2017

liberty message

Nummer 440

Ein junger Jemenit wird vor 14 Jahren als Unschuldiger nach Guantanamo verschleppt. Er wird gefoltert, isoliert, verhungert fast. Er hofft auf Obama, später verachtet er ihn. Jetzt fürchtet er sich nur noch vor der Freiheit.

Von Claas Relotius, Der Spiegel, 09.04.2016

Der Tag, an dem Mohammed Bwasir beschloss, nie wieder ein freier Mensch zu werden, begann mit Schritten auf dem Flur. Es war der 5077. Tag seiner Gefangenschaft und der Morgen seiner bevorstehenden Entlassung, kurz vor sieben Uhr, über Guantanamo wurde es gerade erst hell, als Soldaten des Hochsicherheitstrakts, Camp Delta, bewaffnet in Bwasirs Zelle traten.

Sie führten den Humpelnden aus dem Lager, zogen ihm eine Jeans und Turnschuhe mit Klettverschlüssen an, aus seinem langen, grau schimmernden Bart kämmten sie Schmutz und Staub. Der Gefangene Mohammed Bwasir, vermerkten Ärzte in ihrem Bericht, "zeigte keine Anzeichen von Widerwehr".

Vor den Toren des Lagers, auf dem Rollfeld der U. S. Air Force, wartete eine C-17-Transportmaschine, bereit zum Start Richtung Europa. Der Lagerkommandeur drückte Bwasirs Hand, ein Abschied ohne Bedauern, ohne Entschuldigung. Bwasir ging auf die Flugzeugrampe zu, der Freiheit entgegen.

Für das, was dann geschah, gibt es nur wenige Zeugen, aber viele Erklärungen. Es gibt Offiziere, die behaupten, Bwasir sei krank oder verrückt. Es gibt Soldaten, die glauben, er verlor ganz plötzlich den Verstand. Und es gibt Häftlinge, die sagen, er bekam es einfach mit der Angst zu tun.

Mohammed Bwasir, 35, geboren im Jemen, hatte fast die Hälfte seines Lebens in Guantanamo verbracht, er war 14 Jahre lang eingesperrt im sichersten Gefängnis der Welt. An diesem Morgen war er bloß noch Schritte entfernt von dem Flugzeug, aber irgendwann, von einem Augenblick zum nächsten, setzte er keinen Fuß mehr vor den anderen. Er blieb einfach stehen.

Mohammed Abdullah Ali Bwasir, Häftling Nummer 440, so steht es im psychologischen Gutachten des Naval Hospital Guantanamo Bay, ist nicht krank oder verrückt. "Er ist ein Insasse, der seine Freiheit fürchtet ... ein Mensch, der lieber eingesperrt bleibt in einer Zelle, als in einer Welt, die er nicht kennt, zu leben."

Die Geschichte von Mohammed Bwasir ist die eines Gefangenen. Sie handelt von einem jungen Mann, der nach Afghanistan aufgebrochen war und in einem Käfig auf Kuba landete. Sie erzählt von seinem Kampf gegen ein Lager, das ihm seine Seele raubte und das heute, fast eineinhalb Jahrzehnte später, sein Zuhause geworden ist. Nur Bwasir selbst, abgeschottet hinter hohen Mauern, kennt die ganze Wahrheit dieser Geschichte, kennt dieses Lager, das für Insassen wie ihn Camp Delta heißt, seit 14 Jahren.

Wer es besucht, wer sich hinter die Zäune Guantanamos führen lässt, vorbei an einem Empfangsschild mit dem Motto "Der Freiheit verpflichtet", sieht vor allem Soldaten, aber kaum mehr Häftlinge. 89 Männer sitzen noch in den Zellen, sie spazieren jeden Morgen im Licht von Suchscheinwerfern, während aus Lautsprechern die amerikanische Nationalhymne ertönt. Keine 20 von ihnen wurden je angeklagt, und doch werden sie bewacht von 2000 Marines. Die U. S. Navy hat um das Lager herum eine amerikanische Kleinstadt errichtet, ein Potemkinsches Dorf aus McDonald's-Filialen und Freiluftkinos, aus Golfplätzen und Karaoke-Bars. Am felsigen Strand der Bucht, an dem die Gefangenen einst in Ketten landeten, spielen Soldaten an Wochenenden Beachvolleyball mit ihren Kindern. Dort, wo früher Camp X-Ray war mit seinen Folterkammern, kreisen jetzt Geier im Aufwind, wuchern Schlingpflanzen aus dem Boden, als sollten sie eine lange zurückliegende Schande bedecken.

Wer als Reporter nach Guantanamo reist, kann Mohammed Bwasir dort nicht sehen, nicht sprechen, aber es gibt Menschen, die ihm eine Stimme geben. Ein Anwalt in Atlanta. Ein Bruder im Jemen. Einstige Zellennachbarn. Und es gibt Dokumente, Lagerberichte aus Guantanamo, geleakte Geheimakten des Pentagon, auch persönliche Briefe, die helfen, seinen Fall zu erzählen. Sie führen auf das Rollfeld, auf dem dieser Text beginnt, und nehmen ihren Anfang weit weg von Kuba, in den Straßen von Hawra, einem erdbraunen Bauerndorf im Jemen.

Es ist das Jahr 2001, Mohammed Bwasir ist 19 Jahre alt, der Sohn eines Predigers, das viertjüngste von elf Geschwistern. Ein Träumer, der viel lacht, sagen seine Freunde. Ein naiver Junge, der sich mehr für Mädchen als für den Islam interessiert, sagen seine Eltern. Auf der Suche nach Sinn in seinem Leben, verlässt er seine Heimat.

Er reist zu seinem Bruder Salih nach Afghanistan. Salih, sieben Jahre älter, studiert in Taloqan, einer Provinzhauptstadt im Norden, er lässt Mohammed bei sich wohnen, erzählt ihm von einem Waisenheim, das Helfer sucht. Mohammed bekommt die Stelle, er kümmert sich um Kinder, deren Eltern von Taliban ermordet worden waren. Er bereitet Essen für sie zu, bringt ihnen Lesen und Schreiben bei, liest ihnen vor, wenn sie nicht schlafen können.

Sein Leben in Freiheit, so wird Mohammed Bwasir Jahre später noch hundertfach zu Protokoll geben, endet an einem Abend im November, zwei Monate nachdem in New York die Türme gefallen sind, vier Wochen nachdem US-Streitkräfte begonnen haben, Ziele in ganz Afghanistan zu bombardieren. Die Nacht ist kalt und klar, Bwasir ist auf dem Weg vom Heim zu seiner Wohnung, als Männer mit Kalaschnikows dort auf ihn warten. Vielleicht sind es Kopfgeldjäger, vielleicht Söldner der afghanischen Armee, sie reichen Bwasir die Hand, bevor sie ihn bewusstlos schlagen.

Unter Schmerzen erwacht er nicht in Taloqan, sondern in Masar-i-Scharif, auf dem Betonboden einer Kaserne, neben anderen jungen Arabern. Ihre Entführer foltern sie nacheinander. Sie zwingen die Gefangenen, nackt im Schnee zu stehen, hängen sie an Ketten auf, peitschen mit Stromkabeln auf ihre Körper. Die Männer, die Bwasir nach jedem Hieb verhören, berichtet er, sind Amerikaner ohne Uniform. "Osama Bin Laden! Mullah Omar!", wieder und wieder brüllen sie diese Namen.

Bwasir erträgt die Gewalt neun Tage lang. Irgendwann sieht er andere Männer, Pakistaner, neben sich hängen, tot. Irgendwann prügeln seine Peiniger mit Gewehren auf ihn ein, bis sein Schädel bricht. Irgendwann gesteht er alles, was sie von ihm verlangen; Verbindungen, die ihm nichts sagen, Reisen, die er nie unternommen hat.

Mohammed Bwasir, so formuliert es sein späterer Anwalt in Klagen gegen das Verteidigungsministerium der USA, befindet sich in einem "traumartigen Zustand", als er das Geständnis einer Schuld, die er nicht hat, unterschreibt.

In Dokumenten des Pentagon, in noch lange unter Verschluss gehaltenen Berichten über Bwasirs Vergangenheit und Festnahme, taucht darüber kein Wort auf. In der Akte SECRET-NOFORN-22331027 steht von diesem Tag an, in präzisen, militärisch genauen Sätzen, eine andere Geschichte über Mohammed Bwasirs Leben. Sie erzählt von einem jungen Mann, der mit gefälschtem Pass nach Afghanistan gereist war. Von einem Schulabbrecher, der seine Heimat verlassen hatte, um mit Terroristen in den Krieg zu ziehen. Sie erzählt von einem Kämpfer der Qaida, einer Bedrohung für Amerika.

Bwasirs Reise nach Guantanamo beginnt im Februar 2002, auf der U. S. Military Base in Kandahar. Eines Abends holen Soldaten ihn aus einem Kerker und binden ihm eine Windel um. Sie stülpen ihm einen Sack über den Kopf und Ohrenschützer, die alles um ihn herum verstummen lassen. Dann führen sie ihn an einer Leine um den Hals in den kühlen Bauch eines Transportflugzeugs. Kniend, nackt, Schulter an Schulter mit anderen Gefangenen, wird er dort an den Boden gekettet und wie Frachtgut verzurrt. Die Maschine fliegt 26 Stunden lang Richtung Westen, über das Mittelmeer, Europa, den Atlantik. Bwasir friert, bekommt Krämpfe, er verliert das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kommt, findet er sich gefangen in einer Wüste, in einem Labyrinth aus Stacheldraht und Zäunen. Die Sonne Kubas brennt in sein Gesicht.

Nur wenige Fotografen der U. S. Navy dürfen dokumentieren, wie die ersten Gefangenen in Guantanamo Bay landen. Was sie sehen, sind Bilder wie vor einer Hinrichtung. Teenager und alte Männer, kahl rasiert, sie stolpern an Ketten durch den Sand, tragen schwarze Taucherbrille und Mundschutzmaske, an ihrem Leib einen orangefarbenen Overall, die Kleidung der zum Tode Verurteilten.

"Enemy combatants", feindliche Kämpfer, so werden sie offiziell genannt. Sie sind keine Kriegsgefangenen, die Rechte oder Namen haben. Sie sind nur noch Nummern.

Am Anfang werden sie durchleuchtet, in Camp X-Ray, einem Röntgenlager in der Bucht, ohne Mauern, ohne Zellen, einsehbar bei Tag und Nacht. Soldaten des U. S. Marine Corps sperren sie dort in Käfige wie Vieh, zweieinhalb Quadratmeter, ein Eimer zum Trinken und einer zum Entleeren. Bwasir kann nicht stehen, nicht liegen, nachts kämpft er gegen Schlangen, die in seine Kleider kriechen, tagsüber gegen die Hitze, vor der er keinen Schutz findet.

Nach drei Monaten verlegt ihn der Geheimdienst ins Camp Delta, ein Lager an einer Klippe über dem Meer, mit Zementmauern statt Zäunen und fensterlosen Zellen. Mohammed Bwasir wird bald 14 Stunden am Tag darin verhört, und gibt er keine Antwort, zwingen Spezialisten des CIA die Worte aus ihm heraus. Sie entziehen ihm den Schlaf, sperren ihn ein in enge dunkle Boxen, nächtelang, manchmal auch Wochen.

Aus dem Lagerbericht vom 17. September 2003:
Der Gefangene sitzt seit 19 Monaten in Einzelhaft, isoliert von anderen Gefangenen. Er widerruft sein Geständnis.

Für seine Familie, für seine Eltern und Geschwister im Jemen, ist es, als habe sich Bwasir in nichts aufgelöst. Wer auf Guantanamo sitzt, hält das Pentagon geheim. Die Gefangenen Amerikas haben keine Namen, nicht im Lager, nicht in der Welt. Erst nach zwei Jahren entscheidet der Supreme Court, das höchste Gericht der USA, dass das Gefängnis auf Kuba in die Zuständigkeit amerikanischer Gerichte falle; dass jeder Insasse das Recht auf einen Anwalt habe.

Fast zwölf Jahre später, an einem Montagmorgen im Februar, sitzt John Chandler im 16. Stock eines Wolkenkratzers in Atlanta, an den Wänden seines Büros hängen Urkunden wie Trophäen. Chandler, 72, blaue Augen, blauer Anzug, ist ein Mann mit tiefer Stimme und rollendem Akzent, einer der renommiertesten Verteidiger des Bundesstaates Georgia. Er trinkt Cola aus einer Dose, blättert durch Mohammed Bwasirs Akte, einen kiloschweren Ordner, während er erzählt, wie sein Kampf um dessen Freiheit begonnen hat.

Es ist der Sommer 2004, der "Krieg gegen den Terror" hat längst den Irak erreicht, als das Center for Constitutional Rights, eine New Yorker Organisation für Verfassungsrechte, Kanzleien in ganz Amerika für den Kampf gegen Guantanamo gewinnt. Eines Morgens erhält auch Chandler einen Anruf. Ein Gefangener aus dem Jemen, heißt es, brauche Hilfe.

Chandler, eigentlich Wirtschaftsanwalt, hat bis zu diesem Tag nur für große Firmen gearbeitet, für hohe Provisionen. Guantanamo ist juristisches Niemandsland, aber genau das reizt ihn. "Es war ein toter Winkel", sagt er, "den kein Anwalt zuvor betreten hatte."

Für Chandler, im Süden aufgewachsen mit dem Kampf um Bürgerrechte, spielt keine Rolle, ob Bwasir ein Terrorist ist oder nicht. Um Einsicht in dessen Akte zu erhalten, reicht er Klage ein gegen die Regierung der Vereinigten Staaten und ihren Präsidenten. In Civil Action No. 05-280 (GK) beantragt er bei "George W. Bush, 1600 Pennsylvania Avenue NW, Washington, D. C. 20500", den Gefangenen "Mohammed Abdullah Ali Bwasir, Guantanamo Bay, Cuba" entweder freizulassen oder die Gründe seiner Inhaftierung bekannt zu geben. Drei Monate später darf Chandler seinen Klienten zum ersten Mal sehen.

In einer Propellermaschine, die in Fort Lauderdale, Florida, startet, fliegt er, über die Bahamas, drei Stunden Richtung Südosten. Beim Anflug auf den Marinestützpunkt Guantanamo Bay fällt sein Blick auf einen Landstrich aus Wachtürmen, Baracken und kilometerweiten Zaunanlagen. "Es sah aus", sagt Chandler, "wie ein Konzentrationslager in der Karibik."

Als er Bwasir zum ersten Mal gegenübersitzt, in einem weiß gekachelten Besucherraum, fallen ihm zuerst dessen Verletzungen auf, die Narben an seinem Schädel. Dann sieht er einen schmalen Mann vor sich, so erzählt er, "der viel gelitten hatte, der wütend war und misstrauisch, aber bereit, für sich zu kämpfen".

Sie können sich kaum verständigen. Bwasir spricht nur wenige Worte Englisch, Chandler kein Arabisch. Bwasir will wissen, wann der Termin für seinen Prozess sei, aber Chandler weiß keine Antwort. Es gibt keinen Prozess, keine Anklage, keine Beweise, sagt er, nicht mal ein Gericht, das die Fälle der Gefangenen verhandelt.

Aus der Akte "Bwasir vs. Bush" vom 20. September 2004:
Der Gefangene wurde keines Verbrechens überführt oder angeklagt. Hiermit wird seine sofortige Freilassung beantragt.

Es ist der Beginn eines gemeinsamen Kampfes, in Camp Delta und in einem Kanzleigebäude in Atlanta. Chandler steht Bwasir bei, er wird dessen einziger Kontakt zur Außenwelt. Er engagiert einen Übersetzer und reist bald in den Jemen, nach Afghanistan, er trifft Bwasirs Familie und dessen Bruder Salih. Je mehr er dort erfährt, je mehr auch über die Schicksale anderer Guantanamo-Insassen bekannt wird – es sind fast immer die gleichen Geschichten von Entführungen und Folter –, desto stärker zweifelt er an Bwasirs Schuld.

Bwasir selbst schreibt seinem Anwalt jeden Monat einen Brief auf Arabisch, von rechts nach links. Am Anfang taucht in seinen Nachrichten häufig das Wort "Zukunft" auf. Es ist, als glaube Bwasir, seine Gefangenschaft sei nur ein Irrtum, ein schlimmes Unrecht, das vorübergehe. Er macht Pläne für die Zeit danach. Er träumt davon, schreibt er, seinen 25. Geburtstag im Garten seiner Eltern zu feiern, "mit Akaziensaft und Pistaziencreme, unser ganzes Dorf soll kommen".

Bwasirs 23. Geburtstag ist einsam und grell. In seiner Zelle, 2,03 Meter breit, 2,44 Meter lang, brennt Neonlicht fast jede Nacht.

Die Gefangenen von Camp Delta werden aufgeteilt in drei Komplexe, im ersten die Kooperativen, im zweiten die Gefügigen, im dritten die Gefährlichen. Bwasir bleibt nie länger als eine Woche in einem Block. In den ersten Jahren wird er hin und her geschoben wie eine Figur auf einem Schachbrett. Die Gefangenen sollen nirgendwo ankommen, nirgendwo Halt finden, nicht untereinander und nicht in ihrem Glauben. Es gibt keinen Koran, keinen Teppich zum Beten, auf dem Betonboden mancher Zellen kleben Pfeile, aber sie zeigen nicht nach Mekka, sondern nur auf die Toiletten.

Aus dem Lagerbericht vom 5. März 2005:
Besitz jedes Häftlings: 1 Seife, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gummimatratze, 1 Trinkbecher, 15 Blatt Toilettenpapier am Tag.

Regiert wird das Lager durch ein System aus Belohnung und Bestrafung: Wer mit anderen Gefangenen flüstert, kommt in Isolationshaft. Wer kooperiert, sieht 20 Stunden Tageslicht pro Woche.

Bwasir hat viel Zeit zum Nachdenken. Er denkt über sich selbst nach, über sein Leben. Er stellt sich vor, was er mit diesem Leben anfangen würde, käme er frei. Er schreibt seinem Anwalt, er wolle nicht zurück nach Afghanistan, nur nach Hause, in den Jemen. Er schreibt, er möchte dort eine Familie gründen und einen Beruf erlernen, "Tischler oder Schmied".

Einmal im Jahr, bei guter Führung, darf Bwasir, auf einen Metallstuhl gekettet, vor einer Kommission sprechen, sich verteidigen, 30 Minuten lang. Ein Militärtribunal aus Zelten, genannt Camp Justice, soll Guantanamo erscheinen lassen wie ein rechtmäßiges Gefängnis. Einen Richter sehen die Insassen dort nicht.

Wie lange kann ein Mensch Hoffnung haben, wo hinter schweren Stahltüren und Metallwänden nur ein Nichts ist? Wie viel Ungewissheit erträgt er, bis er bricht?

Nach vier Jahren sieht Bwasir andere Gefangene, die das Warten in ihrer Zelle nicht länger ertragen, die nicht mehr daran glauben, freizukommen. In stillen Nächten, da Wachen sie kaum beobachten, bedecken sie die Kamera in ihrer Zelle mit ihrem orangefarbenen Overall, steigen auf ihr Waschbecken und erhängen sich mit dem Bettlaken. Einmal, als das Licht für ein paar Stunden ausgeschaltet bleibt, versuchen zehn Männer in einem Trakt, mit angesammelten Tabletten in den Tod zu fliehen, nur einer nicht, Bwasir.

Er kapituliert nicht, er kämpft. Gegen die Ungewissheit, gegen die Leere, auch gegen die Demütigungen der Soldaten. Mal drohen sie ihm mit Vergewaltigungen. Mal wollen sie ihn zwingen, aus einem Napf zu essen wie ein Tier. Bwasir hat keine Angst, er spuckt den Wachen ins Gesicht. 

Aus dem Lagerbericht vom 19. März 2007:
Der Gefangene widersetzt sich. 27 Verstöße gegen die Lagerordnung: Besitz von Schmuggelware, Beschimpfung der Soldaten, Zerstörung von Regierungseigentum, Teilnahme an Aufständen, Missbrauch von Körperflüssigkeiten. 

Mohammed Bwasir bricht nicht im vierten Jahr auf Guantanamo, auch nicht im fünften. Er bricht nicht durch die Folter, an der andere zugrunde gehen, Waterboarding, simuliertes Ertrinken.

Mohammed Bwasir, so erinnern sich Mitinsassen, wird erst im sechsten Jahr ein anderer, in der 2072. Nacht seiner Gefangenschaft.

Gegen Abend ist es, als Soldaten der "Immediate Reaction Force", einer Spezialeinheit für Züchtigungen, Bwasir aus seiner Zelle holen und sagen, sie wollen eine Party feiern. Bwasir rechnet mit Prügeln, mit Elektroschocks, aber sie sagen nur: "Der Boss wird für dich singen."

Sie ziehen ihm die Kleider aus und führen ihn in eine dunkle Kammer, die sie den "Gefrierraum" nennen. Dort zwingen sie ihn, bei zehn Grad Celsius, in eine Stressposition, fesseln seine Arme hinter dem Rücken an seine Beine. Bald staut sich Blut in seinen Adern, bald schwellen seine Glieder an, sein ganzer Körper verkrampft vor Schmerzen. Dann schalten die Soldaten, über vier Lautsprecher direkt neben seinem Kopf, Musik ein, Bruce Springsteen, "Born in the U.S.A.".

Born down in a dead man's town
The first kick I took was when I hit the ground
End up like a dog that's been beat too much
Till you spend half your life just covering up
Born in the U.S.A., I was born in the U.S.A.
I was born in the U.S.A., born in the U.S.A.

Die Musik hämmert auf Bwasir ein, mit jeder Strophe lauter, brüllender. Sie zerfetzt seine Sinne, beginnt wieder und wieder von vorn. Bald mischt sich das Geschrei von Babys darunter, bald das Geräusch jaulender Katzen.

Got in a little hometown jam
So they put a rifle in my hand
Sent me off to a foreign land
To go and kill the yellow man

Bwasir verliert die Kontrolle über seinen Verstand, über seinen Körper. Er schreit um Hilfe, zittert, schwitzt, kauert in seinen Exkrementen. Es hört die ganze Nacht nicht auf.

Born in the U.S.A., I was born in the U.S.A.
Born in the U.S.A., born in the U.S.A. 

Als sein Anwalt John Chandler ihn das nächste Mal besucht, liegt Bwasir, in sich zusammengesunken, auf dem Boden seiner Zelle und erklärt, er wolle sterben.

Es ist die Zeit, von der an Bwasir den Kampf um seine Freiheit nicht mehr gegen das Lager, sondern gegen sich selbst richtet. Es ist der Tag, von dem an er mit seinem eigenen Verschwinden droht.

Aus dem Lagerbericht vom 20. Februar 2009:
Der Gefangene tritt in Hungerstreik, verweigert die Nahrungsaufnahme. 

Bwasir ist nicht der Einzige, der das Essen, das ihm die Wachen einmal morgens und einmal abends durch die Zellentür schieben, bald nicht mehr anrührt. Dutzende protestieren so für einen Prozess, für ein rechtsstaatliches Verfahren, aber Bwasirs Körper schwindet schnell, wird von Tag zu Tag weniger. Er kann bald nicht mehr aufstehen, er erbricht Blut, magert binnen Wochen ab bis auf die Knochen.

Irgendwann, als er nur noch 41 Kilogramm wiegt, dem Tod schon nahe, beschließt das Lagerkommando, ihn unter Zwang zu ernähren. Militärärzte schnallen ihn zweimal am Tag mit sechs Gurten auf einen Fixierstuhl, führen ihm einen gelben, 110 Zentimeter langen Plastikschlauch, mit Honig oder Olivenöl als Schmiermittel, durch seine Nase, durch seine Speiseröhre, bis in den Magen. So pumpen sie eineinhalb Liter Flüssigkeit durch seine Organe.

Es gibt ehemalige Guantanamo-Insassen, die Zwangsernährungen erlitten haben, sie beschreiben einen Schmerz, der sich anfühlt, "als würde man von innen verbrennen". Der Gefangene kann sich nicht rühren, würgt, hat das Gefühl, am eigenen Brechreiz zu ersticken.

Bwasir lässt die Qualen über sich ergehen, 140 Tage lang. Dann, am 20. Januar 2009, wird Barack Obama, ein schwarzer Senator aus Illinois, ein Professor für Verfassungsrecht, der 44. Präsident der USA.

Es ist ein bedeutender Tag für Amerika. Es könnte auch ein wichtiges Datum für Guantanamo werden. Nur zwei Tage nach seinem Amtsantritt erklärt der Präsident die Schließung des Gefangenenlagers zur nationalen Priorität. Er kündigt an, Guantanamo innerhalb eines Jahres dichtzumachen. Er verspricht, Folter abzuschaffen, den Fall jedes Häftlings, jedes Terrorverdächtigen, zu überprüfen.

Es vergeht nur eine Woche, dann erreicht dieses Versprechen die Zellen von Camp Delta. Und Mohammed Bwasir, so steht es im Lagerbericht, beginnt wieder zu essen.

Er fängt an mit drei Löffeln Brei am Tag, dann jede Woche zwei Löffel mehr. Er zwingt sich und seinen Körper noch einmal auf, er will wieder zu Kräften kommen. Er beginnt Englisch zu lernen, lässt sich von Chandler ein Buch mitbringen, eine Biografie über Barack Obama, 480 Seiten, ihr Titel klingt wie ein Verheißung: "Hoffnung wagen".

Mohammed Bwasir liest dieses Buch im ersten Jahr fünfmal. Mit einem blauen Filzstift markiert er Stellen, an denen der neue Präsident gerecht und gnädig erscheint wie der Messias. Im zweiten Jahr, Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen, liest Bwasir das Buch noch ein sechstes Mal, aber nichts geschieht, Guantanamo bleibt ein Gefängnis. Am Ende des dritten Jahres, vier Wochen nach Bwasirs 30. Geburtstag, unterschreibt der Präsident ein Gesetz, das die zeitlich unbegrenzte Inhaftierung Terrorverdächtiger legalisiert. Es ist der 31. Dezember 2011, die Gefangenen hören, wie über dem Stützpunkt Feuerwerksraketen in den Himmel schießen. Bwasir nimmt das Buch und malt Obamas Gesicht zu einer Fratze.

Aus dem Lagerbericht vom 15. Januar 2012:
Der Gefangene resigniert.
Nahrungsaufnahme: zufriedenstellend.

Mohammed Bwasir soll zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon lange ein freier Mann sein. Er selbst kann es nicht wissen, lange ahnt nicht einmal sein Anwalt etwas. Aber so steht es geschrieben, seit Jahren, in Militärmemoranden des Pentagon.

Irgendwann geraten diese mehr als 7000 Seiten an die Plattform WikiLeaks und darüber in die ganze Welt. Es sind eigentlich streng geheime Dokumente, sie geben Einblick in einen tiefen Abgrund US-amerikanischer Regierungspolitik. Sie beschreiben und bewerten, sauber gegliedert, die Fälle von 765 Guantanamo-Häftlingen; ihr Verhalten in Gefangenschaft, die Hintergründe ihrer Gefangennahme und die ihnen zur Last gelegten Taten.

Kaum jeden dritten stufte das Pentagon je als Terroristen ein. Viele, verschleppt nur auf Verdacht und zu Verhörzwecken, waren Lehrer oder Sozialarbeiter, Geschäftsmänner oder Gemüsebauern. Sie stammten aus mehr als 40 Ländern, der Älteste war 89, der Jüngste noch keine 14. In den Dossiers über viele von ihnen steht, schwarz auf weiß: "Low-level-Importance" und "Recommended for Release", empfohlen zur Entlassung.

Es ist wie ein amtliches Zertifikat ihrer Unschuld. Mohammed Bwasir erfährt das von Chandler, seinem Anwalt. Er erfährt, dass Amerika ihn bereits seit fünf Jahren, genau nach der Hälfte seiner Haftzeit, nicht mehr gefangen halten will. Es will ihn loswerden, ihn abschieben, die ganze Zeit schon. Es weiß nur nicht, wohin.

Hunderte der Gefangenen schickt das Pentagon zurück in ihre Heimatländer. Aber in Bwasirs Heimat herrschen Unruhen, der Arabische Frühling zieht auf im Jemen, und die US-Regierung will keine Männer aus Guantanamo in Krisenstaaten.

Bwasirs Name kommt auf eine Liste, zusammen mit den Namen Dutzender Häftlinge, die Drittländer übernehmen sollen. Wer von ihnen entlassen wird, wann und in welches Land, weiß in Camp Delta niemand.

Es gibt ehemalige Insassen, die Glück hatten und die heute freie Männer sind. Sie leben jetzt, wie Treibgut über die halbe Welt verteilt, in England und in Uruguay, in Ghana und in Bulgarien. Auf Guantanamo, erzählen sie am Telefon, lag ihre Zelle im selben Block wie die von Mohammed Bwasir. Manche von ihnen haben ihn dort hungern sehen, andere haben ihn weinen oder schreien gehört. Aber keiner von ihnen kann genau sagen, wann er aufhörte zu kämpfen, ab wann er sich, geräuschlos, seinem Schicksal fügte.

Es geschah nicht plötzlich, sondern schleichend, sagt John Chandler, Bwasirs Anwalt in Atlanta. Er hat Bwasir in den vergangenen vier Jahren noch ein Dutzend Mal besucht, aber dessen Briefe wurden von Monat zu Monat kürzer, seltener. Er hat in Bwasirs Namen immer weiter geklagt, gegen das Pentagon, gegen die Regierung, gegen den Präsidenten. "Irgendwann", sagt Chandler, "hat es Bwasir nicht mehr interessiert."

Es ist das Jahr 2012, Barack Obama tritt zur Wiederwahl an, und Guantanamo wird nicht geschlossen, sondern ausgebaut. Das Pentagon stellt eine Handvoll Männer, mutmaßliche Drahtzieher des 11. September, in Camp Justice vor Gericht. Die anderen Insassen werden verlegt in einen neuen Trakt, gebaut auf zwei Ebenen, wie ein modernes Zivilgefängnis.

Bwasirs Zelle dort hat einen Schreibtisch und ein kleines Fenster. Die Gefangenen tragen kurze Hosen und weiße Hemden. Sie essen halal, nach islamischem Recht zulässige Speisen, und sie dürfen miteinander reden oder Schach spielen. Sie teilen sich einen DVD-Raum mit Tierdokumentationen, eine Lagerbibliothek mit mehr als tausend Büchern, das beliebteste ist "Harry Potter".

Bwasir, sagen andere Häftlinge, spielt selten Schach, und er redet kaum. Er bleibt fast rund um die Uhr in seiner Zelle. Er beantragt einen CD-Spieler, um Musik zu hören. Wachen geben ihm eine Compact Disc mit der Aufschrift "Greatest Hits". Es sind Songs, die dem Geheimdienst einst zur Folter dienten, aber Bwasir hört sie freiwillig in Endlosschleife.

Aus Bwasirs Playlist vom Jahr 2013:
Lynyrd Skynyrd – "Sweet Home Alabama"
AC/DC – "Hells Bells"
Britney Spears – „Baby One More Time“
Eminem – "Lose Yourself"
Bee Gees – "Stayin' Alive"
Queen – "We Are the Champions"
Meat Loaf – "I'd Do Anything for Love"

Nach zwölf Jahren, an einem Samstag im März 2014, darf Bwasir zum ersten Mal Kontakt zu seiner Familie aufnehmen. Soldaten platzieren ihn, an drei Stahlfesseln im Boden, vor einem Computer mit Internetanschluss und Skype-Verbindung. Bwasir, verzweifelt, schreit um Hilfe, er weiß nicht, wie ein Telefonanruf über einen Computer funktioniert. Er hat keine Vorstellung, was das Internet ist, er hat es noch nie benutzt. Wundersam, fast geisterhaft in Bwasirs Augen, erscheint auf dem Bildschirm vor ihm sein Bruder Salih, grau geworden. Sie sehen einander an und schweigen lange. Sie weinen gemeinsam und kommen einander fremd vor.

Salih, schon vor Jahren aus Afghanistan geflohen, zurückgekehrt in den Jemen, erzählt von ihrer Heimat, die nicht mehr dieselbe ist. Auch dort herrscht mittlerweile Krieg. Ihre Eltern, berichtet er, haben das Land verlassen. Ihre Freunde und Geschwister leben jetzt in den Emiraten oder in Oman. Nur Salih selbst ist geblieben. Er sagt seinem Bruder, er soll stark bleiben. Mohammed Bwasir nickt und antwortet nicht.

Er sieht andere Häftlinge, Zellennachbarn, das Lager verlassen, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Camp Delta leert sich langsam wie durch ein Nadelöhr, aber Bwasir selbst richtet sich mit jedem Tag mehr ein. Er beginnt, den Takt seiner Gefangenschaft zu akzeptieren; sechs Uhr morgens Weckruf, sechs Uhr abends Antreten zum Durchzählen, zweimal am Tag essen, dreimal die Woche duschen, viermal im Monat Kraftsport. Manchmal, wenn sich an Nachmittagen der Geruch gebackener Zitronenhähnchen im Block ausbreitet, wenn es Baklava zum Nachtisch gibt oder wenn über Lautsprecher der Gesang eines Muezzin erklingt, verliert Bwasir seine Wut und das Gefühl dafür, wogegen er noch kämpfen soll.

Er sieht die Fußballweltmeisterschaft im Fernsehen. Ein Flatscreen in Camp Delta zeigt alle Spiele in Brasilien mit Zeitverzögerung auf Kuba. Bwasir sieht bunte Farben, Menschenmassen, lachende Gesichter. Sie erscheinen ihm unwirklich.

Er füllt seine Zelle mit Gegenständen, hängt Poster der afghanischen Berge an jede seiner vier Wände, stapelt Bücher und Zeitschriften davor. Er liest Artikel über die Welt außerhalb Guantanamos, und er erkennt die Welt, die darin zum Vorschein kommt, nicht wieder. Osama Bin Laden, erfährt Bwasir, ist schon lange tot. In New York, wo einst Ground Zero war, steht jetzt das One World Trade Center. Über al-Qaida, über die Taliban liest Bwasir nirgends etwas, nur über einen "Islamischen Staat", der kein Staat ist. 

Aus einer Beurteilung vom 1. August 2015:
Der Gefangene erwirbt ein Photoshop-Zertifikat.

Die Gefangenen von Guantanamo sollen "life skills" sammeln. Sie sollen sich, wie ganz normale Langzeithäftlinge, auf ihre Rückkehr in eine freie Gesellschaft vorbereiten. Das Leben dort, versteht Bwasir, hängt ab von Computern. Zwei Stunden am Tag, in Räumen wie Klassenzimmern, lernt Bwasir den Umgang mit Photoshop und Microsoft Word. Er lernt, wie man eine Bewerbung schreibt und einen Businessplan erstellt, wie man einen Lebenslauf formatiert und seine Finanzen verwaltet. Aber je mehr er lernt, je näher seine Freilassung zu rücken scheint, desto häufiger denkt Bwasir darüber nach, wer einem Mann aus Guantanamo einen Job geben würde und was in seinem eigenen Lebenslauf stehen sollte; welche Erfahrungen, welches Zuhause.

Manchmal, wenn John Chandler ihn besucht, gesteht Bwasir seinem Anwalt, sich zu fürchten. Er zweifelt, ob er sich in einer anderen Welt zurechtfindet, ohne Freunde, ohne Familie, ohne einen einzigen Menschen, den er kennt.

Die Welt von Camp Delta, schreibt er in einem seiner Briefe, erscheint ihm "klein, aber vertraut". Sie besteht aus Beton und Befehlen, aber es herrscht Ordnung in dieser Welt. Sie gibt ihm vor, wann er schlafen darf, wann er essen darf, wann er beten darf. Ein schwarzer Pfeil, am Fußende seiner Pritsche auf Metall gesprüht, weist ihm die Richtung, "Makkah, 7206 Miles". Er muss in dieser Welt nicht selbst sein Wächter sein. Guantanamo wacht über ihn.

Es war einmal ein Lager, aus Amerikas Angst geboren. Es ist heute, 14 Jahre nach Bwasirs Ankunft, eine Milliarden Dollar schwere Festung seiner Paranoia, mit Fitnessräumen und Aquarellmalgruppen, umrahmt von meterhohen Mauern.

Bwasir, erzählen Lagerkommandeure, fuhr an diesen Mauern vorbei an jenem Tag im Januar, dem Morgen seiner bevorstehenden Entlassung. Ein Militärbus brachte ihn aus Camp Delta, durch sieben Kontrollbarrieren, bis zum Rollfeld, wo das Flugzeug auf ihn wartete. Der Pilot im Cockpit hatte ein Ziel in Osteuropa eingegeben, Kursrichtung Balkan. Bwasirs Zukunft, sein neues Zuhause, lag in einem Land, von dem er nie zuvor gehört hatte, dessen Namen er weder aussprechen noch buchstabieren konnte.

Die Fahrt über den Stützpunkt dauerte 40 Minuten, Bwasir saß auf der Rückbank, er konnte aus dem Fenster sehen, ganz in Ruhe. Vielleicht, sagen Soldaten, die ihn begleiteten, erkannte er den Ort seiner Ankunft wieder, aber nicht mehr den Menschen, der er selbst einmal gewesen war. Vielleicht, sagt sein Anwalt, sah er die aufgehende Sonne über dem Ozean, und vielleicht machte ihm die Schönheit Angst oder die unendliche Weite.

Der Gefangene Mohammed Bwasir, so steht es im Bericht über jenen Morgen, über die Minuten auf dem Rollfeld, weigerte sich, das Flugzeug zu besteigen. Er verlangte, in seine Zelle zurückgebracht zu werden.

Zwei Wochen später ging in einer Kanzlei in Atlanta ein Brief aus Guantanamo Bay, Kuba, ein. Es war nur ein kleines Stück Papier, darauf stand, in zittriger Schrift: "Ich bleibe hier."