2015

liberty message

Die Trümmermänner

Millionen Syrer sind auf der Flucht. Doch was passiert mit denen, die bleiben? In Aleppo versuchen ehemalige Kämpfer zu retten, was nicht mehr zu retten ist.
von Carsten Stormer

Wie jeden Morgen sitzen Khaled Hgo und Ahmed al Rajab auf weißen Plastikstühlen in einem Innenhof der syrischen Stadt Aleppo, trinken süßen Tee aus winzigen Gläsern und fragen sich, wie viele Menschen sie wohl heute werden sterben sehen. Sie legen die Köpfe in den Nacken und blicken suchend in den Himmel. Ahmed, den sie »al-Tawil«, den Langen nennen, zündet sich eine Zigarette an und zieht kräftig, versucht die Nervosität zu vertreiben, die ihn immer dann befällt, wenn ein Hubschrauber am Himmel auftaucht.

»Da, Khaled, meinst du, dass der angreift?«, fragt der Lange und zeigt auf einen Silberpunkt am Himmel, der die Sonne reflektiert. »Natürlich«, sagt Khaled. Die Silberpunkte greifen immer an. Die Bomben werden fallen, nur wo genau ist unklar. Im Stadtteil Sakhur? In Tarik al-Bab? Im Shaar-Distrikt? Oder genau hier. Es wäre nicht das erste Mal. Aus der einstigen Wirtschaftsmetropole Aleppo in Nordsyrien eine Geisterstadt geworden: Ruinen, zerschossene Fassaden, ausgebrannte Geschäfte, Berge von Schutt.

Der Hubschrauber neigt sich plötzlich leicht zur Seite, ein schwarzer Gegenstand fällt heraus und trudelt wie in Zeitlupe durch die Luft. Ein lautes Summen durchschneidet die Stille. »Fassbombe!« ruft Khaled und wirft sich auf den Boden. Sekunden später folgt ein ohrenbetäubendes Krachen. Ein riesiger Pilz aus Staub, Schutt und Rauch steigt in den Himmel. »Fuck you, Bashar!«, murmelt der Lange und reckt seinen Mittelfinger in den Himmel. »Wir warten auf die zweite Bombe«, sagt Khaled. »Dann rücken wir aus.«

Der stille, charismatische 30-jährige mit den müden Augen hat vor dem Krieg als Anwalt gearbeitet. Heute leitet er die »Civil Defense Forces« (CDF) in Aleppo, eine Art Mischung aus Feuerwehr, Notarzt und Technischem Hilfswerk. Etwa hundert Freiwilligen zwischen 16 und 30 Jahren haben es sich zur Aufgabe gemacht, nach den Bombenabwürfen die Toten, Verletzten und Verschütteten aus den Trümmern ihrer Stadt zu retten. Einsatzgruppe wie diese gibt es mittlerweile überall in Syrien. Finanziert werden sie von internationalen Hilfsorganisationen aus Europa, den USA und muslimischen Nachbarländern.

Seit Ende Dezember 2013 vergeht kein Tag, ohne dass die syrische Luftwaffe ihre Fassbomben über Aleppo einsetzt; mit Sprengstoff und Eisenschrot gefüllte Ölfässer, die aus Hubschraubern abgeworfen werden und meist Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser oder Märkte treffen. Allein zwischen Dezember 2013 und Februar diesen Jahres wurden in Aleppo mindestens 340 Ziele in der Stadt getroffen. Im Februar dieses Jahres verlangte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einer Resolution ein Ende der Luftanschläge auf zivile Gebiete; verurteilte ausdrücklich auch den Einsatz von Fassbomben. Aber sie fallen weiter. Laut der NGO »Syrian Observatory for Human Rights« starben bis Anfang Juni dieses Jahres in Aleppo 1963 Menschen durch Fassbomben – darunter 283 Frauen und 567 Kinder.

Seit Ausbruch des Bürgerkrieges im Jahr 2011 sind 160 000 Menschen getötet worden. Wer noch am Leben ist, flieht. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen spricht von 2,8 Millionen Flüchtlingen und 6,5 Millionen Vertriebenen im eigenen Land – fast die Hälfte der Bevölkerung. Wer in Aleppo geblieben ist, verbarikadiert sich in seinem Haus und hofft, dass die Bomben woanders fallen.

Fünf Minuten nach dem Abwurf der ersten Bombe kehrt der Hubschrauber wie von Khaled vorhergesagt zurück, dreht noch eine Runde am Himmel und wirft einen zweiten Sprengsatz ab. »Deckung!«, ruft Khaled, und wieder suchen alle Schutz hinter Mauern oder werfen sich flach auf den Boden. Gesteinsbrocken und Bombensplitter fallen in den Hof. »So machen sie das immer«, erklärt Khaled. Mit dieser Taktik versucht die Armee eine größtmögliche Zahl von Menschen zu töten. Denn nach dem ersten Einschlag rennen die Anwohner aus ihren Häusern, Helfer eilen herbei, machen sich angreifbar. Dann kehrt der Hubschrauber zurück, um die zweite Bombe abzuwerfen.

Als Khaled das Signal für den Einsatz gibt, rennen die CDF-Männer über die Straße, quetschen sich in die beiden Feuerwehrautos, die unter dem Blätterdach eines Baumes stehen, damit die Armeepiloten sie aus der Luft nicht erspähen können. Mit Vollgas und eingeschaltetem Martinshorn fährt das Einsatzteam durch die Ruinenlandschaft, vorbei an zertrümmerten Häusern, aus denen zerfetzter Stahl ragt und der Wind an ausgefransten Vorhängen zerrt. Zwei Männer lehnen links und rechts aus den offenen Fenstern des Wagens und suchen den Himmel nach Kampfflugzeugen und Hubschraubern ab. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie im Einsatz beschossen würden, erzählt Khaled. Die Einschusslöcher in der Windschutzscheibe zeugen davon. Sie rasen auf den Rauchpilz zu, der am Horizont aufgestiegen ist.

Vierzehn Tage dauert die Ausbildung der »Civil Defense Force« an der türkischen Grenze, bei der die Freiwilligen lernen, Infusionen zu legen, Feuerwehrautos zu fahren und Menschen aus einem Haufen Stein und Stahl zu befreien. Am Ende der Ausbildung bekommen sie einen Klaps auf die Schulter und eine Uniform. Dann gehen sie dorthin, wo die Bomben fallen.

Die Zeit zwischen den Angriffen verbringen Khaled und seine Männer in ihrem Hauptquartier, einem ehemaligen Abschleppplatz der Verkehrspolizei. Toyotas rosten im Hof vor sich hin. Zwei Männer bewachen das Eingangstor. Die anderen sitzen in einem Zimmer, das als Einsatzzentrale, Aufenthaltsraum und Schlafzimmer dient. Auf dem Boden liegen fleckige Matratzen, in einer Ecke steht ein Fernseher, ein Deckenventilator verquirlt die heiße Luft. Strom kommt aus einem Generator.

Der 20-jährige Al-Tawil, der Lange, glaubt nicht mehr daran, dass er den Krieg überleben wird. Er sitzt auf einem Bettgestell, saugt an einer Shisha und chattet auf Facebook und WhatsApp mit seiner Freundin, die auf der anderen Seite Aleppos lebt, auf der Regierungsseite, nur wenige Kilometer entfernt und doch unerreichbar. Seit 18 Monaten hat er sie nicht mehr gesehen, weil der Krieg nicht nur das Land teilt, sondern auch Stadt und Familien, Freunde und Liebende. Den Westteil Aleppos kontrolliert die syrische Armee. Der Osten Aleppos gehört den Rebellen, die oft untereinander zerstritten sind: Kurden, säkulare Kräfte, islamische Gruppen und die von allen verhassten islamistischen Fanatiker der ISIS. Die Zivilisten sind dazwischen in die Schusslinie geraten. In Aleppo kann man im Kleinen sehen, was mit Syrien im Ganzen passiert: Der Krieg wird zum Dauerzustand. Der Staat zerfällt in unterschiedliche Einflusszonen. Die Infrastruktur wird zerstört. Und immer leiden die Zivilisten. In der Stadt gibt es keine Polizei mehr und keine Müllabfuhr, es mangelt an Ärzten, Medikamenten und Nahrungsmitteln. Krankenhäuser und Schulen sind zerstört. Menschen wie Al-Tawil versuchen, diese Lücken zu füllen, so gut es geht.

Seit seiner Kindheit hat er davon geträumt, wie sein Vater Feuerwehrmann zu werden. »Assad hat mir diesen Wunsch erfüllt«, sagt er bitter. Doch dieses Dasein sei kein Leben. »In Aleppo gibt es nichts. Wir haben keinen Strom, kein Wasser, keine Zukunft. Hier gibt es nur Bomben. Wir werden hier sterben!« Wenn er von seinem Alltag erzählt, klingt er seltsamerweise nicht wütend, sondern eher hilflos.

Während al-Tawil mit seiner Freundin flirtet, dösen seine Kumpels die Zeit weg, singen bei Liedern von Jennifer Lopez mit, tanzen zu PSY oder quatschen darüber, worüber junge Männer eben quatschen: Fussball, Mädchen, das richtige Studienfach.

Al-Tawils bester Freund ist der 25-jährige Alaa Sharif, ein Türke, der, als der Krieg in Syrien ausbrach, sein Studium in Istanbul abbrach und in den Krieg des Nachbarlandes zog, um an der Front als Sanitäter zu arbeiten. Alaa Sharif ist ein frommer Mann, der Gewalt ablehnt, seine Eltern vermisst, und der, wenn man ihn fragt, was er hier als Türke überhaupt zu suchen hat, aus den Suren des Koran zitiert: »Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Menschheit getötet. Und wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet«.

Neben ihm liegt Ahmed Mursi auf dem Boden und starrt den Decken-Ventilator an. Ein schüchterner Zwanzigjähriger, der aus der Regierungsarmee desertierte, weil er nicht auf seine Landsleute schießen wollte und anschließend mit den Rebellen gegen Assads Truppe kämpfte. Aber auch dort hielt er das ständige Töten nicht aus. Erst bei der CDF fand er seinen Platz. »Ich will Leben retten, nicht umbringen«, sagt er. Mit jedem Menschenleben, das die Männer aus den Trümmern befreien, erobern sie sich ein Stück ihrer Würde zurück, die der Krieg ihnen genommen hat. Die Arbeit gibt ihrem Leben eine Richtung, während ihr Land immer mehr vom Weg abkommt.

Man kann es aber natürlich auch ein bisschen pragmatischer sehen. »Es ist ein tolles Gefühl, die Menschen lieben uns«, sagt Al-Tawil, »sie klatschen und jubeln uns zu, wenn wir durch die Straßen fahren. Ich liebe diese Arbeit.« Am Abend zeigt der Sender Freies Aleppo einen Bericht über die CDF im Fernsehen. Als die Männer sich auf dem Bildschirm sehen, wie sie durch Trümmer hasten, in Uniform, wie Figuren aus einem Actionfilm, steigt die Laune im Raum, sie rufen und kullern sich vor Lachen auf dem Boden und debattieren darüber, wer von ihnen nun am coolsten aussieht.

Fünf Minuten nach dem Einschlag der zweiten Bombe erreicht das erste CDF-Team den Straßenzug im Shaar-Distrikt. Die Bombe hat Balkone abgerissen, Mauern geknackt, Autos zusammengefaltet, als ob sie aus Pappe wären. Mauerstücke und Möbelteile fallen vom Himmel. Ein fahler Sonnenstrahl bahnt sich einen Weg durch die Wolke aus Staub und Schutt. Eine schwere Stille hängt über der Straße. Taumelnde Gestalten schälen sich aus diesem Inferno, wankend, hustend. Unter einem Schuttberg ragt ein abgetrenntes Bein hervor.

Khaled, al-Tawil und sein Kumpel Alaa springen über Mauerreste und verschwinden dann in einem Loch, das einmal ein Hauseingang war. Dort finden sie einen Jungen, zehn, elf Jahre alt, Blut läuft aus seinem Mund, er hat einen offener Bruch am Unterarm, in der Stirn klafft ein Loch. Sein Vater steht daneben, schreit, weint, verflucht den Piloten und Präsident Assad. Khaled gibt mit ruhiger Stimme Befehle, unterdrückt seine eigene Panik, die ihn in diesen Momenten erfasst. Nicht die Kontrolle verlieren. Aber jemand soll verdammt noch mal den Himmel beobachten, für den Fall dass die Hubschrauber zurückkehren. Al-Tawil nimmt ihn in den Arm und führt den verzweifelten Vater aus dem Haus, weg von seinem schwer verletzten Sohn.

Alaa hebt den leblosen Körper des Jungen auf die Arme, trägt ihn in eine Seitenstraße, legt ihn dort behutsam auf den Bürgersteig, sucht den Puls, schüttelt dann aber den Kopf und wischt sich die blutigen Hände an seinem Kittel ab. Dann legt Khaled eine Decke über den Jungen.

Während Khaled, Alaa und die anderen den Schutt durchsuchen, befragt Al-Tawil die Anwohner, ob noch Angehörige vermisst werden. Die islamischen Beerdigungsriten erfordern, dass der gesamte Körper bestattet wird. Kein Hautfetzen darf zurückgelassen werden. Gebückt stolpern die Männer durch die Trümmer, finden dort einen Arm, hier ein Stück eines Organs. Insgesamt bergen sie an diesem Morgend drei Tote und fünf Schwerverletzte.

Kahled ist der einzige aus seiner Familie, der in Aleppo geblieben ist. Alle Angehörigen sind schon vor langer Zeit in die Auffanglager in der Türkei geflohen. Seit neun Monaten wohnt er hier im Hauptquartier der Civil Defense Forces. Nicht einen Tag hat er in dieser Zeit frei genommen. Er ist ein Grübler, der gerne heiraten, eine Familie gründen und wieder als Anwalt arbeiten würde. »Welche Frau nimmt einen Mann, der jeden Tag sterben könnte?«, fragt er mit einem schiefen Lächeln und zündet sich eine neue Zigarette an der gerade aufgerauchten Kippe an. Auch schon egal. Raucht man eben Kette.

Khaled ist der Boss der Truppe und bei seinen Männern beliebt. Obwohl er erst dreißig ist, nimmt er eine Vaterrolle ein. Er ist ein mildes, verständnisvolles Familienoberhaupt, es gibt nur eine Regel, die seine Männer immer befolgen müssen: Am Leben bleiben. »Sich selbst retten, um andere zu retten«, wie Khaled es nennt. Er wiederholt es, wie ein Mantra. Aber Worte sind manchmal nutzlos. Wie am Morgen des 9. März 2014. Auch damals kamen die Hubschrauber mit der Morgensonne und warfen Sprengstofffässer ab. Ammar, 20 Jahre alt, Ihab, 22, und Ahmed, der gerade seinen 18. Geburtstag gefeiert hatte, rückten an diesem Morgen aus. Was sie nicht ahnten war, dass die Armee in diesen Tagen ihre Taktik geändert hatten und nun die Rettungskräfte mit einer zweiten Bombe ins Visier nahmen. »Die zweite Bombe hat sie erwischt, als sie eine Familie aus einem brennenden Auto zogen«, sagt Khaled und beginnt zu weinen. Zusammen mit seinen Kameraden starben sieben Syrer und ein kanadischer Journalist. Seitdem rücken sie niemals vor der Detonation der zweiten Fassbombe aus. Die CDF-Männer haben ihre toten Kameraden auf einem Fußballfeld in der Nähe des Hauptquartiers begraben, damit sie in ihrer Nähe sind. Sie besuchen Khaled nun nachts in seinen Träumen. Er war es ja gewesen, der sie in den Einsatz geschickt hatte und selbst nicht dabei war, weil er nach den Einsätzen der vorherigen Nacht zu erschöpft war. Vielleicht hätte er sie retten können, denkt Khaled. Vielleicht auch nicht. Er wird keine Antwort bekommen. Khaled schweigt manchmal minutenlang, dann erzählt er weiter mit monotoner Stimme. Von zerfetzten Körpern. Von toten Kindern. Von der vierzehnköpfigen Familie, die sie nur noch tot aus einem Mietshaus bergen konnten. Jeden Tag muss er seine Angst unterdrücken. Und manchmal, wenn er den Krieg und all das Leid nicht mehr erträgt, fragt er sich, ob der fliegende Tod dort oben nicht auch Erlösung sein könnte. Ob es nicht besser wäre, wenn ihn eine Bombe träfe, damit all dies endlich ein Ende hat.

Während Khaleds Leute weiter nach menschlichen Überresten suchen, trauen sich die Anwohner langsam aus den Häusern. Plötzlich ruft jemand: »Tayara! Tayara!« Ein Hubschrauber kreist über dem Viertel. »Raus hier! Schnell!« ruft Khaled. »Yalla, yalla, yalla!« Los, los, los. Dann ist das Summen einer fallenden Bombe zu hören. »Zwanzig Sekunden!«, flüstert Khaled und sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse aus Anspannung und Angst. Seine Lippen bewegen sich, während er lautlos die Sekunden zählt. Ein, zwei, drei ...

Zwanzig Sekunden, das ist die Zeitspanne, die zwischen dem Abwurf einer Bombe und ihrem Einschlag liegt, und die zwischen Leben und Tod entscheidet. Mit ein bisschen Glück explodiert die Bombe weit genug entfernt. Wenn nicht, dann schützen auch keine Mauern mehr. Die Hitze der Explosion entzieht der Luft allen Sauerstoff. Die Druckwelle zerreißt Lunge, Nieren, Milz.

Die Fassbombe explodiert an diesem Tag mehrere hundert Meter entfernt. Die Rettungskräfte rennen zurück zu ihren Fahrzeugen und rasen mit Vollgas los. Weitermachen. Was soll man sonst machen. Um kurz nach zehn Uhr feuert ein MIG-Kampfflugzeug zwei Raketen auf einen Markt im Viertel Tariq al-Bab und töten einen Vater mit seinem Sohn. Und während die Khaled und seine Männer von der »Civil Defense Forces« die beiden Toten auf die Ladefläche eines Lasters legen, schlägt zwei Straßenzüge entfernt die nächste Fassbombe ein und tötet einen weiteren Mann. Ein ganz normaler Tag in Aleppo, Syrien. Khaled zählt vierzeh weitere Fassbomben. Es ist gerade 12 Uhr.