2015

liberty message

Schaut, was sie getan haben

von Alice Bota

Im elften Stock des Verwaltungsgebäudes läuft ein amerikanischer Vampirfilm auf einem ukrainischen TV-Sender. Drum herum laufen Männer mit Kalaschnikows durchs Zimmer. Andere sitzen an Schreibtischen und tippen auf Computertastaturen. Es ist das Hauptquartier der prorussischen Separatisten in Donezk. Hier bereiten sie die Abspaltung des Kohle- und Industriereviers Donbass von der Ukraine vor. Ich muss mir einen Stempel holen für meinen neuen Journalistenausweis der noch nicht existierenden "Volksrepublik Donezk". Ohne den Ausweis komme ich nicht an den Checkpoints der Separatisten im Osten des Landes vorbei.

Irgendwo hier im Gebäude sind ukrainische Geiseln eingesperrt. "Kriegsgefangene", sagen die Separatisten. Sie haben angekündigt, weitere Geiseln zu nehmen, um ihre Leute freizupressen.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie sich auf dem Platz vor dem Gebäude immer mehr Menschen sammeln. Sie halten Kerzen in der Hand, über allem dröhnt die Melodie von Ruskij Marsch, einem nationalistischen Lied, in dem alle Slawen zum Kampf aufgerufen werden und Russen keine Kugeln oder Wunden fürchten.

Es ist Wochenende, und an jedem freien Tag versammeln sich in Donezk nachmittags irgendwo Menschen. Dann gehen sie los, irgendetwas stürmen. Der Mob, der sich an einem freien Tag trifft, ist so gewöhnlich geworden wie früher der Spaziergang sonntags im Park.

Als ich draußen auf dem Platz ankomme, marschiert die Menge gerade los, wie von unsichtbarer Hand geführt. Je weiter sie kommt, desto mehr Menschen schließen sich ihr an. Vorneweg laufen einige Dutzend maskierte Typen mit Eisenstangen, Helmen und Schutzschilden, die sie einige Tage zuvor der ukrainischen Bereitschaftspolizei abgenommen haben, es folgen junge Frauen, Rentner, Mütter, Ehepaare, es sind 1.000 bis 2.000 Menschen. Sie brüllen "Keine Vergebung für Odessa!". Ihre Trauer ist zu Wut geronnen, und ich vermeide es zu sprechen, mich als Ausländerin erkennbar zu machen.

In Odessa bekämpften proukrainische und prorussische Demonstranten einander, die eine Seite schoss auf die andere und umgekehrt. Als sich die Prorussen in einem Gebäude verschanzten, warfen die Proukrainer Molotowcocktails durch die Fenster. Mehr als 40 Menschen verbrannten oder erstickten, es ist eine Tragödie, die den Zerfall der Ukraine vorantreiben könnte. Von "Genozid" sprechen russische Machthaber – und im 700 Kilometer entfernten Donezk rufen die Menschen nach Rache.

Anderthalb Kilometer laufen sie, dann halten sie vor dem Gebäude des Geheimdienstes. Fünf Minuten später zertrümmern sie die mit Sicherheitsglas verspiegelte Front. Sie nehmen das Gebäude mit Leichtigkeit ein, es ist leer.

Einen Monat zuvor hatten sie die Regionalverwaltung besetzt, auch das Büro der Generalstaatsanwaltschaft gehört jetzt ihnen, in brutalen Kämpfen mit der Bereitschaftspolizei haben sie es erobert. Als sie die kaum 20-jährigen, verletzten Polizisten wegbrachten, beschimpften ältere Damen die Jungs als Faschisten, bespuckten sie und verlangten, sie sofort zu erschlagen. Sie haben die Militärstaatsanwaltschaft gestürmt, den Firmensitz der Firma Donezk Stahl, wo sie die ukrainische Fahne abrissen und die Fahne der "Donezker Volksrepublik" hissten. Die TV-Station ist in ihrer Hand und wird von Männern mit Kalaschnikows bewacht, rund um die Uhr laufen nun Nachrichten der "Volksrepublik" oder russische Sender, in denen berichtet wird, dass in einer nahe gelegenen Stadt Kämpfer des Rechten Sektors die Bevölkerung massakrierten oder das Trinkwasser vergifteten. Fast alle Gebäude des ukrainischen Staates sind bereits in ihren Händen. Die Geheimdienstzentrale fehlte noch.

Sie hatten wohl gehofft, beim Geheimdienst Waffen zu finden. Aber im Eingang stehen nur einige Munitionskisten voller Sand, aber ohne Patronen. Die Leute vom Geheimdienst hatten mit der Erstürmung gerechnet.

Männer finden einige Bücher über die in den dreißiger Jahren von Stalin in der Ukraine angezettelte Hungerkatastrophe, den Holodomor, bei der Millionen Menschen starben. Sie zerreißen sie und verbrennen sie johlend als Lügenschriften. Sie zerstören die verspiegelten Frontscheiben, ein Mann klettert auf das Dach und holt die ukrainische Fahne herunter, schmeißt sie auf die Straße, wo sie verbrannt wird. Eine Frau schreibt mit ihrem roten Lippenstift auf das Glas der Eingangstür: "Keine Vergebung für Odessa!!!"

Mehr ist beim Geheimdienst nicht zu holen, aber die Wut ist noch nicht verflogen. Das nächste Prachtgebäude des ukrainischen Staates scheint nicht weit weg. Nur 150 Meter die Straße runter steht die Geschäftsstelle der Firma Donbass Stahl Union, von der es heißt, sie gehöre dem hiesigen Gouverneur Serhij Taruta. Irgendjemand schreit: "Auf zu Tarutas Büro!!!", und schon wälzt sich alles die Straße hinunter. Taruta ist der Feind, so sehen sie das hier. Er gehört bestraft.

Immer mehr Waffen gelangen in die Hände der Separatisten

Serhij Taruta ist ein Oligarch, der seine Milliarden mit Stahl gemacht hat, wie die meisten Oligarchen im Osten der Ukraine. Vor einigen Wochen hat ihn die neue Regierung in Kiew zum Gouverneur des Donbass ernannt. Einer, der so viel Geld hat und selbst aus dem Osten stammt, werde die Dinge vielleicht in den Griff kriegen, das war das Kalkül. Nun soll Taruta in der gefährlichsten Region des Landes die Einheit der Ukraine garantieren. Manchmal gelingen ihm kleine Erfolge; so hat er persönlich mit dem russischen Menschenrechtsbeauftragten und dem norwegischen Generalsekretär des Europarats die internationalen militärischen Beobachter aus Slowjansk abgeholt, wo sie acht Tage lang als Geiseln festgehalten wurden. Auf dem Weg soll sein Fahrer mehrere Checkpoints der Separatisten umfahren haben, weil geschossen worden sei. Dem Zerfall des Staates, dem Beginn dieses Krieges kann Taruta nur machtlos zusehen. Immer mehr Waffen gelangen in die Hände der Separatisten, Kalaschnikows, Pistolen, geraubt aus den Waffendepots der Polizei im ganzen Osten.

Die Firma, vor der die Menschen jetzt stehen, gehört Taruta nur zum Teil. Zu 51 Prozent ist Donbass Stahl Union im Besitz russischer Investoren, nur scheint daran im Moment keiner der prorussischen Separatisten zu denken.

"Aus Deutschland, aus Deutschland!", kreischt eine alte Frau mich an

Die Computer in dem Bürogebäude laufen noch, die teure Kaffeemaschine ist noch warm, als die ersten Männer Steinbrocken gegen das Sicherheitsglas werfen, wieder und wieder, bis es nachgibt und sie in das Haus eindringen können. Noch wenige Minuten zuvor müssen die Menschen in ihren Büros gearbeitet haben. Wären sie nicht geflohen, wer weiß, ob sie diesen Überfall überlebt hätten. Die Separatisten stürmen das Erdgeschoss, nehmen den ersten Stock ein, dann geht es weiter nach oben. Eine Frau mit einem Bauarbeiterhelm greift nach allem, was in den Büros herumsteht. Sie schmeißt Stühle aus dem Fenster, Computer, Drucker, Kopierer, Akten. Ein Maskierter macht sich einen Espresso. Andere trinken Champagner, den sie irgendwo gefunden haben, oder Wodka.

Es ist schon der zweite Überfall auf den Geschäftssitz der Stahlfirma, aber der erste war harmlos. Die Separatisten waren eingebrochen und hatten etwas Chaos veranstaltet. Dieses Mal aber ist es anders.

Sie zerstören Fensterscheiben, Computer, Kopierer, Marmorstatuen, wertvolle Skulpturen, Schränke, Gläser, Akten, Bilder, Stühle und Tische – und am Ende versuchen sie alles anzuzünden. Aber das Feuer brennt nicht lange.

Ich stehe neben ihnen, mache keine Notizen, spreche nicht, aber irgendwie muss ich einer älteren Frau aufgefallen sein. Sie kreischt, was ich hier täte, ich zeige ihr die Akkreditierung der "Volksrepublik Donezk", die ich zwei Stunden vorher abgeholt habe, aber es hilft nicht, Hände greifen nach meiner Tasche, wollen sie durchsuchen, ich öffne die Tasche, sie durchwühlen sie, aber da ist nur die Regenjacke, der Block, das iPad, sie versuchen, es mir zu entreißen, weitere Menschen mischen sich ein. Woher ich komme? Es wäre gut, jetzt zum Beispiel Island zu sagen. Oder Serbien, orthodoxe Schwestern unter sich. Aber mir fällt nur die Wahrheit ein: aus Deutschland. Die Frau fängt wieder an zu kreischen. "Aus Deutschland, aus Deutschland!" Vor ein paar Wochen hätte die Antwort noch Verzücken ausgelöst, aber manchmal reichen ein paar Tage, um aus Freunden Feinde zu machen. Jeder hier weiß Bescheid über die Sanktionen gegen Russland. Immer mehr Leute werden auf mich aufmerksam. Erst zehn, dann 20, irgendwann 30. Ich sehe zu, dass ich wegkomme. So läuft es oft: Solange es etwas zu zerstören, zu erstürmen gibt, haben die Menschen glänzende Augen und sind abgelenkt. Gefährlich wird es, wenn der Mob anfängt, sich zu langweilen. Er sucht sich dann neue Opfer.

Wo war die Polizei die ganze Zeit? Zwei Stunden dauerte der Raubzug, aber nirgendwo habe ich Polizisten gesehen. In Donezk helfen sie nur noch selten, wenn Häuser oder Menschen angegriffen werden, die für die Einheit der Ukraine stehen. Viele Beamten unterstützen die Separatisten. Für gewöhnlich sind Polizisten loyal gegenüber ihrer Regierung. Aber auf dem Maidan in Kiew starben Polizisten, denen die alte Regierung gesagt hatte, die Demonstranten auf dem Maidan seien Terroristen. Nun gibt es eine neue Regierung, die wieder von Terroristen spricht. Der sollen sie sich fügen? Und wenn auch diese Regierung fällt? Viele Beamte unterstützen die Separatisten und regeln, wenn wieder geplündert wird, eher den Verkehr, als dass sie Truppen des Innenministeriums helfen. Polizisten warten einfach ab. Schon jetzt zeigt sich jeden Tag, dass die Macht Kiews kaum noch bis in den Donbass reicht. Die Regierung schickt Soldaten und Helikopter, aber die Separatisten schießen sie ab. Die marode ukrainische Armee schafft es nicht, die umkämpften Städte einzunehmen, und hat kaum Rückhalt in der Bevölkerung.

Ich fahre zu den Beratern des Gouverneurs Taruta. Sie sitzen in einem teuren Hotel einige Kilometer entfernt und wissen schon vom Sturm auf das Gebäude der Donbass Stahl Union. "Lasst uns nachsehen, was aus den Rodins geworden ist", sagt einer, und wir fahren los, zurück in die Stadt. Das Gebäude ist jetzt hell erleuchtet, Licht fällt durch die zerbrochenen Scheiben auf die Straße, der Mob scheint abgezogen zu sein. Wir steigen aus.

Erst jetzt lassen sich ein paar Polizisten blicken. Sie stehen herum, als wüssten sie nicht, was sie hier sollen. Im Inneren des Hauses ist alles verwüstet. Aber ausgerechnet das angeblich Wertvollste haben die Prorussen unversehrt gelassen. Im obersten Stockwerk stehen zwei Skulpturen des Bildhauers Auguste Rodin, der Denker und der Kuss, eine Frau und ein Mann, eng umschlungen. Offenbar sind sie niemandem aufgefallen.

Und dann sehe ich auf einmal diesen jungen Mann, der heraussticht unter den ukrainischen Polizisten und den Sicherheitsleuten in Zivil, die jetzt durch das Gebäude laufen. Er trägt eine Uniform, eine schusssichere Weste und das Band des heiligen Georg, mit dem die Separatisten ihre Verbundenheit mit Russland ausdrücken. In seinen Händen knetet er die schwarze Sturmmaske, während die Polizisten gelangweilt mit ihm reden. Die anderen sind weg, abgehauen, er aber ist geblieben. Vielleicht sollte er Wache halten, vielleicht hat er auf Verstärkung gewartet. Jetzt ist er auf einmal ganz allein.

Er sei es nicht gewesen, stammelt der junge Mann. Er habe nichts zerstört. Die anderen seien es gewesen, sagt er, während Glas unter seinen Füßen knirscht. Noch vor einer Stunde, inmitten des Mobs, haben Männer wie er mir eine Höllenangst eingejagt: uniformiert, das Gesicht vermummt, Eisenstange oder Baseballschläger in der Hand. Nun wirkt er wie ein Junge, der seinen Eltern zu erklären versucht, warum das Haus nach der Party so verwüstet aussieht.

Ein Mensch von Prinzipien sei er, sagt der junge Mann. Ja, er wisse jetzt, dass das Unternehmen Donbass Stahl Union mehrheitlich Russen gehöre. Nein, sie wollten den Russen nicht schaden. Ja, er wolle versuchen, diesen Irrtum irgendwie wiedergutzumachen. Vielleicht hofft er, so ohne Strafe davonzukommen.

Er setzt sich die Sturmmaske auf die kurzen, dunklen Haare und rollt sie geschickt über sein Gesicht, wie ein Nachrichtensprecher, der seine Krawatte vor der Sendung richtet. Er stellt sich vor den Tresen aus Marmor, neben sich ein zerbrochenes Weinglas und die Reste einer kaputten Vase, im Hintergrund klaffen die offenen Türen geplünderter Schränke.

"Fertig?", fragt er. Die Berater und Sicherheitsleute nicken und schalten ihre Handykameras ein, ich lasse ungläubig mein iPad laufen, mit dem ich eben noch den Schaden im Haus dokumentiert habe. Mit tiefer Stimme trägt der junge Mann seine kleine Rede vor, die sie später verbreiten wollen. Vielleicht bringt es ja etwas, vielleicht taucht wirklich noch etwas wieder auf.

"Hallo. Ich bin von der Donbass-Miliz. Schaut, was sie getan haben. Das ist nicht das Büro des Gouverneurs. Es gehört einer russischen Firma. Leute, bitte gebt alles zurück, was ihr gestohlen habt. Ich habe eine große Bitte an euch, eine ganz große Bitte: Bringt alles zurück. Die Messer, die Server, alles, was ihr mitgenommen habt. Gebt alles zurück. Das alles wird gebraucht, um mit Russland zusammenzuarbeiten. Dieses Büro gehört Russen. Ich kenne den Direktor seit meiner Kindheit, er ist ein respektabler Mann. Es war immer eine Freude, mit ihm zu reden. Ich schäme mich dafür, was ihr getan habt. Das ist wirklich eine Schande. Also, Leute, ich hoffe, ihr entschuldigt euch."

In diesem Moment wird schlagartig klar, wie absurd das alles ist. Dass Russland und die Ukraine sich bedrohen, gegeneinander aufrüsten. Dass Ukrainer auf Ukrainer schießen. Dass hier mit Moskaus Hilfe und Kiews Kopflosigkeit der nächste europäische Bürgerkrieg stattfinden könnte. Ich höre dem Jungen zu, der sich für den Überfall auf eine russische Firma entschuldigt, aber feiern würde, wenn es eine ukrainische wäre. Ich will schreien oder lachen, weil alles so irre ist. Aber dann versucht der Junge zu fliehen, die Polizisten rennen hinterher, es klirrt, es scheppert, es kracht, er kommt nicht weit.