2015

liberty message

Sie folgen dem Herzen

Wer in Indien aus Liebe heiraten will, dem drohen Entführung, Folter und Tod durch die eigenen Verwandten. Doch eine geheime Gruppe schützt verfolgte Paare. Sie nennen sich „Love Commandos“.
von Carsten Stormer

Harikisha Mohans größter Fehler war es, seinen Sohn Vedpal zu bitten, wieder nach Hause zu kommen. Er ahnte nichts von dem Gift, das manche Menschen in den Nachbardörfern versprühten, wie Schlangen es tun, wenn sie sich auf ihr Opfer stürzen. Er wusste, dass sie auch in seiner Straße tuschelten über die Schande, die der Junge über alle gebracht habe. Aber, so dachte er, die Leute würden sich schon beruhigen. Irgendwann.

Fünf Stunden dauert die Fahrt von der indischen Hauptstadt Delhi in das kleine Bauerndorf Matour, in der Provinz Haryana. Es ist eine Zeitreise in das alte Indien, das orthodoxe, das streng konservative, in jenes Indien, wo schon die Geburt über die Zukunft entscheidet, wo Klans und Kasten das Leben formen und Hindu-Frauen ihre Gesichter hinter leuchtenden Tüchern verstecken.

Am Ende eines staubigen Feldweges liegt das Gehöft von Harikisha Mohan, sechzig Jahre alt. Er sitzt auf einem Feldbett des Stalles, den er fast nie verlässt. Ein fahles Gesicht als Spiegel seiner Seele.

Ganz in weiß gekleidet, der Farbe der Trauer. Arme und Beine so dürr, dass sich die Haut über die Knochen spannt. Die Pupillen verschwinden hinter einem milchigen Schleier. Harikisha Mohan ist blind. Jedes Wort strengt ihn an, nach jedem Satz braucht er eine Pause, holt tief Luft. Seit drei Jahren vergeht kein Tag ohne Tränen.

Eines Morgens vermisste Harikisha Mohan seinen Sohn. Er war davongelaufen, im Schutze der Nacht. Niemand wusste warum und wohin. Keiner kannte die Liebesgeschichte zwischen Vedpal, dem Sohn des Bauern Mohan, und Sonia, der schönen Tochter eines Grundbesitzers aus dem Nachbardorf. Erst als ein Beamter auftauchte, von der Provinzregierung des Punjab, wo sich das Paar versteckte und den Eltern der beiden die Hochzeitsurkunde zeigte, unterschrieben am 22. April 2011, war das Geheimnis gelüftet. Ein Skandal.

Vedpal und Sonia hatten gegen das uralte und ungeschriebene Gesetz verstoßen, das Eltern in diesem Teil Indiens ihren Kindern von Klein auf ins Ohr tröpfeln: Ehen werden von den Angehörigen arrangiert. Eine Liebesheirat? Völlig ausgeschlossen! Jugendlicher Nonsens. Unmoralisch. Wer es trotzdem wagt, riskiert soziale Ächtung und im schlimmsten Fall den Tod.

Aber Harikisha Mohan flehte seinen Sohn an, nach Hause zu kommen. Er werde die Ehe akzeptieren, versprach, ihn nicht verstoßen, wie es die Dorfräte forderten. Sonia zögerte noch, sie hatte Angst vor ihrer Familie, fürchtete, dass sie geschlagen würde, oder – noch schrecklicher – dass sie ihren geliebten Vedpal für immer verlieren könnte. Doch Harikisha Mohan ließ nicht locker und einen Monat nach ihrer heimlichen Liebeshochzeit kehrte das Paar in ihre Dörfer.

Plötzlich schweigt Harikisha Mohan, so als fehlen ihm die Worte. Er vergräbt sein Gesicht in den Handflächen, weint. „Mein Sohn, mein geliebter Sohn“, bricht es aus ihm heraus. Dann erzählt er weiter, mühsam und voller Schmerz.

Zwei Tage nach der Rückkehr des Paares locken Sonias Onkel und ihre Cousins Vedpal ins Haus von Sonias Eltern. Sie prügeln mit Eisenstangen auf ihn ein, solange, bis er sich nicht mehr bewegt. Ein Dorfpolizist steht neben den Schlägern, er beobachtet den Mord, passt auf, dass niemand eingreift. Im Nebenzimmer muss Sonia mit anhören, wie ihr Ehemann getötet wird. Kurz darauf zwingt ihre Familie sie in die Ehe mit einem 35 Jahre älteren Mann. Sechs Fotos in einem braunen Briefumschlag. Das ist alles, was Harikisha Mohan von seinem Sohn geblieben ist.

Es ist eine furchtbare Geschichte, die der alte Mann erzählt und besonders bitter ist, dass er nicht alleine damit ist. Tragödien, wie die von Vedpal und Sonia, sind alltäglich in Indien; wo eine Jugend gefangen ist zwischen Moderne und verkrusteten Traditionen. Obwohl das Kastenwesen offiziell abgeschafft ist und es Indern erlaubt ist zu heiraten, wen sie lieben, gelten auf dem Land andere Gesetze. Nicht die der Bücher, sondern die der Dorfräte, einer Riege fossiler Männer, die die Zeit einfrieren wollen; den Panchayats.

Sie bestimmen, was erlaubt ist. Liebesheiraten sind es nicht; und deshalb sterben landesweit monatlich noch immer zwischen sechzig und achtzig Menschen bei sogenannten Ehrenmorden: in den Bauerndörfern Harayanas, in den Hügeln des Punjab oder den Wüsten Rajastans, in den Ebenen von Uttar Pradesh, selbst in Großstädten wie Delhi, Mumbai oder Kolkatta.

Etwa zur gleichen Zeit, als der frisch vermählte Vedpal Mohan mit Eisenstangen aus dem Leben geprügelt wird, empört sich 300 Kilometer weiter südlich, in Delhi, der ehemalige Lokaljournalist Sanjoy Sachdev über die steigende Zahl an „Ehrenmorden“ in seinem Land und dass junge Menschen nicht selbst entscheiden dürfen, mit wem sie ihr Leben verbringen.

Noch immer werden über 95 Prozent der Ehen arrangiert. Deshalb gründete Sanjoy Sachdev mit fünf Freunden eine Art Untergrundorganisation. Sie sind gestandene Männer in mittleren Jahren, alle ein bisschen unzufrieden mit ihrem Leben, alle auf der Suche nach einem neuen Sinn, einer neuen Richtung. Sie nennen sich Lovekommandos und helfen Liebespaaren in Not, organisieren die Flucht vor Verwandten, gewähren Unterschlupf, ermöglichen Hochzeiten. „Comrades“, Kameraden, nennen sich Mitglieder der Lovekommandos untereinander.

Heute, drei Jahre später, läuft die Mission Liebe auf vollen Touren; die Presse hofiert die geheime Gruppe, weil sie Konventionen aufbrechen, Bollywoodstars und die Tennislegende Björn Borg unterstützen die Lovekommandos. Satya Mev Jayate, eine der beliebtesten Fernsehshows des Landes, widmete ihnen eine ganze Episode; seitdem klingeln die Telefone ununterbrochen.

In den verschachtelten Gassen eines Stadtteils irgendwo im Herzen Delhis: Jugendliche auf japanischen Motorrollern hupen Passanten von der Straße. Menschen und Tiere kacken in den Rinnstein, bekiffte Sadhus betteln um Almosen, heilige Kühe suchen in Abfallbergen nach Futter. Am Ende einer schmalen Seitengasse, neben einem Elektrogeschäft führt eine steile Betontreppe in eine Wohnung im zweiten Stock eines unscheinbaren Wohnblocks. Ein Ort, von dem viele wissen, dass er existiert, aber niemand genau wo. Ein Schutzhaus der Lovekommandos.

Hinter einer Tür aus Sperrholz, über der ein Bild des Gottes Krishna wacht, befinden sich die drei Zimmer.

Ein Ventilator verquirlt heiße Luft. Räucherstäbchenduft wabert durch die Räume. In einem Zimmer liegen zwölf junge Männer und Frauen auf Matratzen, starren an die Decke und dämmern die Zeit weg. Im Nebenzimmer sitzen Sanjoy Sachdev und seine Mitstreiter vor einem alten Computer. Sachdev, schlohweißes Haar, weiße Kurta, weiße Pluderhose, tippt eine Statusmeldung auf die Facebookseite der Lovekommandos. Nebenbei telefoniert er mit zwei Gesprächspartnern gleichzeitig. „Lovekommandos, was kann ich für sie tun?“

„Wir sind Krieger der Liebe“, sagt Sanjoy Sachdev und drückt einen Anruf weg. Die anderen Mitglieder im Raum krümmen sich vor Lachen. Sanjoy ist ihr Sprecher, weil er so schön pathetisch reden kann. „Ich war entsetzt darüber, dass Eltern ihre Kinder töten, nur weil sie sich verliebt haben. Wir mussten etwas tun“, sagt er und während er redet, kreisen seine Hände in der Luft, führen seine Finger Pirouetten aus, als würde er ein Orchester dirigieren.

Sie alle arbeiten ehrenamtlich, bekommen keinerlei Unterstützung. Das macht sie stolz, schafft aber auch einen Haufen Probleme: Wie die Miete bezahlen? Woher das Geld für Essen nehmen? Wer kann eine Flucht oder Hochzeiten finanzieren? „Wir haben unsere Jobs gekündigt, unsere Wohnungen untervermietet, unsere Autos verkauft, um uns das leisten zu können“, erzählt Sachdev. Verrückt sei er, sagen seine ehemaligen Kollegen bei der Zeitung, du spinnst, meinten seine Verwandten. Wenn du das machst, gibt es Ärger, drohte seine Frau. Seitdem schläft er nur noch selten zu Hause.

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Etwa vierzig Paare leben zurzeit in den sieben Schutzhäusern der Lovekommandos in Delhi. Landesweit haben sie inzwischen über zweihundert Zufluchtsorte eingerichtet. Tausende Freiwillige unterstützen sie. Darunter ehemalige Schützlinge, die Paare auf der Flucht bei sich aufnehmen. Anwälte, die gegen tobende Eltern Gerichtsbeschlüsse erwirken. Polizisten, die nach Dienstschluss um die Schutzhäuser patrouillieren. Richter, die die lähmende indische Bürokratie aushebeln und innerhalb von Stunden eine Heiratsurkunde ausstellen.

Sanchoy Sachdev liebt die großen Worte, seine Mission nennt er Revolution, eine Bewegung, die nicht mehr aufzuhalten sei und das Denken der indischen Gesellschaft verändern werde. „Die Liebe ist stärker als alles.“ All you need ist love. Und er scheut auch keine Vergleiche mit den Größen der Weltgeschichte. Zum Beispiel Gandhi, der habe ein Empire zu Fall gebracht. Das hätte vorher auch keiner geglaubt. „Jetzt verändern wir die indische Gesellschaft im Auftrag der Liebe.“

Immerhin, ein Wandel sei schon jetzt spürbar, sagt er. Globalisierung, technischer Fortschritt, immer mehr junge Menschen, die es vom Land in die Städte spült. Ein Duell zwischen dem alten und dem neuen Indien, in dem sich junge Menschen bei Facebook lieben lernen und Konventionen den Mittelfinger zeigen. Sanjoy schüttelt sich eine Zigarette aus dem Paket, Marke Gold Leaf, zieht den Rauch in die Lunge. „Allein, dass junge Menschen sich gegen die Vorstellungen ihrer Eltern wehren und die Medien berichten, ist ein Erfolg“, sagt Sachdev während er den Rauch ausbläst. „Ein Mord ist niemals ehrenhaft. Indien ist zu einem Land verkommen, in dem die Liebe getötet wird.“ Er tippt ein paar Wörter in die Suchmaschine, klickt eine Webseite an. „Da!“, sagt er und zeigt auf den Monitor. Im September vergangenen Jahres erschlugen Verwandte eine junge Frau vor den Augen ihres Ehemannes, danach hackten sie ihm Hände, Beine und Kopf ab. Im Januar dieses Jahres ordnete ein Dorfrat im Nordosten Indien als Strafe für eine Liebesheirat die Gruppenvergewaltigung einer zwanzigjährigen Frau an. Und Ende April verbrannte eine Familie ihre Tochter, weil sie sich in einen Mann aus einer niedrigeren Kaste verliebt hatte. „Aber durch uns wissen diese Leute auch, dass es Menschen gibt, die die Liebe retten.“ Aufgebrachte Sittenwächter reagieren darauf gerne mit Morddrohungen via Facebook, Twitter oder Telefon.

Das Schutzhaus ist eine Zwischenwelt für die Verliebten, Verzweifelten, Ausgestoßenen und heimlich Verheirateten. Ein Warteraum vor der Fahrt in eine ungewisse Zukunft. Sie wurden geschlagen, bedroht, eingesperrt. Liefen davon, ihre Familien im Nacken. In ihr altes Leben können sie nicht mehr zurück. Ihr neues Leben ist vorerst auf das Notwendigste geschrumpft: Eine Matratze, ein Waschbecken, drei einfache Mahlzeiten. Aber sie bekommen auch Zuneigung und ein Zuhause. Hier treffen sie auf Menschen, die sie beschützen, die ihretwegen überkommene gesellschaftliche Rituale bekämpfen. „Wir sind eine Familie der Liebe“, sagt Sanjoy Sachdev und öffnet dabei seine Arme, als spiele er den Othello. „Diese jungen Menschen sind meine Kinder.“ Sie nennen ihn Baba, Vater.

Seine „Kinder“ warten derweil darauf, wie es in ihrem Leben weitergeht. „Nichts kann uns trennen“, sagt ein junger Mann und wiederholt den Satz wie ein Mantra. Javed Saifi, 23 Jahre alt, schmale Figur, hockt im Schneidersitz auf einer Matratze. Neben ihm seine Frau Anjali, eine zwanzigjährige Schönheit mit flinken Augen. Sie trägt einen grünen Salwar Kameez und lächelt Javed liebevoll an. Sie nennt ihn Jaanu, Liebling. Sie sind, wie fast alle hier, Kinder der Mitteklasse, Collegeabschluss, in Städten aufgewachsen, weltoffen. Er Muslim, sie Hindu. Vier Jahre haben sie sich heimlich getroffen, Liebesbriefe geschrieben, sich während nächtelanger Telefonate, schöne Worte ins Ohr gesäuselt. Sie träumten von einer Hochzeit, einem gemeinsamen Leben, von einer Familie. Doch Javed und Anjali ahnten, dass es ein Traum bleiben würde, da ihre Eltern einer interreligiösen Verbindung niemals zustimmen würden.

Ende November vergangenen Jahres erfuhr Anjali von ihrer Mutter, dass man sie ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung an einen jungen Hindu aus einer guten Familie verlobt habe; ein Typ, von dem Anjali bis dahin noch nie gehört hatte und den sie erst am Tage ihrer Hochzeit am 20. April dieses Jahres kennenlernen sollte.

Was nun? Nein sagen? Heimlich ihren Javed heiraten und durchbrennen? Zustimmen und bis ans Ende ihrer Tage unglücklich mit einem Mann zusammenleben, den sie nicht liebt? Anjali unterbricht ihre Erzählung, wischt sich eine Träne von der Wange, lehnt ihren Kopf an Javed Schulter, der sie behutsam in den Arm nimmt. „Meine Eltern hätten uns umgebracht, wenn sie erfahren hätten, dass ich mit Javed zusammen bin. Sie hätten einen Muslim niemals akzeptiert.“ Dass ihre Furcht nicht unbegründet war, wusste sie. Vor Jahren fand die Familie heraus, dass Anjalis Tante einen Liebhaber hatte, daraufhin goss ihr Onkel Benzin über sie und zündete sie an. „Obwohl er der gleichen Kaste wie wir angehörte.“ Ein anderer Onkel erschoss ihre Cousine, weil diese sich weigerte, einer Zwangsheirat zuzustimmen und sich heimlich mit einem anderen Mann traf.

Drei Monate planten Anjali und Javed gemeinsam die Flucht, rangen mit ihren Gefühlen, wägten Risiken und Gefahren ab, lagen nachts wach, weinten, sprachen sich Mut zu. Währenddessen rückte die arrangierte Hochzeit Anjalis immer näher. Dann riefen sie die Hotline der Lovekommandos an. „Zwei Tage später kamen wir im Schutzhaus an und heirateten noch am gleichen Tag.“

Oft diskutieren sie über die Zeit nach der Flucht, wie es weitergehen soll nach diesem Schwebezustand zwischen Unsicherheit, Angst und Hoffnung. Javed weiß, die Familie wird nie aufgeben, sie zu suchen. Sie werden von Versteck zu Versteck ziehen, von Stadt zu Stadt, die Verfolger im Rücken. Aber vorerst denkt er nur daran, einen Job und eine eigene Wohnung zu finden, möglichst schnell raus aus dem Schutzhaus, die Deutungshoheit über sein Leben zurückgewinnen. Und all das tun, was er in diesen engen Zimmern vermisst: Ins Kino gehen, Anjali in ein Restaurant ausführen, durch die Shopping-Malls ziehen. Aber natürlich besteht immer die Gefahr, dass ihn die Familie aufspürt. Es wedelt mit der Hand, als wenn er so die Gedanken abschütteln könnte wie eine lästige Fliege. „Ich habe Angst. Aber wir sind zusammen, nur das zählt“, sagt er und jetzt ist es Anjali, die ihn in den Arm nehmen muss.

Die Biografien gleichen sich in diesem Mikrokosmos der verbotenen Liebe. So wie Subahaddin und Neha, die sich über Facebook kennenlernten und sich hier jetzt vor Nehas Eltern verstecken. Oder das Paar, das aus Angst seine Namen nicht nennen mag, weil die Frau zwangsverheiratet wurde und der Ehemann ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt hat. Jetzt warten sie darauf, dass ein Anwalt der Lovekommandos die erzwungene Ehe annulliert; das kann dauern, einige Wochen, wahrscheinlich sogar Monate.

Es ist eine Notgemeinschaft, in der jeder für sich allein ist; mit der Angst, der Verzweiflung, der ständigen Sorge, was die Zukunft bringt, mit der Langeweile. Ein Leben komprimiert auf kochen, abwaschen, Kreuzworträtsel lösen, nachdenken. Und das jeden Morgen neu justiert werden muss; ohne Raum für Zärtlichkeit oder Privatsphäre. Dafür brodeln aufgestaute Gefühle, Hormone und sexueller Frust. Kleine Reibereien gehören zum Tagesablauf; wer kocht, wer wäscht ab, wer putzt. Die Wohnung dürfen sie aus Sicherheitsgründen nicht verlassen. Facebook, Computer, Mobiltelefone, die Werkzeuge der modernen Welt, um zu kommunizieren: verboten. Zum eigenen Schutz, sagt Sanjoy Sachdev, der, wie ein übervorsichtiger Vater, seine Kinder vor sich selbst beschützen will. Und natürlich vor Eltern, die immer wieder versuchen, ihre Söhne und Töchter mit Versprechen nach Hause zu locken, um sie dann umgehend zu brechen. „Wir wollen ihr Leben schützen, das ist das Wichtigste.“

Das Zweitwichtigste sei, dass die Paare unmittelbar nach ihrer Ankunft heiraten. Auch das organisieren die Lovecommandos. „So haben sie eine rechtliche Grundlage und sind vom Staat geschützt. Das müssen die Eltern akzeptieren. Ob sie wollen oder nicht.“ Viele wollen es nicht. Und deshalb können bedrohte Ehepaare beim Obersten Gerichthof Schutz beantragen, aber viel mehr als eine Aktennotiz und ein Polizeibeamter, der hin und wieder nach dem Rechten schaut, springt dabei nicht heraus. Der einzig wirksame Schutz, so Sanjoy, sei ein totaler Bruch mit der Familie. Die Lovecommandos sind das Sprungbrett in eine gemeinsame Zukunft. Sie geben Unterschlupf, organisieren Hochzeiten, vermitteln, wenn nötig Jobs, helfen bei der Wohnungssuche. „Wir ebnen nur den Weg, mehr nicht.“

Was folgt, ist eine Reise ins Ungewisse. Oftmals ein Leben in Isolation. So wie das der beiden, die sich in der Stadt Chandigarh, sechs Autostunden von Delhi entfernt, ein neues Dasein aufbauen. Sie sind nur unter der Bedingung bereit zu sprechen, dass ihre Namen nicht genannt werden. Er arbeitet als Programmierer, sie ist Hausfrau. Niemand kennt ihre Geschichte, weder Freunde, noch Arbeitskollegen; sie haben niemandem, dem sie sich anvertrauen können. „Seit unserer Hochzeit haben wir keinen Kontakt mehr zu unseren Eltern. Wir sind glücklich, dass wir zusammen sind und traurig, dass wir unsere Familien verloren haben“, sagt der Ehemann.

Kaum eine Stunde vergeht, ohne dass irgendwo in Indien ein Paar die Hotline der Kommandos wählt. Die Klingeltöne sind der Soundtrack der Liebes-WG. Manche wollen nur einen Ratschlag, andere Schutz. Dann muss es schnell gehen. So wie jetzt.

Die ganze Nacht hingen Sanjoy und seine Kameraden am Telefon, sprachen bis zwei Uhr morgens mit einem verzweifelten Paar, das erst vor zwei Wochen das Schutzhaus gegen ihren Rat verlassen hat, nach Hause zurückgekehrte und von den Verwandten sofort getrennt wurde. „Ich habe euch gesagt, dass ihr euren Eltern nicht vertrauen dürft. Immer wieder“, brüllt Sanjoy in den Hörer und trichtert dem nervösen Mann am anderen Ende der Leitung ein, seinen Anweisungen genau zu folgen. Alle sechs Mitglieder der Lovekommandos gehen nun hektisch ihre Kontaktlisten durch, lassen Beziehungen spielen, mobilisieren Freiwillige, die das Paar nach Delhi schaffen sollen, organisieren eine Polizeieskorte zum Bahnhof. Um vier Uhr morgens steigen zwei verängstigte junge Menschen irgendwo in im Punjab in einen Zug, Endstation Delhi. Ankunft neun Uhr morgens. „Atscha“, brummt Sanjoy erschöpft, „sehr gut“, das wäre geklärt.

Govinda, mit 25 Jahren das jüngste Mitglied der Lovekommandos, hat die Aufgabe, die beiden Ausreißer an einer Metrostation am Rande Delhis aufzulesen und sofort ins Schutzhaus zu bringen. Er kämpft sich durch das Gewühl aus Motorrikschas, Fußgängern, Mopeds und Eselskarren, hüpft über einen toten Hund, umgeht schwelende Abfallhaufen, blickt dabei ständig auf seine Uhr, gibt Anweisungen am Telefon, rennt die Treppen einer Metrostation hoch – und wartet. Menschentrauben strömen durch die Sicherheitsschleusen der Station. Um halb zehn sind sie immer noch nicht da. Am Handy bekommt Govinda keine Verbindung mehr, er tänzelt am verabredeten Treffpunkt von einem Fuß auf den anderen. Drückt auf Wahlwiederholung. Nichts. „Da muss was passiert sein“, murmelt er.

Dann endlich schälen sie sich aus der Menschenmenge. Ein dünner Schlacks mit D’artagnan-Bärtchen und ein etwas pummeliges Mädchen in einem Sari. Shankar und Kanchan klammern sich müde und verängstigt an einer Reisetasche fest, blicken sich immer wieder über die Schulter, aus Furcht, dass plötzlich Familienangehörige sie ergreifen könnten. Gavinda nimmt ihnen die Tasche ab und führt sie zu einer Rikscha. Erst im Safehouse fällt die Anspannung ab, Kanchan zittert und bricht in Tränen aus. „Nie wieder werde ich meinen Eltern trauen“, sagt sie. Dann muss sie ihr Telefon abgeben.