2015

liberty message

Flucht aus Syrien

Im August vergangenen Jahres ließ sich der Journalist Carsten Stormer in die belagerte syrische Stadt Zabadani einschmuggeln. Nur mit Hilfe von Fluchthelfern konnte er die Stadt wieder verlassen. Für wenige Tage erlebte er, was für Tausende Syrer Alltag ist: Flucht, Vertreibung, Belagerung.
von Carsten Stormer

Spätestens, als ich bäuchlings im Uferschlamm lag, war mir klar, dass ich ziemlich tief in der Scheiße steckte. »Pst«, machte der Anführer der syrischen Rebellengruppe und legte seinen Finger auf die Lippen. »Was ist los?«, flüsterte ich. Mich rechtzeitig zu informieren, war nicht unbedingt die Stärke meiner Begleiter. Meistens erfuhr ich Dinge erst, nachdem sie geschehen waren.

Der Vollmond warf ein silbernes Licht auf die Aprikosenhaine und den Tümpel, in dem wir lagen. »Hinterhalt«, wisperte der Mann mit der Handgranate und zeigte in die Dunkelheit.

Ich konnte nichts erkennen. Eine Falle? Schon beim Gedanken da­ran wurde mir übel, kroch die Angst hoch und meine Zähne schlugen so heftig aufeinander, dass ich fürchtete, das Geklapper könnte uns verraten.

Im Unterholz raschelte es. Keine hundert Meter vor uns schälten sich Gestalten aus der Nacht. Drei, vier, sieben Personen zählte ich. Sie kamen auf uns zu, ganz langsam. Die Rebellen legten ihre Kalaschnikows an, zielten, bereit zu schießen. Ich hielt die Luft an, spürte meinen Herzschlag in den Ohren, fühlte mich elend, klein, verletzlich und vor allem hilflos. Was zum Teufel machte ich hier? Nach ein paar Metern drehten die syrischen Soldaten ab und ich hörte nur noch ihre Schritte. Dann waren sie fort.

Um sicherzugehen, blieben wir noch eine gefühlte Ewigkeit unbeweglich liegen. Dann sondierte ein Späher die Lage. Nach einer weiteren halben Stunde kehrte er zurück. Die Luft sei rein. Erleichterung, Männer kicherten und verscheuchten mit Witzen die Anspannung. »Na, Journalist, Angst gehabt?« Ja verdammt, sehr witzig.

Drei Monate hatte ich diese Reise geplant, vorbereitet, mit Aktivisten der syrischen Untergrundbewegung geskypt, Routen gecheckt, verhandelt, Übersetzer gesucht. Ich wollte in die Stadt Zabadani (siehe Amnesty Journal 10-11/2013). Der ehemalige Luftkurort, dreißig Kilometer von Damaskus entfernt, war seit mehr als zwei Jahren eingekesselt von der syrischen Armee. Zabadani war die erste syrische Stadt, die »befreit« wurde. Das war im Januar 2012. Aber frei ist hier niemand. Denn seitdem ist Zabadani eingekesselt. Auf den Bergen rings um die Stadt stehen Panzer und Artilleriestellungen der Armee, die unaufhörlich die Stadt beschießen; siebzig, achtzig Granaten täglich. Zabadani ist zu achtzig Prozent verwüstet und die wenigen verbliebenen Bewohner suchen Zuflucht in den Kellern und Erdgeschossen.

Meine Reise begann in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Von dort fuhren mich syrische Aktivisten mit dem Auto an die Grenze, wo mich eine Gruppe Schmuggler erwartete. Ab da hieß es: Laufen. Eine andere Möglichkeit, nach Zabadani zu kommen als zu Fuß, gab es nicht. Stunde um Stunde wanderten wir durch Obstplantagen, entlang stillgelegter Gleise, robbten an einem Checkpoint der Armee vorbei, so nahe, dass ich Soldaten lachen hörte. Wir sprinteten über eine Landstraße, wir hetzten bergauf, bergab. Zwischendurch verlor unser Führer die Orientierung. An einem zerstörten Haus auf einem Gipfel musste ich mich

vor Erschöpfung übergeben. In der Ferne hörte ich das dumpfe Knallen von Panzergranaten. »Zabadani!«, sagte einer der Schmuggler und deutete mit dem Finger nach Süden, wo die Explosionen den Nachthimmel wie zuckende Blitze erleuchteten.

Um fünf Uhr morgens erreichten wir endlich die eingekesselte Stadt. Am Stadtrand warteten Rebellen auf Motorrädern. Der Morgen graute. Im Licht des anbrechenden Tages fuhren wir durch eine Ruinenlandschaft. Links und rechts zerstörte Häuser, Panzerwracks, Schuttberge.

Zwei Wochen lebte ich mit den Eingeschlossenen in der Stadt. Ich berichtete über einen Arzt, der Verwundete nur zu Hause behandeln kann, weil sein Krankenhaus bombardiert wird. Ich begleitete drei junge Menschen, die eine Zeitung gegründet hatten, in der sie sowohl das Regime als auch die Rebellen kritisierten und sich damit auf beiden Seiten unbeliebt machten. Oft konnte ich das Haus meines Gastgebers nicht verlassen, weil der Beschuss aus den Bergen so heftig war und Granaten in unmittelbarer Nähe einschlugen. Und ich merkte nicht, dass die syrische Armee in diesen Tagen damit begonnen hatte, den Belagerungsring um die Stadt immer enger zu ziehen. Hisbollah-Kämpfer und irakische Milizen verstärkten die syrischen Soldaten in den Bergen rings um Zabadani. Sie schnitten die Versorgungswege und Fluchtrouten der Rebellen ab. Bald würde es unmöglich sein, in die Stadt zu gelangen – oder aus ihr herauszukommen.

Erst als es schon fast zu spät war, bemerkte ich meinen Fehler. Höchste Zeit, Zabadani zu verlassen. Doch kaum jemand wollte das Wagnis eingehen, den Belagerungsring zu durchbrechen. In der dritten Nacht hielt ein Pritschenwagen. »Schnell, schnell«, rief mein Gastgeber. »Steig ein, niemand darf dich sehen.« Auf der Ladefläche des Pritschenwagens kauerten bereits fünf Rebellen mit Kalaschnikows – die Eskorte, die uns auf der Flucht begleiten würde. Hinzu kamen zwei Schmuggler, die uns über Schleichwege über die Berge in den Libanon bringen sollten, und fünf schweigsame junge Männer. Es waren Flüchtlinge, die zu ihren Familien in den Lagern des Libanon wollten. Ihre Namen würde ich nie erfahren, sie wollten anonym bleiben. Je weniger wir voneinander wussten, desto sicherer. Zwei sprachen ein bisschen Englisch. Einer von ihnen war Student der Geschichte in Damaskus. Der andere führte in der Stadt Yabroud den Lebensmittelladen seiner Eltern weiter, die schon zu Beginn des Krieges geflohen waren. Als es nichts mehr zu verkaufen gab und die Granaten der Armee immer näher kamen, beschloss er, Syrien zu verlassen. Beide hatten nur ein Ziel: Die libanesischen Flüchtlingslager. Raus aus Syrien. Sicherheit. Was danach kommen würde, wussten sie nicht.

Wir fuhren auf einem Feldweg durch die Nacht, teilten uns unterwegs Zigaretten. Schließlich erreichten wir den Fuß eines Berges. Uns verband der Wunsch, Syrien zu verlassen und die nächsten Tage zu überleben. Die Risiken dieser Flucht waren ­unkalkulierbar. Wir mussten Dutzende Checkpoints umgehen, um die Belagerung zu durchbrechen. Erst zwei Tage zuvor war eine Gruppe von Flüchtlingen in einen Hinterhalt der Armee ­geraten; drei Menschen wurden erschossen, der Rest gefangen genommen. Nur mit viel Überzeugungsarbeit und Geld ließen sich die Schmuggler überreden.

An das, was in den nächsten zwei Tagen geschah, erinnere ich mich nur noch verschwommen. Nur eines weiß ich bis heute: Ich hatte Angst. Eine Angst so durchdringend, dass sie mich lähmte und alles andere überlagerte. Begleitet von einem brennenden Gedanken: Überleben. Meine Aufgabe als Journalist hatte ich längst aufgegeben. Ich hatte keine Ahnung, wie lange unsere Flucht dauern würde. Ich wusste nur, dass ich am Ende dieser Reise entweder tot, verwundet, gefangen oder in Sicherheit sein würde. Das war alles, an was ich denken konnte. In dieser Zeit erlebte ich am eigenen Leib, was die Hunderttausende Syrer durchgemacht haben und noch immer durchmachen, die das Risiko auf sich nehmen, aus ihrer Heimat zu fliehen.

In der ersten Nacht liefen wir neun Stunden. Immer in eine Richtung: bergauf. Kurz hinter Zabadani verließen wir die Feldwege und kletterten steile Berghänge empor. Einmal erfasste uns ein Suchscheinwerfer und wir mussten uns hinter einem Felsen verstecken. Ein Schuss zerriss die Stille und eine Kugel schlug links von uns in einen Felsen. Mein Herz klopfte so stark, dass ich Schwierigkeiten hatte, Luft zu bekommen. Einer der Flüchtlinge vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte. Andere beteten. Unsere Eskorte schwärmte aus, die Gewehre im Anschlag.

Die Angst hatte nicht nur meinen Geist ergriffen, sondern auch meinen Körper. Ich konnte mich kaum bewegen, hatte jede Kraft verloren. Ich hielt unsere Gruppe auf und brachte sie damit in Gefahr. Ich schämte mich dieser Schwäche, ich fühlte mich hilflos wie ein kleines Kind, das seine Mutter verloren hat. »Du schaffst das«, sagte der Student aus Damaskus und zog mich hoch. »Halte Dich an mir fest!« Während er mich an seinem Gürtel den Hang hochzog, schob von hinten der Lebensmittelhändler. Ein anderer schleppte meinen Rucksack. Ein Schmuggler trug meine Kameraausrüstung. So kamen wir vo­ran. Auf dem Gipfel eines Berges ruhten wir uns aus, teilten Kekse und ließen die Wasserflasche kreisen. Der Student klopfte mir auf die Schulter und lächelte. Ein kalter Wind pfiff.

Nach einer Weile schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit und wir wurden einem anderen Schmuggler übergeben. Auch unsere Eskorte verabschiedete sich und kehrte nach Zabadani zurück. »Yalla! Yalla!«, zischte mir der unbekannte Schmuggler ins Ohr, der sein Gesicht hinter einer Maske versteckte. »Vorwärts!« Es war eine wolkenverhangene Nacht und wir taumelten in absoluter Dunkelheit die Berghänge hinunter, fielen hin, schlugen uns Arme und Knie auf. Pausen erlaubte uns unser Führer nicht. Kurz vor der Morgendämmerung erreichten wir eine Kleinstadt. »Siehst du die Lichter dort drüben«, fragte mich der Student. »Das ist der Libanon, dort müssen wir hin.«

So nah und doch so weit entfernt. Wir versteckten uns in ­einer Obstplantage, bis eine Gruppe Männer mit Motorrädern auftauchte. Wir sprangen auf und sie brachten uns in ein Schutzhaus syrischer Aktivisten am Stadtrand. Auch hier erfuhr ich nur das, was ich unbedingt wissen musste. Dass wir uns tagsüber in diesem Haus verstecken mussten, da die Stadt von der syrischen Armee gehalten wurde. Dass es im Augenblick zu gefährlich sei, die Grenze zu überqueren, weil dort libanesische Hisbollah-Einheiten patrouillierten. Man gab uns zu essen und als ich erschöpft auf einer Matratze einschlief, hörte ich von irgendwoher Schüsse.

Ich bewunderte dieses syrische Netzwerk aus Untergrundaktivisten, Schmugglern und Rebellen, die sehr hohe Risiken eingingen, um ihre Landsleute in die Flüchtlingslager im Libanon, in der Türkei, in Jordanien oder im Irak zu geleiten. Ohne diese geheimen Gruppen könnten Flüchtlinge, vor allem junge Männer, die sich dem bewaffneten Aufstand nicht angeschlossen haben, Syrien nicht verlassen, da sie als potenzielle Rebellen oder Aktivisten gelten und sofort vom Regime festgenommen oder getötet werden würden. Auf denselben Routen, auf denen Waffen, Lebensmittel, Munition und Benzin nach Syrien geschmuggelt werden, gelangen verletzte Kämpfer und Flüchtlinge hinaus. Und manchmal auch verängstigte Journalisten.

Den ganzen nächsten Tag verbrachten wir im Wohnzimmer einer siebenköpfigen Familie. Die Frau kochte für uns. Der Vater kundschaftete auf seinem Motorrad die Gegend aus oder sprach über Funkgerät mit Rebelleneinheiten, die mögliche Fluchtwege überwachten. An der Haustüre hatten sich zwei bewaffnete Rebellen postiert, für den Fall, dass man uns in der Nacht zuvor gesehen hatte. Um 23 Uhr kam die Bestätigung, dass der Weg wohl einigermaßen sicher sei. Es gebe weder neue Checkpoints noch nennenswerte Bewegungen der syrischen Armee. Wir brachen auf.

Es war der gefährlichste Teil der Flucht. Wir mussten unentdeckt aus der Stadt kommen, Checkpoints meiden und Patrouillen aus dem Weg gehen. Hier gab es keine Felsbrocken, hinter denen wir uns verstecken konnten. Ich fühlte mich leer und folgte blindlings meinem Vordermann. Ich verstand weder, was gesprochen wurde, noch wusste ich, was uns erwartete. Der Student der Geschichte ging hinter mir und flüsterte unentwegt: »Allah Akbar.« Gott ist groß. Er schubste mich sachte nach vorne. Wir drückten uns an Hauswänden entlang und robbten über ein Gemüsefeld, bis wir aus der Stadt heraus waren. Auf einem freien Feld hetzte eine Meute Hunde hinter uns her. Sie bellten so laut, dass ich mir sicher war, dass sie uns verraten würden. Wir legten uns auf den Acker und spielten toter Mann, die Hunde beschnupperten uns eine gefühlte Ewigkeit, dann trotteten sie davon. Ich erlebte alles schnell und langsam zugleich. Immer wieder musste unsere Gruppe anhalten. Die Fluchthelfer lauschten in die Nacht. Jedes Geräusch war bedrohlich. So ging es vo­ran, Meter um Meter. Die Grenze zum Libanon war nur wenige Kilometer entfernt.

Um fünf Uhr morgens krochen wir endlich irgendwo in der Nähe der historischen Stadt Baalbek unter einem Grenzzaun hindurch. In Sicherheit, endlich. Zumindest fast. Ein Mercedes wartete und brachte uns zu einer syrischen Flüchtlingsfamilie, 18 Frauen, Männer und Kinder, die in Zelten auf dem Dach eines Wohnhauses lebten. Erst hier fielen wir uns in die Arme. Die Anspannung der vergangenen Tage löste sich. Ich sank zitternd und erschöpft zu Boden. Der Student brach in Tränen aus. Der Lebensmittelhändler wurde von seinem Bruder abgeholt. Die Fluchthelfer gingen zurück nach Syrien.

Noch am selben Morgen brach ich auf nach Beirut. Unsere Wege trennten sich. Was aus meinen Begleitern geworden ist, weiß ich nicht. Im Januar dieses Jahres starb mein Gastgeber und Beschützer aus Zabadani, ohne den ich nicht aus der Stadt gekommen wäre, durch Granatsplitter. Im April dieses Jahres nahm die syrische Armee Zabadani ein.

Für einige wenige Tage habe ich erfahren, was es bedeutet, in einer belagerten Stadt zu leben und habe das Schicksal syrischer Flüchtlinge geteilt – Angst, Ungewissheit, Wut, Hilflosigkeit. Eine Erfahrung, die mich geprägt und traumatisiert hat. Für viele Syrer ist dies seit mehr als drei Jahren Alltag.