist vor dem Krieg nach Gaziantep geflohen.

  Ahmed hockt sich im Schneidersitz auf die Erde, sagt, sie hätten ihre Hütte ganz allein gebaut, mit Werkzeug, das sie irgendwo gefunden oder gestohlen haben. Sie, das sind neun Jungen aus Homs und aus Aleppo, aus zerbombten Städten und Dörfern, auf sich selbst gestellt in einem Land, von dem keiner von ihnen je wusste, wo es liegt. Sie werfen Mülltüten, ein paar Holzlatten und Zweige auf einen Haufen, machen ein Feuer und setzen süßen Tee in einem Topf auf, wie Erwachsene.

  Jeder hat seine Aufgabe, jeder seine eigene Geschichte. Mahmud, der Älteste, ist 15 und schon lange vor dem Krieg Waise geworden. Mohammed, der Jüngste, ist 11 und hat seine Eltern auf der Flucht verloren. Sie kannten sich nicht, fanden einander auf den Baustellen, ohne Beschützer, die auf sie achtgaben. Also gründeten sie ihre eigene Familie, eine Familie nur aus Kindern. Sie stehen jetzt gemeinsam auf und sammeln gemeinsam Schrott. Sie beten zusammen und teilen sich das Brot.

  Alles, was Ahmed von zu Hause geblieben ist, ist ein Rucksack. Darin befinden sich ein T-Shirt mit der Aufschrift "I love Syria", eine Hose, Socken, ein Beutel Schokoladenlinsen, ein kleiner Spielzeugroboter und ein zerkratztes Handy. Manchmal, wenn er nach der Arbeit nicht einschlafen kann, weil es morgens schon zu heiß ist, nimmt er das Handy und sieht sich darauf alte Fotos an, Bilder seiner Eltern, Bilder aus Aleppo, Bilder von Alin.

  In dieser Nacht fährt Ahmed mit einem Daumen über das Gerät und betrachtet Fotos aus seiner alten Schule. Sie zeigen Jungen mit Gelfrisuren und Mädchen mit bunten Kopftüchern, Arm in Arm. Ahmed weiß nicht, wo seine Freunde heute sind oder wie es ihnen geht. Er schreibt ihnen Nachrichten, aber sie antworten nicht mehr. Manchmal glaubt er, sie seien noch immer in Aleppo. Und manchmal stellt er sich vor, sie seien schon tot, "vielleicht im Paradies".

 Ahmed sagt, er habe keine Angst mehr vor dem Tod. Er habe schon viele Menschen sterben sehen. Er kam gerade in die zweite Klasse, er hatte gerade erst lesen gelernt, erzählt er, da sah er unweit seiner Schule mit an, wie ein Mann von einem anderen enthauptet wurde. Er scrollt weiter über das Display seines Handys, findet schließlich ein verwackeltes Video. Der Film, aufgenommen vor gut zwei Jahren, zeigt einen Mann mit verbundenen Augen, kniend in einer Lache aus dunklem Blut. Neben dem Mann steht ein anderer in schwarzem Gewand, und um sie herum sind Menschen, die zuschauen. Der Mann im Gewand hat ein großes Schwert in seiner Hand, hält es dem Knienden von oben an den Hals. Er ruft "Allahu akbar", Gott ist groß. Dann schlägt er ihm den Kopf ab.

 Ahmed sagt, er habe das Video selbst aufgenommen, auf einem Marktplatz in Aleppo. Sein Vater hatte ihn deswegen angeschrien, ihm befohlen, das Video zu löschen, nie wieder anzusehen, aber Ahmed hielt sich nicht daran. Jetzt zeigt er es herum, und die Jungen schauen es an mit großen Augen. Mahmud, der Älteste, zieht seine Stirn in Falten, sieht in den Nachthimmel wie ein Wolf. "Es gibt Kriege", sagt er, "weil es böse Menschen gibt." Mohammed, der Jüngste, fragt, woran man diese erkennen könne, wie man sie unterscheide von den guten.

 Ahmed sitzt nach der Arbeit oft vor seinem Handy. Er schreibt dann seinem Onkel, der vor ein paar Monaten aus Aleppo geflüchtet ist, aber nicht mehr über die Grenze kommt. Der Onkel schimpft fast immer. Er schreibt, Ahmed solle seine Schwester suchen. Aber Ahmed sagt, er wolle nicht weg, "nie wieder verreisen".

 Alin und er wuchsen einmal so auf wie die meisten Geschwister, eng beieinander. Bis Ahmed neun wurde, schliefen sie zu zweit in einem Zimmer, mit Stofftieren im Bett und selbst gemalten Bildern an den Wänden. Sie ärgerten einander, zogen sich gegenseitig an den Haaren. Manchmal, wenn sie sich bis spät in der Nacht Geschichten oder Witze erzählten, schoben sie ihre Betten dicht zusammen, damit ihre Eltern sie nicht hören konnten. Aber jetzt, da der Krieg sie fortgetrieben hat, liegen zwischen ihnen Hunderte Kilometer fremdes Land. Es muss ihnen vorkommen wie eine ganze Welt.

 Ihre einzige Verbindung sind Handynachrichten, fast jeden Abend. In diesen Nachrichten schreibt Alin, wie viele Kleider sie am Tag gesäumt hat. Und hin und wieder schickt sie Fotos von dem Zimmer, in dem sie jetzt schlafen darf, einem engen Raum mit aufgeplatzten Matratzen, auf denen ein Dutzend weitere Kinder schlafen. Sie schreibt, dass sie nach der Arbeit häufig Hunger habe, aber kein Geld, weil ihr ganzer Lohn nur der Platz in diesem Zimmer ist. Wenn Ahmed seine Schwester fragt, was ihr am meisten fehle, so antwortet sie: die Schule. Wenn Alin ihren Bruder fragt, was er am meisten vermisse, findet er keine Antwort.

 Vor ein paar Wochen, als Angela Merkel nach Gaziantep reiste, als sich die deutsche Kanzlerin dort, vor Kameras, durch ein schön zurechtgemachtes Flüchtlingslager führen ließ, schrieb Alin an ihren Bruder: "Die Mädchen hier sagen, die Königin von Europa ist bei dir. Sie kommt, um dich zu holen!" Ahmed verstand nicht. Er hatte keine Ahnung, wer Angela Merkel ist, hatte den Namen nie gehört. Er weiß bis heute nicht, wo Deutschland liegt, nur dass es irgendwie zu Europa gehört und dass Europa sicher ist und Kinder dort nicht arbeiten. Ahmed sagt, er hasse die Arbeit, er hasst es, wenn seine Arme wehtun. Er würde lieber Fußball spielen, aber dann, das weiß er, würde er verhungern.

 Der einzige Deutsche, den Ahmed zu kennen glaubt, ist Arjen Robben. Der ist Niederländer, aber helle Haut bedeutet für Ahmed, deutsch zu sein. Früher, in Aleppo, sagt er, habe er manchmal Spiele des FC Bayern im Fernsehen gesehen, in einer Teestube in ihrer Straße. Die Mannschaft in den roten Trikots siegte immer, der Mann ohne Haare, sagt Ahmed, schoss immer Tore, und seitdem glaubt Ahmed, dass Deutschland "ein gutes Land" ist. Jeder seiner Freunde glaubt das, jeder der acht Jungen auf dem Hügel. Aber keiner von ihnen weiß, wie man nach Deutschland kommt. Und vor Wochen, als Merkel, in den Augen der Kinder eine Königin, die ihnen helfen wollte, doch gerade erst angekommen war, in diesem Lager in ihrer Nähe, da war sie auch schon wieder weg.

 Ahmed und Alin ahnen nichts von Flüchtlingsquoten. Sie wissen nichts von der Türkei, von einem Präsidenten namens Erdoğan oder von Abkommen mit der EU. Alles, was sie wissen, ist, dass sie nicht nach Syrien zurückgehen dürfen, weil es dort zu gefährlich ist; und dass sie nicht weiterziehen dürfen, in ein anderes Land, weil die anderen Länder sie nicht wollen.

 In Alins Vorstellung ist Europa eine kleine Insel, umgeben vom Meer, "irgendwo im Norden". Und in ihren Träumen, so erklärt sie, ist Angela Merkel keine Dame im Hosenanzug, sondern eine junge Frau mit weißem Gewand, seifenglatter Haut und langen, goldenen Haaren. Sie hat noch nie ein echtes Foto von ihr gesehen, aber einige der Mädchen, mit denen sie Kleider näht, haben gesagt, alle Deutschen seien "reich und schön". Alin fragt sich nicht, wie die Deutschen reich und schön sein können, während sie, ein Kind, in einem fensterlosen Keller hockt. Sie glaubt, dass es in Deutschland einfach schon genügend Kinder gibt.

 Alin sitzt in der Fabrik in Mersin an der Maschine und näht kleine Krokodile auf weiße Polohemden. Lacoste, Adidas, Puma, Nike, sie näht diese Logos an, im Minutentakt, auf Turnhosen und auf T-Shirts, auf gefälschte Ware, die von Mersin nach Istanbul kommt, von Istanbul nach Bulgarien und von dort nach Deutschland. So erklärt es Nasser, ein Mann mit schlechten Zähnen und im nass geschwitztem Hemd. Er ist 34 Jahre alt, Syrer wie die Kinder, die für ihn arbeiten. Er kam vor vier Jahren, auch aus Aleppo, er hat dort als Schneider gearbeitet. Nach der Flucht verkaufte er sein Auto, beschaffte gut zwanzig Juki-Maschinen und gründete in einem Viertel, in das schon lange kein Polizist mehr kommt, seine Fabrik.

 Zunächst saßen an seinen Nähtischen noch Einheimische, fast nur Erwachsene. Aber dann, sagt Nasser, kamen mit der Zeit mehr und mehr Syrer, geflohene Kinder, "die halb so teuer waren". Nasser läuft die Treppe hoch, schiebt die Kellertür auf und richtet den Blick die Straße hinunter, vorbei an Dutzenden Fabriken. Es seien alles Keller wie seiner, überall, darin jetzt Tausende Jungen und Mädchen, nur sei er, selbst geflohen, der einzige syrische Besitzer. Nasser zieht an einer Zigarette, sagt, er habe selbst vier Kinder und keine andere Wahl.

 Er hat unten, an den Nähtischen, einen CD-Player aufgestellt, aus dessen Boxen 14 Stunden am Tag arabische Lieder dröhnen. Eine helle Frauenstimme singt von Hoffnung und von Glück. Die Musik treibe die Kinder an, sagt Nasser – "hält sie im Rhythmus". Er geht durch ihre Reihen, die Arme verschränkt auf seinem Rücken, wie ein Lehrer durchs Klassenzimmer. Die Kinder dürfen nicht miteinander reden. Reden, ruft Nasser ihnen zu, hält die Produktion auf, kostet Geld. Sie haben am Tag nur eine Pause, 40 Minuten, in denen sie warme Limonade trinken, Linsensuppe essen und sich, hinter einem alten Vorhang gleich nebenan, über einem Loch im Beton entleeren.

 Jetzt, während der Fastenzeit, sagt Alin in einer dieser Pausen, darf sie tagsüber überhaupt nichts essen und keinen Schluck trinken. Sie hat sich zwischen roten und schwarzen Stoffbergen auf den Boden gehockt. Sie ist schon gegen Mittag so erschöpft, dass sie sich kaum mehr aufrecht halten kann. Sie versucht, an etwas Schönes zu denken, und sagt, dass sie das kleine Krokodil am liebsten nähe. Sie mag Krokodile, weil Krokodile starke Tiere seien. Wenn sie könnte, sagt Alin, würde sie selbst einfach davonschwimmen, nach Europa, so wie andere Frauen und Mädchen es getan hätten, nachdem sie hier, in Mersin, kein Heim und keine Arbeit gefunden haben. Sie besorgten sich ein Busticket, fuhren die Küste entlang nach Bodrum. Dort stiegen sie in ein Schlauchboot, und dann, sagt Alin, hat sie nie wieder von ihnen gehört.

 Sie weiß, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken. Aber sie weiß auch, dass vielen die Überfahrt gelingt. Auf die Kinder, die das geschafft haben, sei sie neidisch, sagt Alin, weil sie nicht arbeiten müssten, sondern zur Schule gehen könnten. Alin erzählt, dass sie schon immer davon träumte, Ärztin zu werden, und dass sie nun fürchtet, ihr Leben lang im Keller zu bleiben. Sie ist jetzt seit zwei Jahren in keiner Schule mehr gewesen. Ihr Bruder Ahmed, sagt sie, "hat keine Ahnung, wie viel zwölf mal zwölf sind".

 Kinder wie die beiden – die Straßen von Gaziantep und Mersin sind inzwischen voll von ihnen. Und an den Häuserwänden beider Städte, Alin und Ahmed gehen jeden Tag daran vorbei, hängen neben Werbung für Coca-Cola oder Erdoğan große, arabische Plakate. Der "Islamische Staat" lässt sie kleben, lockt mit Taschengeld und Essen, mit einer "großen Familie", die sich um Jugendliche kümmere.

 Alin weiß nicht genau, was der "Islamische Staat" ist. Sie kennt nur Bilder von vermummten Kämpfern, die Menschen den Kopf abschneiden oder bei lebendigem Leib verbrennen. Manchmal, wenn sie abends von der Fabrik zu ihrem Schlafplatz geht, sieht sie andere Kinder, die sich verkleiden, um Hinrichtungen nachzuspielen.

  Es ist nicht lange her, sagt Alin, da habe sie mitbekommen, wie Nasser und andere Männer sich erzählten, in Gaziantep, wo Ahmed lebt, sei eine Bombe explodiert. Ein Auto, beladen mit Sprengstoff, war vor eine Polizeistation gefahren. 2 Menschen starben, 22 wurden verletzt, und der Fahrer des Autos, so hieß es, war ein junger Syrer, minderjährig, noch ein Kind.

 Als Alin davon hörte, war es, als hätte sie der Schrecken von Aleppo wieder eingeholt. Ahmed schrieb, ihm sei nichts geschehen, aber das genügte Alin nicht. Sie, die ältere Schwester, beschloss, ihren Bruder zu holen, ihn persönlich zu beschützen. Am Morgen darauf nahm sie 50 Lira, alles Geld, das sie besaß, und setzte sich in einen Bus nach Gaziantep.

 Die Fahrt dauerte fünf Stunden. Alin sah aus dem Fenster, sah die Baumwollfelder von Adana, auf denen sie selbst einmal gearbeitet hatte, und die Steinbrüche bei Gaziantep, auch dort arbeiten jetzt Kinder. Als der Bus ankam, rief Alin ihren Bruder an, aber Ahmed ging nicht ans Telefon. Sie saß am Busbahnhof und wählte seine Nummer, ungefähr zwanzig Mal, aber er meldete sich nicht. Alin probierte stundenlang, bis es dunkel wurde. Dann stieg sie in den letzten Bus zurück nach Mersin.

 Auf dieser Fahrt, sagt Alin, habe sie sehr lange gebetet, für ihren Bruder und dafür, dass sie sich wiedersehen, irgendwann. Sie musste auch an das Lied über die zwei Kinder denken, das sie früher einmal, in einem anderen Leben, in ihrer Schulklasse gelernt hatte. Die Kinder in diesem Lied wurden gerettet. Sie durften, als der Krieg vorüber war, zurück in ihre Heimat gehen. Alin kam ins Grübeln. Sie kam zum Schluss, dass Allah vielleicht zwei Kinder retten könnte, aber doch wohl nicht Hunderte, bestimmt nicht Hunderttausende. Und dann, sagt Alin, stellte sie sich vor, was mit Ahmed und ihr geschähe, wenn das Glück sie nicht fände; wenn ihr Schicksal nicht das der beiden Kinder in dem Lied wäre, sondern eines, das kein gutes Ende nähme.

 Erst spät an diesem Abend traf eine Nachricht von Ahmed ein. Er schrieb: "Hallo Schwester, wir haben Tage und Nächte Schrott gesammelt. Bald reicht mein Geld, bald habe ich genug für dich und mich zusammen."

 Am Morgen nach ihrer Rückkehr aus Gaziantep ging Alin, wie in jeder Nacht vor Sonnenaufgang, wieder zur Arbeit, 15 Stufen hinab in den feuchten, nach Schweiß riechenden Keller. Nasser, der Chef, empfing sie mit harten Flüchen, weil sie einen ganzen Tag lang gefehlt hatte, weil tausend Säume ungenäht geblieben waren. Sie ging schweigend zu ihrem Platz, schob das Kissen hinter ihren Rücken, stellte ihren linken Fuß auf das Pedal, die rechte Hand legte sie an die Maschine. Aber dann rannen Tränen über ihre Wangen. Sie schämte sich, schlug beide Hände vor ihr Gesicht, doch sie konnte nicht aufhören zu weinen. Es war nicht wegen ihrer toten Eltern. Nicht wegen der Schmerzen in ihrem Körper. Es war, so erzählt sie, weil Nasser, ein Erwachsener, sie gescholten hatte. Sie fühlte sich, nur einen Moment lang, wie ein Kind.