2017

liberty message

Schutzengel - ganz unten

Im Juni 2013 enthüllte Edward Snowden, wie US-Geheimdienste die Welt ausspionieren. Zwei Wochen lang bangte er um sein Leben, bevor ihm die Flucht nach Moskau gelang. Das Handelsblatt hat nun jene überraschenden Helfer aufgespürt, die den Whistleblower damals versteckten. Deren Geschichte erzählt viel über die dunkelsten Seiten einer globalisierten Welt.

Von Sönke Iwersen, Handelsblatt 7.9.2016

Edward Snowden mochte kein Gemüse. Nadeeka* amüsierte sich, als sie in ihrer engen Küche das Geschirr reinigte. Der Gast, der seit drei Tagen in ihrem Zimmer schlief, mochte der meistgesuchte Mann der Welt sein. Doch in seinen Essgewohnheiten ähnelte er stark ihrer zweijährigen Tochter Sethumdi. Das Fleisch verschwand ruck, zuck, die Beilage blieb liegen. Jetzt, an diesem heißen Sommertag 2013 in einer heruntergekommenen Wohnung in Hongkong, spielten Snowden und Sethumdi miteinander auf dem Flur. Es waren die wenigen Minuten am Tag, in denen sich der Amerikaner halbwegs normal verhielt.

Nadeeka, eine zierliche Frau mit pechschwarzem Haar, erledigte den Abwasch und ging hinüber. Ihr Gast hatte sich wieder in seinem Zimmer verkrochen. Nadeeka klopfte an die Tür, öffnete und fand Snowden über seinen Laptop gebeugt. So saß er immer dort. Sie gehe jetzt einkaufen, sagte Nadeeka. Sie bedauerte Snowden. Ständig in diesem stickigen Zimmer zu sitzen, das sei doch nicht auszuhalten. Snowden sah seine Gastgeberin einen Moment lang reglos an. Dann sagte er: „Nadeeka, in diesem Zimmer lebe ich. Draußen bin ich tot.“

Das Interview 

Einen Spion wie ihn hatte die Welt noch nicht gesehen. „Mein Name ist Edward Snowden. Ich bin 29 Jahre alt. Ich arbeitete für Booz Allen Hamilton als Analyst für die NSA“, begann Snowden sein Interview, das am 9. Juni 2013 ausgestrahlt wurde. Und dann erzählte er den Zuschauern, was man als Analyst für den US-Geheimdienst NSA, die National Security Agency, so alles anstellen konnte.

Snowdens Interview löste Schockwellen aus, die rund um den Globus liefen. Hatten die Menschen seit jeher eine gewisse Skepsis gegenüber Geheimdiensten, übertrafen die Enthüllungen von Snowden alle Befürchtungen. Da saß ein junger Mann und erzählte seelenruhig, dass die NSA jede E-Mail, jede Kurznachricht speicherte, die weltweit verschickt wurde. Jede genutzte Telefonnummer wurde archiviert, jede besuchte Internetadresse, jeder Online-Einkauf. All das ohne richterlichen Beschluss, ohne politisches Mandat.

Snowdens Enthüllungen fanden auch deshalb ein solches Echo, weil er sie so gut vorbereitet hatte. Schon Wochen vor seinem Interview war der Amerikaner nach Hongkong gereist - mit einer Sammlung von USB-Sticks im Gepäck. Darauf gespeichert waren zahllose Dokumente der US-Geheimdienste. Dann bestellte Snowden den Journalisten Glenn Greenwald vom britischen „Guardian“ und die auf Dokumentarfilme spezialisierte US-Regisseurin Laura Poitras zu sich.

Anfang Juni erschienen erste Artikel über das gigantische Spitzelprogramm PRISM, mit dem sich die NSA den Zugriff auf Daten von Apple, Facebook, Google, Yahoo und anderen Konzernen sicherte. Schon dies löste Empörung aus. Tagelang rätselte die Welt, wer die Quelle dieser Enthüllungen sei. Mit seinem Interview gab Snowden der Protestbewegung gegen die US-Spitzeleien ein Gesicht.

So sorgfältig Snowden seine Enthüllungen arrangiert hatte, so wenig hatte der junge Mann an die Zeit danach gedacht. Snowden gab Greenwald sein Interview am 6. Juni 2013 im Hotel Mira im Herzen von Hongkong. Als es drei Tage später ausgestrahlt wurde, wohnte der Whistleblower noch immer im Mira. Doch jetzt, da die ganze Welt sein Gesicht kannte, konnte Snowden keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Und Greenwald, der in einem anderen Hotel eingecheckt hatte, traute sich nicht mehr zu ihm. Der Journalist wurde auf Schritt und Tritt von anderen Journalisten verfolgt. Die Enthüller hatten sich verheddert.

Der Anwalt 

Die Sonne über Lantau Island war am Montag, 10. Juni 2013, gerade erst aufgegangen, da klingelte bei Robert Tibbo das Telefon. Der 49-jährige Anwalt sah zur Uhr. Frechheit, dachte Tibbo, drehte sich um und machte die Augen wieder zu. Das Telefon verstummte, doch wenige Minuten später begann es schon wieder zu klingeln. Zwei, dreimal wiederholte sich die Prozedur, dann hielt es Tibbo nicht mehr aus. Er nahm ab.

20 Minuten später saß er in seinem Mazda. Sein Weg führte ihn von Lantau, der größten der 263 Inseln Hongkongs, nach Kowloon, wo das Mira Hotel stand. Tibbo war ein bisschen flau im Magen. Seit acht Jahren war er als Anwalt in Hongkong tätig. In einem früheren Leben hatte der Kanadier einmal als Chemie-Ingenieur in Australien für Monsanto gearbeitet und sich danach als Unternehmensberater in Hongkong selbstständig gemacht. Dann studierte er Jura und spezialisierte sich auf Menschenrechte. In Hongkong lebten rund 12.000 Flüchtlinge, oft unter erbärmlichsten Umständen. Ständig wurden sie von den Behörden drangsaliert. Viel Arbeit für Tibbo.

Der Anwalt fuhr zügig. Hongkong, die Sonderverwaltungszone an der Südküste der Volksrepublik China, hatte zwar sieben Millionen Einwohner. Doch dank der extrem hohen Kfz-Steuern und der sehr guten öffentlichen Verkehrsmittel waren die Straßen seltener verstopft als in anderen Großstädten. Tibbo fieberte seinem Ziel entgegen. Er griff zum Telefon. „Wo seid ihr jetzt? Was? Ach du Schande. Nein, das ist zu gefährlich. Ich bin gleich da.“

Tibbo betrat das Hotel. Nicht das Mira, wo Snowden feststeckte. Tibbo stand in der Lobby des W-Hotels, in dem sich Glenn Greenwald einquartiert hatte. Der Anwalt schaute sich um. Dutzende von Journalisten belagerten die Lobby. Auf der Suche nach Snowden hatten sie Greenwalds Aufenthaltsort ausfindig gemacht. Noch wussten sie nicht, wo der Mann war, den sie eigentlich suchten. Aber ihr Plan war nun einfach: Sie würden Greenwald so lange folgen, bis er sie zu Snowden führte.

Tibbo war schockiert. Wie Zigmillionen anderer Menschen auf der Welt hatte auch der Anwalt am Abend zuvor in den Nachrichten von Snowdens Interview erfahren. Und er hatte gestaunt über den Amerikaner, der vor einer Kamera so locker über die NSA plauderte. Jetzt wandelte sich Tibbos Bewunderung in Entsetzen. Hatten Snowden und die Journalisten wirklich die größten Geheimnisse der US-Sicherheitsdienste verraten und sich dann einfach schlafen gelegt?

Tatsächlich regierte eher der Zufall. Kurz nach Snowdens Interview erhielt Greenwald einen Anruf von einem Leser in Hongkong. Der Mann, den Greenwald seit langem kannte, warnte den Journalisten. In wenigen Stunden würde die ganze Welt nach Snowden suchen. Der Amerikaner brauchte dringend einen Anwalt. Und zufällig kannte Greenwalds Leser zwei der besten Menschenrechtsanwälte in der Stadt: Robert Tibbo und seinen Kollegen Jonathan Mann. Es war dieser Leser, der Tibbo wenig später aus dem Schlaf klingelte.

So verrückt die Situation war, so wenig Zeit hatte Tibbo für Manöverkritik. Er übernahm das Kommando. Jonathan Mann fuhr ins Mira Hotel zu Snowden, Tibbo zum Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Greenwald wurde dazu verdonnert, sich nicht vom Fleck zu rühren.

Tibbo hastete aus dem Hotel. In Windeseile versuchte er, dem Leiter des Flüchtlingshilfswerks sein Anliegen zu erklären. Ein Amerikaner war in der Stadt, der dringend politischen Schutz brauchte. Der Beamte war zurückhaltend. So etwas hatte auch er noch nie erlebt. Wieder klingelte Tibbos Telefon. Snowden.

Der Mann war nervös. Am Vortag hatte Snowden noch darüber philosophiert, dass ihm seine Aussage wichtiger sei als seine Freiheit. Jetzt begriff der Whistleblower, dass er beim Verlassen seines Hotels innerhalb von Minuten verhaftet werden konnte. Wo sollte er hin? „Machen Sie sich jetzt darum keine Gedanken“, sagte Tibbo. Der Anwalt hatte eine Idee.

Snowden ante portas

Nadeeka erkannte Edward Snowden nicht, als sie ihn zum ersten Mal sah. Der junge Mann stand vor ihrer Wohnungstür, mit einer Baseballmütze auf dem Kopf und nichts weiter als einer blauen Plastiktüte in der Hand. Neben ihm stand Robert Tibbo. Der Anwalt, dem Nadeeka ihre Freiheit in Hongkong verdankte, hatte sie kurz zuvor angerufen. Es gebe da jemanden, der Schutz brauchte, hatte Tibbo gesagt. Würde Nadeeka helfen?

 In dieser Nacht schlief Edward Snowden dort, wo sonst Nadeeka und ihre Tochter schliefen. In einem knapp zehn Quadratmeter großen Raum mit nackten Betonwänden auf einer alten Matratze. Nadeeka und ihre Tochter Sethumdi schliefen auf dem Boden im Korridor.

Am nächsten Morgen bat Snowden seine Gastgeberin, ihm eine Zeitung zu kaufen. Als Nadeeka die „South China Morning Post“ aufschlug, traf sie fast der Schlag. Der Mann, dessen Bild sie da sah, saß zu Hause auf ihrem Bett. Nadeeka beherbergte den meistgesuchten Mann der Welt.

Als das Handelsblatt Nadeeka kürzlich zum ersten Mal in Hongkong trifft, geht es ihr nicht gut. Es ist ein heißer Sommertag, die Temperatur liegt bei 31 Grad, die Luftfeuchtigkeit bei 90 Prozent. Nadeeka kommt gerade aus dem Krankenhaus und würde jetzt gern ihren drei Monate alten Sohn Dinath im Arm halten. Doch Dinath hatte erst ein Ohrenleiden, jetzt eine Nierenentzündung. Die Ärzte haben ihn dabehalten.

Nadeekas Wohnung liegt im ersten Stock eines Hochhauses in Kowloon. Der Weg hinauf führt vorbei an allerlei Gerümpel und Müll im Treppenhaus, Stromkästen, aus denen lose Kabel hängen. Die Fenster im Flur geben den Blick frei auf die illegalen Aufbauten, die Einwohner auf bestehende Gebäude geschichtet haben. Nadeekas Familie lebt hier zu viert in zwei Zimmern. Die Dusche ist im Treppenhaus, der Herd direkt neben der Toilette. Die Wände sind kahl, der einzige Farbtupfer ist die bunte Landschaft, die Nadeekas Mann Supun selbst auf die Mauern gemalt hat.

Als Nadeeka die Tür öffnet, hüpft hinter ihr aufgeregt ihre Tochter Sethumdi. Die Fünfjährige wirkt von der Armut um sie herum völlig unberührt. Mit leuchtenden Augen führt sie dem Besucher ihr Plastikspielzeug vor, verliert sich in einer Fantasiewelt, in der sie eine Prinzessin ist. Nadeeka streichelt ihrer Tochter den Kopf. Dann zieht sie aus einer Ecke einen zerfledderten Stuhl und einen Plastikschemel hervor. Nadeeka setzt sich und erzählt, wie es sie nach Hongkong verschlagen hat.

Die Näherin

Sie wurde 1983 in Colombo geboren, der Hauptstadt von Sri Lanka. Ihr Vater war Busfahrer, ihre Mutter Hausfrau. Als Nadeeka 18 war, begann sie, als Näherin in einer Fabrik zu arbeiten. Sie fertigte Babykleidung für Nike und Marks & Spencer. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Überstunden waren die Regel. Wer zur Toilette wollte, musste den Vorarbeiter um Erlaubnis fragen. Schaffte Nadeeka nicht die vorgegebene Zahl an Einzelstücken, musste sie ohne Entgelt weiternähen, bis sie das Soll erfüllt hatte. Bei dringenden Aufträgen arbeiteten die 600 Frauen in der Fabrik die ganze Nacht hindurch.

Harte Arbeit war nicht der Grund, warum Nadeeka ihr Land verließ. Der Grund hieß Nuwan. Nadeeka begegnete dem Mann aus einer politisch einflussreichen Familie täglich auf ihrem Arbeitsweg. Im März 2003 sprach Nuwan die schüchterne Nadeeka erstmals an. Er wollte sie zu einem Date einladen. Sie lehnte ab.

Sechs Monate lang folgte Nuwan nun Nadeeka von ihrer Arbeit zum Haus ihrer Eltern und bettelte darum, ihr Freund zu werden. Im Oktober gab Nadeeka nach - wenigstens ein bisschen. Nuwan sollte mit ihren Eltern sprechen. Die schauten sich den jungen Mann an, dann sagten sie ihm, er solle mit seinen Eltern wiederkommen. Schließlich gaben sie ihm die Erlaubnis, mit ihrer Tochter auszugehen. Vier Monate später schliefen die beiden miteinander. Nadeeka war erst dagegen, ihre Erziehung verbot vorehelichen Geschlechtsverkehr. Doch Nadeeka war sich sicher, dass sie diesen Mann heiraten würde.

Ende 2004 ging Nuwan ins Ausland. Schnell sprach sich herum, dass er dort ein sehr lockeres Leben führte. Als er Mitte 2006 zurückkehrte, erklärten Nadeekas Eltern ihm, die Beziehung mit ihrer Tochter sei vorbei. Dann begann die Tortur.

Nuwan lockte Nadeeka unter falschem Vorwand in die Wohnung eines Freundes und vergewaltigte sie. Von nun an verlangte er Sex mehrmals die Woche. Weigerte sich Nadeeka, schlug Nuwan sie zusammen und vergewaltigte sie. Aus Angst vor Stigmatisierung ging sie weder zur Polizei noch ins Krankenhaus. Als sie Nuwan mit einer Anzeige drohte, zeigte er ihr ein Video. Nuwan hatte es heimlich beim Sex gedreht. Er sagte Nadeeka, er werde es veröffentlichen, sollte sie sich wehren. Gleichzeitig erfuhr Nadeeka, dass Nuwan geheiratet hatte und seine Frau ein Kind erwartete. Nadeeka war entehrt. Niemals würde sie einen Ehemann finden. Nadeeka wollte so nicht mehr weiterleben und schluckte Insektengift.

Ärzte retteten sie, anschließend versteckte sie sich bei Verwandten. Doch Nuwan fand sie. Er drohte Nadeeka, ihren Eltern und jedem, der ihr half, mit dem Tod. Da Nuwans Familie politisch eng mit der Regierungspartei verbunden war, genoss er politischen Schutz. Die Polizei fasste seine Familie nicht an. Im Dezember 2007 floh Nadeeka nach Hongkong. Dort lernte sie den Mann kennen, den sie gern heiraten würde.

Romeo und Julia in Colombo

Supun* war einmal ein stolzer Mann. In seiner Heimat Sri Lanka glänzte er in jungen Jahren als Cricket-Spieler, dem Nationalsport seines Landes. In seiner Schule wurde er hofiert, Supun war ein Mädchenschwarm. Er träumte davon, berühmt zu werden. Heute sitzt er mit blutunterlaufenen Augen in seiner zerfallenden Wohnung neben Nadeeka und schämt sich.

Seit elf Jahren steckt er in Hongkong fest. Seit elf Jahren ist er auf die Hilfe seines Vaters angewiesen, der für seinen ältesten Sohn schon sein Haus verkauft hat. Supun würde gern selbst für seine Familie sorgen, aber er kann nicht. Als Asylbewerber darf er in Hongkong nicht arbeiten, und da sein rechtlicher Status noch immer ungeklärt ist, kann er auch nirgendwohin ausreisen. Er ist Gefangener in einem System, das keinen Sinn ergibt.

Supun war neun Jahre alt, als er die erste Bombe hörte. Am Maifeiertag 1993, Supun reparierte gerade sein Fahrrad, ließ eine gewaltige Explosion den Boden erzittern. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich bei einer Kundgebung in die Luft und riss den Präsidenten Ranasinghe Premadasa und zahlreiche Umstehende mit in den Tod.

Der Bürgerkrieg tobte in Sri Lanka seit Jahren. Staat und Rebellen kämpften und rekrutierten mit derselben Gnadenlosigkeit. Unparteilichkeit war fast unmöglich, doch wer sich auf eine Seite schlug, war für die andere zum Abschuss freigegeben. Auf dem Schulweg fand Supun regelmäßig verkohlte Leichen. Aufständische hatten jemandem einen mit Benzin getränkten Autoreifen um den Hals gelegt und angezündet. Vor der Schule hängte die Polizei oft enthauptete Schüler auf, die sich gegen den Staat gestellt hatten. Zur Abschreckung.

Schon mit sechs Jahren begann Supun, Cricket zu spielen. Seine Begabung und sein Trainingseifer ebneten ihm schnell den Weg in Auswahlmannschaften. Als Supun zwölf war, gewann Sri Lanka den Worldcup. Niemand hier genoss mehr Ansehen als einer, der gut mit einem Cricket-Schläger umgehen konnte. Supun hoffte auf eine Profikarriere, anschließend wollte er Schauspieler oder Sänger werden.

Mit 17 Jahren verliebte sich Supun, und das war ein Problem. Seine Freundin Inoka kam aus einer Familie, die sich in der Opposition engagierte. Supuns Eltern und seine Verwandten waren dagegen der Regierungspartei UNP zugetan. Eine Konstellation wie bei Romeo und Julia.

Kaum merkte Inokas Familie, dass sich ihre Tochter mit einem politischen Gegner traf, bedrohte sie Supun mit dem Tod. Um Fakten zu schaffen, wollte sie Inoka mit einem Mann vermählen, den sie zwar nicht kannte, der aber in die Pläne der Familie passte. Das Liebespaar reagierte klassisch: Im Oktober 2003 ließen sich Supun und Inoka heimlich trauen.

Im Frühjahr 2004 verschlechterte sich die Situation dramatisch. Die UNP verlor die Wahlen. Wenig später erhielt Supun einen Anruf von seiner Frau. Er müsse sofort untertauchen. Inoka hatte ihre Brüder belauscht. Die hatten Supuns neue Adresse in Colombo herausgefunden und begannen die Jagd.

Supun versteckte sich mal hier, mal dort, wurde aber immer wieder von den Brüdern seiner Frau gefunden. Sie schlugen ihn mit Stangen und Stöcken und verlangten, er solle ihre Schwester in Ruhe lassen. Die Verliebten trafen sich trotzdem. Und als Inokas Familie erfuhr, dass die beiden geheiratet hatten, wurde es noch schlimmer. Inokas Brüder schlugen Supun halb tot und setzten ihre Schwester unter Hausarrest. Sie zwangen Inoka, die Scheidung zu beantragen. Andernfalls würden sie ihren Mann ermorden. Inoka gehorchte, doch Supun lehnte eine Scheidung ab. Wieder knüppelten ihn Inokas Brüder auf offener Straße nieder, diesmal vor den Augen seiner Frau.

Als er endlich zur Polizei ging, half ihm das nicht mehr. Die Partei, in der Inokas Familie aktiv war, hatte inzwischen die Macht im Land fest in der Hand. Kein Beamter rührte einen Finger. Stattdessen wurde Supun nach seiner Anzeige wieder zusammengeschlagen. Im März 2005 floh auch er nach Hongkong. Der Grund war einfach: Hongkong hatte keine Visapflicht. Ein Ticket genügte, und Supun war fort. Als Gepäck für sein neues Leben trug er nicht mehr als einen Handkoffer.

Hongkong wirkt auf den ersten Blick wie ein Paradies. Malerisch gelegen am Südchinesischen Meer, glänzt die Stadt mit einer Skyline, die jede deutsche Metropole zum Dorf schrumpfen lässt. Großbanken aus aller Welt haben hier ihre Prachtbauten errichtet, auf den Straßen reiht sich Maybach an Tesla. Das Ritz Carlton im International Commerce Center ist das höchste Hotel der Welt. Seine „Ozone-Bar“ im 118. Stock liegt 300 Meter höher als die Dachantenne der Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt. Hongkong hat sieben Millionen Einwohner und einen Haushaltsüberschuss von umgerechnet 1,7 Milliarden Euro. 20 Quadratmeter große Wohnungen kosten hier fast eine Million Euro, ein besonders schickes Apartment wechselte kürzlich für mehr als 69 Millionen Euro den Besitzer.

Es war diese Seite von Hongkong, die Edward Snowden bei seiner Ankunft im Mai 2013 erlebte. Das Mira Hotel in der Nathan Road zählt zu den edelsten Adressen der Stadt. Vor dem Eingang stauen sich Limousinen, in der Lobby warten geschwungene weiße Wände und Designerstühle auf die Besucher. In diesem Hotel, gekleidet in Jeans, ausgewaschenem T-Shirt und als Erkennungszeichen mit einem Zauberwürfel in der Hand, traf Snowden am 1. Juni 2013 die Journalisten Laura Poitras und Glenn Greenwald.

Zehn Tage später, gejagt vom US-Geheimdienst, lernte Snowden die andere Seite von Hongkong kennen.

Die Wohnung von Nadeeka und Supun, in der Snowden Zuflucht fand, wird vom Dienstleister International Social Services (ISS) verwaltet. Seine Zentrale liegt in der Schweiz. Formal ist der ISS eine Nichtregierungsorganisation. Doch sein Vertrag mit der Hongkonger Verwaltung über die Unterbringung von Asylbewerbern ist millionenschwer und skandalträchtig. 2015 musste die Stadt nach heftigen Protesten mehr als 60 Slums schließen. Mitarbeiter des ISS hatten die Flüchtlinge zu sogenannten Slumlords geschleust, die die Asylbewerber in Schweineställen und Taubenverschlägen unterbrachten und sich dafür mit Millionen bezahlen ließen. Querverbindungen zwischen Parteimitgliedern, Direktoren des ISS und Miethaien bestehen fort. Der ISS hat Fehlverhalten in der Vergangenheit stets verneint und jüngst sogar Klage gegen Flüchtlinge eingereicht.

Allerdings wirft auch die Lebensmittelversorgung der Flüchtlinge Fragen auf. Sie erhalten Essensgutscheine, die sie ausschließlich bei der Supermarktkette ParknShop einlösen können. Diese gehört zum Imperium von Li Ka-Shing, einem der reichsten Männer Asiens. Und ganz gleich, wie oft Menschen wie Nadeeka und Supun sich beschweren, dass die Preise bei ParknShop höher sind als in anderen Läden und dass die Gutscheine nicht bis zum Monatsende reichen - es ändert sich nichts.

Wir beschützen einen Helden 

Es war diese Welt, in der sich Edward Snowden im Juni 2013 plötzlich wiederfand. Durch sein Interview mit dem „Guardian“ war er zum Staatsfeind geworden. Die USA erließen einen Haftbefehl, US-Justizminister Eric Holder drängte die Regierung von Hongkong, Snowden zu finden und auszuliefern. Und die Amerikaner suchten auch selbst. Geheimdienstvertreter sprachen von der größten nachrichtendienstlichen Fahndung der Geschichte. US-Senator Lindsey Graham donnerte: „Ich hoffe, wir folgen Snowden bis ans Ende der Welt, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“

Für Snowden war das Ende der Welt die Wohnung von Nadeeka und Supun. Beide zögerten nicht, ihn aufzunehmen. Als der Amerikaner vor ihrer Wohnung stand, flankierte ihn Robert Tibbo. Für ihn hätten sie alles getan. Der Menschenrechtsanwalt ist der Grund, warum die beiden Asylbewerber nicht schon längst wieder ausgewiesen worden sind. Beide wurden mehrfach von der Polizei festgenommen, beide wurden von Tibbo quasi befreit. In der Sonderverwaltungszone, in der die Anerkennungsquote für Asylbewerber bei 0,3 Prozent liegt, ist Tibbos Stimme eine der wenigen, die für die Flüchtlinge spricht. So ließen Nadeeka und Supun den Mann, der von der Welt gesucht wurde, in ihre Wohnung.

Snowden war schüchtern und nervös. „Sie sind hinter mir her“, sagte er nur. Dann war er still. Und auch in den folgenden Tagen sprach der Geheimnisträger nur wenig mit seinen Gastgebern. Meist saß er mit Stöpseln in den Ohren vor seinem Laptop und tippte. Was, das wussten Nadeeka und Supun nicht.

Für das Paar begann eine surreale Zeit. Der meistgesuchte Mann der Welt saß in ihrer Wohnung, und sie durften mit niemandem darüber sprechen. Tibbo wies die beiden an, die Akkus aus ihren Telefonen zu nehmen und am Computer keinesfalls nach Worten wie Snowden oder NSA zu googeln. Der Anwalt hatte den Amerikaner gezielt in einer Welt untergebracht, in der ihn niemand suchen würde. Nichts sollte das ändern.

Sowenig Snowden auch sprach, so sehr freundeten sich seine Gastgeber mit ihrer Rolle an. Die ganze Stadt sprach über den Amerikaner. Alle fragten sich, wo der Mann, der sich gegen den allmächtigen US-Geheimdienst stellte, jetzt wohl sei. „Wir beschützen einen Helden“, sagte Supun seiner Frau. Als Snowden nach ein paar Tagen meinte, er müsse weiter, weinte die ganze Familie. Doch sein Anwalt bestand auf einem Ortswechsel - aus Sicherheitsgründen.

Die Haushaltshilfe

Vanessa* konnte Edward Snowden nicht gleich einordnen, als er vor ihr stand. „Dieser Mann braucht ein Versteck“, sagte Robert Tibbo an jenem Sommerabend 2013. Auch für die 42-Jährige reichte das. Vanessa führte den Unbekannten in ihre Wohnung, gab ihm ein Kissen und eine Decke. Ob er etwas essen wollte? „Ich mag Muffins“, sagte Snowden. Vanessa griff zum Portemonnaie. Vor der Tür nahm ihr Anwalt sie zur Seite. „Sprich mit niemandem. Wenn du morgen eine Zeitung aufschlägst, wirst du wissen, wer er ist.“

Als Vanessa am nächsten Morgen vor die Tür ging, um für ihren Gast Muffins und frische Unterhosen zu kaufen, bekam sie einen Schock. Zeitungen, Fernsehsender, Internetseiten - überall erkannte sie das Gesicht des Mannes, den sie am Vortag durch ihre Tür gelassen hatte. „Ich habe gezittert vor Angst“, sagt Vanessa heute. „Der meistgesuchte Mann der Welt schlief in meiner Wohnung. Wenn das jemand herausgefunden hätte, wären meine Tochter und ich in große Schwierigkeiten geraten.“

Trotzdem schickte Vanessa Snowden nicht weg. „Das konnte ich nicht tun. Edward zu verstecken war eine große Aufgabe, und Robert Tibbo hat mich gefragt. Ich wollte sein Vertrauen nicht enttäuschen. Ich war stolz, dass er mich um Hilfe bat.“

Es gibt kaum etwas, das Vanessa ihrem Anwalt abschlagen würde. Tibbo ist ihr Anker in einer Stadt, die sie nicht haben will. Jahrelang versteckte sich Vanessa selbst vor den Behörden. Erst durch Tibbo erfuhr sie, dass sie ein Recht hat zu bleiben.

Vanessa war 24, als sie in Hongkong eintraf. Ihr Arbeitsvisum für eine Stelle als Haushaltshilfe sah sie als Eintrittskarte in eine glücklichere Zukunft. Vanessa wuchs in einem Dorf auf den nördlichen Philippinen auf, in einer Provinz, in der sich Rebellen der New People's Army verschanzten, des militärischen Arms der Kommunistischen Partei. Gefechte mit der Regierungsarmee waren keine Seltenheit, schon als Kind konnte Vanessa an der Lautstärke der Explosionen ausmachen, wie weit der Kampf entfernt war.

In Hongkong schien die Welt besser. Ohne ausländische Haushaltshilfen würde die Stadt wahrscheinlich zum Erliegen kommen. Mehr als 300.000 von ihnen arbeiten hier, fast alle kommen von den Philippinen und aus Indonesien. In den ersten Jahren war Vanessa sehr zufrieden. Dann wurde ihr eine Hochzeitsfeier zum Verhängnis.

Im Sommer 2000 besuchte sie auf einem Heimaturlaub die Trauung einer Freundin. Einer der Gäste wollte mehr von Vanessa, als ihr lieb war. Anfangs war das kein großes Problem. Vanessa bemühte sich schon um den nächsten Job in Hongkong. Dann hatte sie aber nicht genug Geld für den Arbeitsvermittler. Je mehr Zeit verging, desto mehr wurde Vanessa von dem Mann bedrängt, den sie inzwischen als gut vernetztes Mitglied der NPA-Rebellen ausgemacht hatte. Im Dezember 2001 vergewaltigte er Vanessa, dann verschleppte er sein Opfer.

Drei Mal versuchte Vanessa zu entkommen. Drei Mal fing sie der Rebell wieder ein und verprügelte sie. Dann gebar sie einen Sohn, und der Rebell erlaubte Vanessa, ihre Eltern zu besuchen. Mit deren Hilfe kam sie schließlich zu einem Vertrag für eine Stelle in Hongkong. Ihren Sohn versteckte sie bei ihren Eltern. Sie wollte ihn später nachholen.

Der Plan schlug fehl. Ein paar Wochen nach ihrer Flucht erhielt Vanessa einen Anruf von dem Mann, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hatte. Er hatte ihren Sohn an sich gerissen und bedrohte Vanessa nun mit dem Tod, sollte sie je wieder auf die Philippinen kommen. Bis heute weiß Vanessa nicht, wie es ihrem Sohn geht oder ob er noch lebt.

War ihr Rückweg nun abgeschnitten, wurde auch das Leben in Hongkong von Tag zu Tag schwerer.

Moderne Sklaven

Haushaltshilfen in Hongkong ist gesetzlich vorgeschrieben, bei ihren Arbeitgebern zu wohnen. Meist werden die jungen Frauen im Kinderzimmer untergebracht. Wenn die Kinder nachts schreien oder um fünf Uhr früh nicht mehr schlafen wollen, ist auch für die Haushaltshilfe die Nacht vorbei.

Viele der Frauen sehen sich als moderne Sklaven. Vanessa wurde von ihren Arbeitgebern mehrfach zu deren Eltern geschickt, damit sie auch dort sauber machen sollte. Doch ihr Lohn lag, wie der aller Haushaltshilfen, unter dem gesetzlichen Mindesteinkommen. Und wenn der Arbeitgeber kündigte, hatte Vanessa genau zwei Wochen Zeit, einen neuen Job zu finden. Andernfalls musste sie ausreisen.

Haushaltshilfen in Hongkong haben nur am Sonntag frei. Wer an diesem Tag durch die Stadt spaziert, erlebt ein seltsames Schauspiel. Tausende und Abertausende von jungen Frauen sitzen auf Brücken oder Straßen auf platt gedrückten Pappkartons und machen Picknick. Die Parks sind überfüllt, Restaurants können sich die Frauen nicht leisten. Die Ansammlungen junger Filipinas und Indonesierinnen wirken wie Demonstrationen, sind aber keine. Sie machen nur sichtbar, wozu die Gesellschaft sie zwingt.

Wer sich diesem System nicht fügt, wird aussortiert. Vanessa verlor ihre letzte Stelle als Haushaltshilfe 2010. Zurück konnte sie nicht, von nun an schlug sie sich von einer Freundin zur anderen durch. Aber bald geriet sie in eine Polizeikontrolle, und als Vanessa keine gültigen Papiere vorzeigen konnte, kam sie in Haft. Mehr als zwei Monate lang schlief sie gemeinsam mit zwölf anderen Frauen in einer Zelle, auf Metallbetten ohne Matratzen.

Es war Robert Tibbo, der Vanessa fand und über ihre Rechte aufklärte. Nun wurde sie zum Gründungsmitglied der Refugee Union, einer Gewerkschaft für Flüchtlinge. Inzwischen haben sich mehr als 2500 der 12.000 Asylbewerber hier eingeschrieben. Immer wieder macht die Organisation auf die Not der Menschen aufmerksam, die von der Bürokratie praktisch in die Kriminalität gezwungen werden.

Die Mittel, die Flüchtlinge in Hongkong erhalten, reichen nicht zum Leben. Doch Jobs sind ihnen verboten, und wer doch arbeitet, muss mit einer Gefängnisstrafe von 22 Monaten rechnen. Diebstahl wird mit zwei bis drei Monaten bestraft, Drogenhandel meist mit nicht mehr als einem Jahr. Trotzdem werden mehr Flüchtlinge wegen illegaler Arbeit gefasst als wegen des viel lukrativeren Drogengeschäfts.

Der Flüchtling, der im Sommer 2013 in Vanessas Wohnung saß, hatte andere Probleme. Einen Hochverräter nannte die Vorsitzende des US-Geheimdienstausschusses, Dianne Feinstein, den Mann, der sich bei Vanessa versteckte. Edward Snowden müsse gefasst werden. Um jeden Preis.

Vanessa war nicht nur Gastgeber von Snowden, sie leistete auch Botendienste. Sie trug Dokumente von ihrem Gast zu seinem Anwalt und wieder zurück. Bei jedem Botenlauf trug sie eine andere Baseballmütze - um den Sicherheitskameras nicht aufzufallen. Snowdens Pass lag inzwischen in ihrem Kühlschrank.

Als sein 30. Geburtstag näher rückte, kaufte Vanessa einen Schokoladenkuchen: „Ed mochte alles, was süß war. Meine Tochter und ich haben Happy Birthday für ihn gesungen. Dann hat Ed die Kerzen ausgeblasen. Es war schön.“

Die schöne Zeit war kurz. „Eines Morgens sagte Ed plötzlich, er müsse gehen“, erzählt Vanessa. Snowden sei sehr unruhig gewesen. „Er sagte mir, er hätte Angst zu sterben. Aber ich sagte ihm: keine Angst. Robert Tibbo passt auf dich auf.“

Das Büro des Anwalts wirkt nicht wie das Büro eines Mannes, der sich mit dem US-Geheimdienstapparat anlegen kann. Seine Kanzlei hat keine Marmorböden, keine Empfangshalle, ja nicht einmal einen Empfang. Tibbo arbeitet in einem einzigen Raum im 13. Stock eines Hochhauses im Stadtteil Wan Chai. Nebenan ist ein Thai-Massage-Studio.

Tibbos Büro ist vollgestellt mit Tischen und Kartons. In den Regalen, auf dem Boden türmen sich Akten. In jedem Ordner ein Schicksal. Laufend kommen Gäste vorbei, die ihm für seinen Einsatz danken. An einem der Tage, an dem das Handelsblatt Tibbo besucht, ist auch Ajith* dabei. Snowdens Bodyguard.

Ajiths Einsatz begann an einem Nachmittag. Tibbo hatte ihn angerufen und zum Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Hongkong gerufen. „Ich sollte nachsehen, ob weiße Männer vor der Tür standen“, erzählt Ajith. Dann trat Tibbo mit einem Fremden aus dem Gebäude. „Ich kenne Sie“, sagte Ajith sofort. „Sie sind der aus dem Fernsehen.“

Snowdens Bodyguard

Ajith war 18, als er zum Militär in Sri Lanka kam. Drei Jahre zuvor hatte er die Schule abgebrochen - seine Eltern hatten kein Geld mehr dafür. Einen richtigen Job fand Ajith in dem gebeutelten Land nicht. Seine Eltern vertrauten darauf, dass er in der Armee wenigstens etwas zu essen haben würde. Es kam anders.

Ajith verpflichtete sich für 22 Jahre. Kaum war der Teenager im Ambepussa Army Camp im Südwesten von Sri Lanka eingetroffen, begann der Albtraum. Täglich wurden die jungen Rekruten von ihren Vorgesetzten sexuell belästigt, oft vergewaltigt. Wer sich beschwerte, wurde brutal bestraft. Nach zwei Wochen lief Ajith weg. Drei Jahre lang versteckte er sich vor der Militärpolizei.

1993 kehrte Ajith zur Armee zurück. Eine Alternative sah er nicht. Ajith schrieb sich unter falschem Namen ein. Auch in dem neuen Camp kam es ständig zu Übergriffen der Vorgesetzten, doch diesmal wich Ajith aus, so gut er konnte. Nach drei Monaten kam er an die Front - als Soldat der Regierungstruppen gegen die Rebellen der Tamil Tigers. Als er sich im Kampf verletzte und keine medizinische Versorgung erhielt, setzte er sich wieder ab.

Für die Behörden war Ajith nun doppelter Deserteur. Sechs Jahre lang lebte er auf der Flucht. Er arbeitete als Fischer, in Minen und versteckte sich mal im Dschungel, mal in einem buddhistischen Tempel. Doch 2002 griff ihn die Militärpolizei auf und sperrte ihn ein. Dann begann die Folter. Ajith wurde mit Stöcken, Helmen und Ketten geschlagen. An manchen Tagen übergossen seine Peiniger seine frischen Wunden mit Benzin, an anderen ertränkten sie ihn fast. Dann warfen sie ihn in eine Abfallgrube.

Als Ajith schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte, kam er plötzlich frei. Seine Familie nahm ihn auf und versuchte mühsam, den schwer misshandelten Sohn gesund zu pflegen. Ein paar Monate später tauchte wieder die Militärpolizei auf und stellte Fragen. Sie war erst jetzt darauf gekommen, dass Ajith nicht nur einmal, sondern zweimal beim Militär war. Die Familie geriet in Panik. Eine zweite Folter würde Ajith nicht überleben.

Seine Eltern beschlossen, ihr Sohn müsse das Land verlassen. Sie fanden einen Mann, der angeblich falsche Papiere für eine Flucht nach Kanada besorgen konnte. Ajiths Vater belieh sein Haus, die Familie übergab dem Fremden all ihr Geld und Passfotos. Im Oktober 2003 flogen der Vermittler und Ajith nach Hongkong. Ein Zwischenstopp, sagte der Mann. Vom Flughafen fuhren die beiden zu den Chunking Mansions, einem Herbergsbetrieb mit fast 2000 Zimmern. Der Fremde stieg aus dem Taxi und sagte Ajith, er solle kurz warten. Ajith sah ihn nie wieder. Er war in Hongkong gestrandet.

Ajiths einziges Glück war, dass Zehntausende seiner Landsleute in der Stadt leben. Einige von ihnen nahmen sich seiner an, drei Jahre lang lebte Ajith in totaler Illegalität. Erst 2006 erfuhr der Ex-Soldat, dass er als Folteropfer Asyl beantragen konnte. Bis heute ist sein Status ungeklärt. Aber 2013 hatte auch er einen Gast. Edward Snowden.

Ajith erzählt nur zögerlich von seiner Zeit mit dem Amerikaner. Der stark tätowierte Mann sitzt im Büro von Robert Tibbo und hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. In Sri Lanka hat er Dinge erlebt, von denen man sich nicht erholt. Dass Ajith die Kraft hatte, auf Snowden aufzupassen, wirkt fast unwirklich. Doch als das Handelsblatt nach seinem Motiv fragt, gibt Ajith eine einfache Antwort: „Er war wie ich. Ed war Flüchtling, ich war Flüchtling. Natürlich habe ich ihm geholfen.“

Viel gesprochen haben die beiden Männer nicht. Manchmal holte Ajith dem Amerikaner etwas zu essen. Snowden bevorzugte McDonald's. Ansonsten begleitete Ajith seinen Schützling, wenn dieser von einem Aufenthaltsort zum anderen wechselte. „Mir war einfach wohler, wenn Ajith bei den Transfers dabei war“, sagt Robert Tibbo. Mit einem Schmunzeln setzt der Anwalt hinzu: „Ajith war der Einzige mit Fronterfahrung.“

„Wie im freien Fall“

Ein Paar aus Sri Lanka, eine Haushaltshilfe von den Philippinen, ein gefolterter Ex-Soldat: Es war eine eigentümliche Truppe, die Robert Tibbo im Sommer 2013 zusammentrommelte, um Edward Snowden zu schützen. Doch eine andere gab es nicht.

Das Handelsblatt fragte Laura Poitras, wie es zu diesem Abenteuer kommen konnte. Die US-Journalistin drehte Snowdens berühmtes Interview am 6. Juni 2013. Ausgestrahlt wurde es am 9. Juni. Warum hatten die Journalisten Snowden nicht längst an einem sicheren Ort untergebracht? „Wir hatten keine Zeit zu planen“, antwortet Poitras. „Die Dinge bewegten sich einfach schneller, als wir denken konnten. Wir waren wie im freien Fall.“

Robert Tibbo fing Snowden wieder auf. „Er war derjenige, der wirklich wusste, was er tat“, sagt Poitras. „Rob hatte sofort einen Plan, wie er Ed aus dem Hotel schaffen konnte. Und wie es dann weitergehen sollte. Ohne ihn hätten wir das nie geschafft.“

Snowden spricht heute voller Dank von Tibbo. „Robert war ein Mann, der jeden Tag auf seinen Schultern die Last von Menschenleben trug“, schrieb der Amerikaner dem Handelsblatt über einen verschlüsselten Kanal aus Moskau, wo er seit seiner Flucht lebt. „Er kämpfte jeden Tag gegen ein System, das darauf ausgelegt ist, dass man nie gewinnen kann. Sein Plan, mich bei den Flüchtlingen zu verstecken, war unter den gegebenen Umständen brillant. Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich nicht aus Hongkong herausgekommen.“

Wer Tibbo nach einer Erklärung dafür fragt, wie er im Sommer 2013 praktisch als Einziger in der Affäre Snowden den Überblick behielt, erhält als Antwort zunächst ein Schulterzucken. „Als Menschenrechtsanwalt gerät man oft in extreme Situationen“, sagt Tibbo. Natürlich war kein anderer seiner Schützlinge je so berühmt wie Snowden. Aber Fragen von Leben und Tod - ein Bleiberecht für seinen Mandanten, um dessen Abschiebung ins sichere Verderben zu verhindern - gehören für ihn zum normalen Geschäft: „Ich habe einfach meinen Job gemacht.“

Dennoch haben ihn die zwei Wochen mit Snowden gezeichnet. An Schlaf war in jenen Sommertagen kaum zu denken. Tibbo nickte mal hier eine Stunde weg, mal dort - ansonsten arbeitete er rund um die Uhr an Optionen für Snowden, das Land zu verlassen. Am Ende entschied sich der Amerikaner für Moskau. Als Snowden am 23. Juni 2013 zum Flughafen fuhr, saß Tibbo am Steuer des Wagens.

Das Abenteuer des Anwalts war damit nicht vorbei. Tibbo ist sich sicher, er sei noch ein Jahr nach der Abreise Snowdens beschattet worden. Weiterhin kommuniziert er fast ausschließlich auf verschlüsselten Kanälen - immer in Sorge, eine Nebenbemerkung über seinen berühmten Klienten könnte von einem Geheimdienst abgefangen werden. Smartphones sind in Tibbos Büro verboten - Besucher müssen ihre Geräte in den Kühlschrank legen.

Tibbo ist noch immer Snowdens Anwalt. Erst vor wenigen Wochen war er bei ihm in Moskau. Was die beiden genau besprachen, will der Jurist nicht sagen. Snowden habe einen sehr erschöpften Eindruck gemacht. Aber es sei wichtig gewesen, ihn persönlich zu treffen.

Stone hat kein Interesse

Auch die Flüchtlinge würden Snowden gern wiedersehen. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür geht gegen null. Vanessa, die alleinerziehende Mutter von den Philippinen, weiß nicht, wie sie die Schulbücher für ihre kleine Tochter Keana bezahlen soll. Ajith leidet bis heute unter den Folgen seiner Folter und müsste dringend in psychiatrische Behandlung. Und die Welt von Nadeeka und Supun steht immer wieder kurz vor dem Zerfall.

Als das Handelsblatt die Familie Anfang Juli für ein neues Gespräch trifft, hat sich ihre Lage nochmals verschlechtert. Über Kowloon geht ein Wolkenbruch nieder. Unter einer Plastikplane steht Supun mit seinem drei Monate alten Sohn Dinath an die Hauswand gedrückt. In seinen Augen mischt sich Verzweiflung mit Wut.

Der Vermieter hat den Strom abgestellt. Ohne Vorwarnung. Was soll er jetzt machen? Es ist 22 Uhr und 28 Grad. Seine Wohnung ist stockdunkel, ohne Strom läuft kein Ventilator. Supuns Sohn hat eine Nierenentzündung, seine Medikamente müssen kühl gelagert werden. Supun kauft einen Beutel Eis.

Die Nacht wird furchtbar. Die Kinder, schwitzend und zusammengepfercht mit ihren Eltern auf einem kleinen Bett und einer Matratze, weinen alle Stunde, die Eltern bekommen keine Minute Schlaf. Am nächsten Morgen sieht die ganze Familie gerädert aus. Der erste Weg führt sie zum Verwalter ISS. Der Sachbearbeiter kann sich nicht erklären, warum der Strom plötzlich abgeschaltet wurde. Schließlich meint er, es sei wohl ein Abrechnungsfehler gewesen. Doch bis der Strom wieder fließt, vergeht ein halber Tag.

Auch dies gehört zur Geschichte von Edward Snowden. Die vier Flüchtlinge, die ihm im Sommer 2013 Unterschlupf gewährten, leben noch immer in erbärmlichen Umständen. In einer steinreichen Stadt, die für sie nichts übrig hat. Zehn Jahre und mehr dauern ihre Asylverfahren nun schon. Ihre Kinder besitzen nicht einmal einen Pass. Sie sind von Geburt staatenlos.

Anderen hat der Kontakt mit Edward Snowden mehr geholfen. Der Journalist Glenn Greenwald hat seine Erlebnisse zu einem Bestseller verarbeitet. Laura Poitras erntete für ihre Dokumentation „Citizenfour“ Weltruhm und gewann einen Oscar. Gemeinsam starteten sie ein neues journalistisches Projekt, das von Ebay-Milliardär Pierre Omidyar mit 250 Millionen Dollar finanziert sein soll.

Hollywood-Regisseur Oliver Stone erhielt 50 Millionen Dollar für seinen Film über Snowden. Der Thriller mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle als Snowden kommt am 22. September auch in die deutschen Kinos.

Mit den Flüchtlingen, die Edward Snowden das Leben retteten, hat Regisseur Stone nicht gesprochen. „Das Thema schien ihn nicht zu interessieren“, sagt Tibbo. Ob er sich den Film ansehen wird? „Nein. Ich weiß ja, was passiert ist.“

Handelsblatt, 7.9.2016

„Es war unglaublich riskant für alle Beteiligten“

Der Ex-Geheimdienst-Mann hat bislang nie über jene Wochen gesprochen, die er nach seiner Flucht im Sommer 2013 in einem geheimen Versteck in Hongkong verbrachte. Nun erzählt er erstmals über seine Zeit im Untergrund - und den Mut seiner Retter.

Sönke Iwersen

Edward Snowden ist schwer zu erreichen. Schon vor Monaten begann das Handelsblatt mit der Anbahnung von Kontakten, die schließlich zu den Fluchthelfern des berühmtesten Geheimdienstmannes der Jetztzeit führen sollten. Ein Gespräch mit Snowden selbst schlossen seine Vertrauten anfangs aus.

Doch je detailreicher die Recherche wurde, desto mehr bekam offenbar auch Edward Snowden davon mit. Als das Handelsblatt im Juli von einer Spurensuche in Hongkong zurückkehrte, kamen erste Signale. Nach vielem Hin und Her war Snowden schließlich bereit, dem Handelsblatt auf einem verschlüsselten Kanal Rede und Antwort zu stehen.

Herr Snowden, Sie haben Ihren Anwalt Robert Tibbo im Juni 2013 kennen gelernt und dann wenige Minuten später Ihr Leben in seine Hände gelegt. Wie war diese Erfahrung?

Robert hat immerzu nachgedacht, Pläne geschmiedet. Ich erkannte, dass dies ein Mann ist, der jeden Tag eine schwere Last auf seinen Schultern trug: das Leben seiner Mandanten. Für ihn waren wir mehr als Namen auf seiner Kundenliste. Er kämpfte jeden Tag gegen ein System, das darauf ausgelegt war, dass man niemals gewinnt. Und trotzdem fand er einen Weg, alle Widerstände zu überwinden.

Welchen Anteil hatte er an Ihrer Flucht?

Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich nicht aus Hongkong herausgekommen.

Was hielten Sie im ersten Moment von seinem Plan, Sie sollten sich bei Flüchtlingen in Hongkong verstecken?

Ich dachte, das sei unter den gegebenen Umständen brillant. Es war unglaublich riskant für alle Beteiligten. Ich war höllisch nervös. Wer wäre das nicht? Auch Robert war nervös, auch wenn er sich bewundernswert darum bemühte, mich das nicht merken zu lassen.

Hatten Sie Sorge, die Flüchtlinge zu gefährden?

Das war das, was alle Beteiligten beunruhigte, überraschenderweise aber nicht die Flüchtlinge. Sie haben nie gezögert und nie mein Vertrauen enttäuscht.

Wie erlebten Sie Ihre erste Stunde bei einer Flüchtlingsfamilie?

Es war wie eine Entlastung, und das schon von der ersten Minute an. Das mag jetzt schwer zu glauben sein, wenn es von mir kommt. Von einem, der ein reiches Leben mit einem hohen Gehalt auf Hawaii hatte. Und der sich dann plötzlich in einer Familie von Fremden wiederfand. In einer Wohnung, die so groß war wie bei anderen Leuten die Diele. Und wenn in dieser Wohnung an der Stelle, wo die Toilette sein müsste, nur ein Loch im Boden ist.

Und all das, während Sie von sich glaubten, das Richtige zu tun.

Lassen wir mal das ganze Politische beiseite. Versetzen Sie sich, nur für einen Moment, in meine Lage. Ob richtig oder falsch - du bist der Überwachungsexperte, der die geheime Wahrheit über die Verbrechen der mächtigsten Regierung der Erde aufgedeckt hat. Plötzlich bist du der meistgesuchte Mann der Welt. Jeder Journalist in der Stadt jagt dich und dazu noch Leute mit weniger appetitlichen Absichten. Jeder Fernseher, an dem du vorbeiläufst, zeigt dein Gesicht. In jeder Zeitung steht dein Name, und dein Foto ist auf der Titelseite. In dem Taxi, in dem du gerade sitzt, läuft ein Bericht über dich im Radio. Und der Taxifahrer weiß nicht, wer sein Passagier ist. Du hast nur wenige Freunde und besitzt nicht mehr als das, was du tragen kannst. Und du hast keinen Plan, wie es weitergehen soll.

Und dann fanden Sie Unterschlupf bei völlig Fremden.

Da gab es diesen zauberhaften Moment. Hinter dir schließt sich eine Tür. Und all der Lärm, all die Gefahr bleibt auf der anderen Seite dieser Tür. Ich werde diesen Moment nie vergessen.

Was waren Ihre schönsten Erlebnisse mit den Flüchtlingen?

Manchmal schauten mir ihre Kinder dabei zu, wie ich mit einer Spezialantenne ein WLAN-System in einem weit entfernten Gebäude hackte. So baute ich mir Kommunikationskanäle, über die ich Journalisten kontaktieren konnte, ohne entdeckt zu werden. Die Flüchtlingskinder hatten keine Ahnung, was da im großen Ganzen ablief. Aber trotzdem waren sie neugierig. Das Lächeln der Kleinen gab mir in diesen hoffnungslosen Tagen etwas, für das es sich zu kämpfen lohnte.

Was ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

Die Sirenen. Ganz gleich, wie vorsichtig du bist - wenn du einen Polizeiwagen mit kreischender Sirene an deinem Gebäude vorbeirasen hörst, dann kannst du nicht anders als zu beten. In deinem Kopf gibt es nichts außer der Liste der Dinge, die schiefgegangen sein könnten. Habe ich einen Fehler gemacht? Haben sie mein Signal geortet? Ist uns jemand gefolgt?

Was haben Sie in diesem Moment gemacht?

Alles, was du machen kannst, ist, sofort reisefertig zu sein. Aber tief drinnen in dir weißt du doch: Wenn diese Sirenen wirklich dich meinen, dann ist es schon zu spät für dich, wenn du sie hörst.

Ihnen ist das nicht passiert.

Die Sirenen wurden dann jedes Mal auch wieder leiser. Aber dieses Gefühl blieb. Wir hatten Glück.

Gab es auch schlechte Erinnerungen?

Mir war unwohl wegen der Umstände, die sich die Flüchtlinge meinetwegen machten. Sie versuchten, mir anderes Essen zu kochen als das, was sie selbst aßen. Und da half kein Protest von mir. Da ich schon froh war, überhaupt hinter dieser Tür zu sein, konnte ich nicht anders, als mich schuldig zu fühlen. Und da sich die Flüchtlinge auch unter den widrigsten Umständen weigerten, Geld von mir zu nehmen, musste ich das anders lösen. Ich musste das Geld so in der Wohnung verstecken, dass sie es erst nach meiner Abreise finden würden. Also dann, wenn sie es mir nicht mehr wiedergeben konnten.

Wie haben Sie sich beim Abschied gefühlt?

Es war, als ob ich meine Familie verließe. Es war hart. Aber ich wusste: Je weiter ich mich von ihnen entfernte, desto sicherer würden sie sein.

Wie würden Sie Ihre Gastgeber beschreiben?

Sehen Sie, diese Leute sind jeden Morgen aufgestanden und haben sich einer Tragödie und Verfolgung gestellt. Und jeden Abend legte sich die ganze Familie in demselben einen Bett schlafen, das sie besaß. Und obwohl sie nichts hatten, riskierten sie alles, um das Richtige zu tun.

Ist so ein Verhalten Ihrer Erfahrung nach ungewöhnlich?

Die Leute reden gern über Courage in der Politik, Courage im Krieg. Davon, sich großen Widerständen zu stellen. Das ist alles schön und gut. Aber ich gebe Ihnen Brief und Siegel darauf: Ich würde all diese Redner eintauschen gegen die Alltagshelden, die ich dort traf. Alles, was ich über Mut und Tapferkeit zu wissen glaubte, war nichts gegen das, was ich in Hongkong erlebte.

Was wäre Ihnen ohne die Flüchtlinge passiert?

Meine Geschichte könnte sehr viel trauriger sein, wenn es sie nicht gegeben hätte.

Die Lage der Flüchtlinge hat sich seit Ihrer Abreise jedenfalls nicht gebessert.

Das spricht Bände über den Mangel an Gesetzen, die gefährdete, verletzliche Bevölkerungsgruppen in Hongkong schützen. Ich bin jemand, der regelmäßig die Menschenrechtspolitik der russischen Regierung kritisiert. Mein Aufenthaltsstatus ist extrem unsicher, das ist ja bekannt. Trotzdem kann ich in Russland in einer stabileren Lage leben als diese verzweifelten und ehrenwerten Individuen in Hongkong. Ich denke, der Umgang mit diesen Menschen ist ein Skandal!

Herr Snowden, vielen Dank für das Interview.

 

VITA EDWARD SNOWDEN

Seinem Vaterland wollte Edward Snowden dienen, als er sich mit 21 beim Militär einschrieb. Im Ausbildungslager brach er sich beide Beine und wurde ausgemustert. Wegen seiner Computerkenntnisse stellte der Auslandsgeheimdienst CIA Snowden ein, später ging er zum Schwesterdienst NSA.

Die Bespitzelung der eigenen Bürger durch die Geheimdienste war Snowden aber zuwider. Seiner Ansicht nach verstieß die US-Regierung gegen die Verfassung, ab 2013 machte Snowden die Praxis der Geheimdienste öffentlich. Heute lebt er im Exil in Moskau.