2015

liberty message

In der Republik der Lügen

Krieg, wo Waffenruhe herrscht, Menschen, die in Bunkern leben, und Tote, die zu Helden werden: Wie im Osten der Ukraine ein Staat entsteht
von Alice Bota

In der Donezker Volksrepublik herrscht eigentlich Frieden, aber es ist wie Krieg. Bis vor einigen Monaten war Donezk ukrainisch, aber die Ukraine ist jetzt der Feind. Junta nennen sie hier die Regierung in Kiew, Faschisten, Kindermörder. Am Stützpunkt am Rande der Stadt sind Fahnen von »Neurussland« aufgesprüht, Bergarbeiter schultern ihre Kalaschnikow und sichern die Grenzen ihrer selbst ernannten Republik. Die Kämpfer nennen sich »Führer«, »Schutzwall« oder »Hacker«. Sie kommen aus einer Kohlestadt in der Nähe, gleich ist Wachablösung. Ein Krankenwagen, den sie zum Militärfahrzeug umfunktioniert haben, wird sie für zwei Tage nach Hause bringen, bevor es wieder zurückgeht an die Front.

»Führer« kontrolliert unsere Akkreditierungen mit dem doppelköpfigen Adler, dann sagt er auf Russisch: Bringt euch in Sicherheit, gleich geht es los. In ein paar Minuten werden die Ukrainer antworten.

Antworten?

Unser Fahrer tritt aufs Gas, wir rasen vorbei an einem ausgebombten Markt, an einer ausgebrannten Kirche, in Schlangenlinien umfahren wir die Raketen, die im Straßenasphalt stecken, dann kommen wir an einem Schutzbunker aus den sechziger Jahren an. Schon hören wir den Hall der ersten Geschosse. Etwa 20 Kämpfer der Donezker Republik beschießen in der Nähe die ukrainischen Stellungen mit Mörsern, einige rennen zum Bunker, als die Ukrainer zurückschießen.

Wir steigen die Treppe vier Meter unter die Erde herab, es kracht, einmal, zweimal, ein drittes, fünftes, sechstes Mal. Frauen zerren die schwere Metalltür des Bunkers zu, rufen die Kinder zu sich, aber die hören nicht, sie zucken nicht einmal zusammen. Das Grollen über ihren Köpfen ist so gewöhnlich geworden wie das Aufstehen am Morgen, so lästig wie das Husten in der klammen Kälte am Abend, wenn sich gut 100 Menschen in ihre Decken wickeln und auf zu Betten zusammengeschobenen Bänken aneinanderdrängen. Bis vor Kurzem waren es noch zwei Bänke je Familie, vier Menschen auf 1,80 Metern. Die Männer wagen sich wie Halbstarke hinaus aus dem Bunker, rennen dann doch zurück, und drinnen sitzen die Frauen den Tag ab.

Es herrscht Waffenruhe zwischen der Donezker Volksrepublik und der Ukraine, von höchster Stelle angeordnet, aber tagein, tagaus geht das so mit den Einschlägen. Mal schießen die Ukrainer, dann wieder die Kämpfer der Donezker Volksrepublik, in diesem mit Lügen gespickten Krieg hat niemand mehr den Überblick, was Angriff und was Gegenwehr ist. Fast 4000 Menschen sollen in diesem Krieg gestorben sein, Hunderttausende haben ihre Häuser verlassen, allein aus der Millionenstadt Donezk soll gut ein Drittel der Einwohner geflohen sein.

Offiziell war die russische Armee an diesem Krieg nie beteiligt, und doch wurden immer wieder ihre Soldaten auf ukrainischem Boden festgenommen. Offiziell herrscht seit Anfang September Frieden, und doch dröhnt über allem das Krachen schwerer Artillerie. Offiziell gibt es eine Republik, die sich auf ihre ersten Wahlen zur Eigenständigkeit vorbereitet, und doch haben die Menschen keine Antworten auf wesentliche Fragen: Wer trägt die Verantwortung und wer die Schuld an ihrer Situation? Wer wird sie entschädigen und wer für sie sorgen? Entsteht ein Staat oder nur die Illusion davon?

Im Bunker ist das Licht schwach und gelblich, es riecht nach Krankheit, rostige Schächte leiten dürftig Luft von draußen hinein. Strom haben sie erst seit zwei Wochen, davor saßen sie im Dunkeln. Zu Kellermenschen sind sie geworden, die Gesichter bleich, der Husten schmerzend. Ihr Wasser erhitzen sie auf einer Feuerstelle vor der Tür, sie waschen sich in kleinen Plastikwannen. Die Älteste hier ist eine Frau von 83 Jahren, die meistens auf einer Bank liegend vor sich hindämmert und stöhnt. Der Jüngste ist Sascha, ein Jahr und acht Monate alt. Ein Kind des Krieges, sagt seine Großmutter, und Sascha rast auf seinem Bobbycar über das abgenutzte Laminat. Sie sind hierhergeflohen, als die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Donezker Kämpfern ihre Dörfer, die meisten nun in der Hand der Ukrainer, verwüsteten.

Eine Frau, Krystyna, kehrte am 6. September in ihr Dorf zurück, einen Tag nach der offiziell vereinbarten Waffenruhe. Sie hatte davon gehört, dass Frieden sei. Am Tag darauf knallte es wieder, da sitzt sie nun mit ihren Kindern und ihrem Mann vier Meter unter der Erde fest, wartet und sagt: »Niemand glaubt uns, dass Krieg ist.«

Auf den Trümmern dieses Kriegs versucht sich eine Republik zu erfinden. Etwa zehn Kilometer weiter im Zentrum der Stadt werden in diesen Tagen Wahlplakate geklebt, die schon nicht mehr stimmen: Am 2. November sollten die Wahlen sein, nun verschieben sie sich wegen Organisationsproblemen um eine Woche. Ein Premier soll direkt gewählt werden und ein Parlament. Es treten an: Die Kommunisten der Donezker Republik, die Bewegung Donezker Republik, die Bewegung Freies Donbass – wenn sie denn ihre 1000 Unterschriften zusammenbekommen. Wahlprogramme sind nicht einsehbar, Kandidatenlisten auch nicht. Einen Politiker, der eine Wiederannäherung an die Ukraine wollte, gibt es erst recht nicht.

»Der Donbass entscheidet« steht auf manchen Plakaten, »Wir wählen die nationale Macht«. Man sucht nach Legitimität, die zur neu entstehenden Eigenständigkeit passen könnte. Bewaffnete haben in Teilen des Donbass am 11. Mai ein Referendum für Eigenständigkeit durchgesetzt und die ukrainischen Präsidentschaftswahlen Ende Mai verhindert, indem sie Wahllokale zerstörten oder Wahlhelfer entführten.

Das ist die Demokratie der Donezker Volksrepublik, und wer sie nicht mag, der hat die Stadt verlassen oder hält den Mund. Der selbst ernannte Leiter der zentralen Wahlkommission sagt, man sei nun ein unabhängiger Staat, der mit der Ukraine im Krieg stehe und diese von der Landkarte der Geschichte tilgen werde.

Langsam erwacht die Stadt wieder zum Leben. Zum ersten Mal seit Wochen werden Läden wieder mit Waren beliefert, ein Supermarkt bietet ein Dutzend unterschiedlicher Sorten Wodka an, Mineralwasser aus der Westukraine, frische Krebse. Apotheken verkaufen wieder Medikamente. Busse fahren nach Plan, Familien spazieren die Alleen entlang. Doch in stillen Gesprächen hört man oft: Ich würde ja weggehen, aber hier steht mein Haus, hier habe ich noch immer Arbeit, hier leben meine kranken Eltern. Die Menschen hoffen auf den Frieden, und deshalb setzen sie ihre Hoffnungen auf die neuen, prorussischen Machthaber.

In der Volksrepublik Donezk existiert der ukrainische Staat nicht mehr, also werden Gehälter nicht mehr überwiesen, Renten auch nicht. Die neuen Herrscher haben den Rentnern 1800 Hrywna monatlich, rund 105 Euro, versprochen, aber bislang nichts ausbezahlt. In den kriegszerstörten Dörfern sagt man den Familien drei Tonnen Kohle für den Winter zu, aber bislang kommt nichts an. Viele Zechen, das rußige Herz dieser Industrieregion, sind zerstört und stehen still.

Die Friedensvereinbarung sieht vor, schwere Artillerie jeweils 15 Kilometer von der Frontlinie zurückzuziehen, aber noch hält sich keine Seite daran. Der selbst ernannte Premier der Donezker Volksrepublik verspricht im Falle seiner Wahl »alles Mögliche und Unmögliche zu tun, um das gesetzwidrig okkupierte Territorium der Donezker Republik zu befreien«, und meint damit, mehr Land von den Ukrainern zu erobern. Einer der führenden Köpfe in Donezk, der Kommandant des Bataillon Wostok, runzelt die Stirn und wiegelt ab. Das seien Sätze eines Politikers, den man nicht zu sehr beim Wort nehmen dürfe, aber es sei den Menschen hier schwer zu vermitteln, dass die jetzigen Territorien alles seien, worauf die neue Republik fußt. Diese Teile, sie sind nicht mehr als ein verkümmerter, lebensunfähiger Rumpf. »Wir müssen militärisch und wirtschaftlich unabhängig sein«, sagt der Kommandant und weiß doch, dass der Zustand erst mal so bleibt.

An diesem Morgen steht vor dem Leichenschauhaus der Stadt ein Lkw, in den die Toten des Tages hineingeworfen wurden, im ersten Stock sitzt der Chef der Forensik: ein großer, dicklicher Mann im Anzug, der die vergangenen Monaten durchgearbeitet hat. Es ist kühl, viele Fenster sind zerstört vom Beschuss der Ukrainer, die im Sommer selbst das Zentrum der Stadt mit Artillerie beschossen haben. Im Dach klafft ein Loch, das dürftig mit Holzbrettern geflickt wurde. Dmitrij Kalaschnikow geht durch die Statistik der Waffenruhe.

»Am vierten Oktober waren es 11 Tote. Fünfter Oktober: 7 Tote. Am sechsten Oktober 11 Tote, hier haben wir den siebten Oktober: 13 Tote.« Die Leichen kämen aus den umliegenden Dörfern und aus der Gegend um den umkämpften Flughafen. Und ja, er sei sich sicher, dass sie Opfer des ukrainischen Beschusses seien. »Die Rebellen schießen doch nicht auf ihre eigene Stadt.« Seit März hätten sie hier offiziell mehr als 1500 Kriegstote gezählt, aber die Opferzahlen, sagt Kalaschnikow, dürften zwei- bis dreimal so hoch sein. Sie würden von jedem Toten, den sie finden, das Gesicht fotografieren, wenn noch eins da ist, DNA-Problem entnehmen, besondere Merkmale wie Tätowierungen oder Narben dokumentieren. Noch immer tausche man Kriegsgefangene aus, noch immer werden Tote für Tote hergegeben, beiden Seiten werden Exekutionen und Folter vorgeworfen.

Zu der Gründung dieser neuen Republik gehört die Geburt von Mythen und Märtyrern. Anderthalb Stunden östlich von Donezk entfernt, tief in der ukrainischen Steppe, stand noch vor ein paar Wochen eines der wichtigsten Kriegsdenkmäler, die an den Großen Vaterländischen Krieg erinnerten: ein Obelisk sowie Reliefs mit Gesichtern von Rotarmisten, die sich stufenweise bis zum Fuße des Hügels zogen. Hier hat die Rote Armee im Sommer 1943 die Anhöhe Sawur Mohyla von den Deutschen zurückerobert.

Nun ist das antifaschistische Denkmal in Trümmern, die Pappeln am Straßenrand liegen da wie umgeknickte Streichhölzer, Felder sind mit Kratern übersät, rostige Reste ausgebrannter Panzer und Busse erzählen von dem Kampf, der ausgetragen wurde.

Hier ist die ukrainische Armee geschlagen worden, und wer sich die Verheerung anschaut, ahnt, dass dieser Kampf unmöglich von einigen Kämpfern der Donezker Republik entschieden wurde, sondern von einer gut ausgerüsteten Armee mit reichlich schwerer Artillerie. Die russische Grenze liegt nur ein paar Kilometer entfernt.

Wo vor über 70 Jahren Soldaten der Roten Armee getötet wurden, werden jetzt die Leichen der Kämpfer aus Donezk beerdigt. Es ist, als würde mit jeder an diesem Ort begrabenen Leiche dem Tod ein Sinn abgerungen: Diese Söhne und Väter müssen Helden gewesen sein, das ist die Legende. Früher sind hier Soldaten im Kampf gegen die deutschen Faschisten gestorben, heute werden hier Gefallene im Kampf gegen die Faschisten aus Kiew beerdigt, das ist der neue Mythos.

Die Eigenständigkeit der Donezker Volksrepublik, sie ist eine Illusion. Ihre Stärke ist von Russland geliehen, ihre Mythen sind der Geschichte entrissen. Sie hält Not bereit, Trauer und Lügen, aber keinen Frieden.

An diesem warmen Herbsttag stehen am Fuße des Denkmals drei Särge aufgebahrt: Michail Schamlin heißt der eine, geboren 1986, nun in seiner Uniform gebettet auf weißem Satin. Daneben: Denis Meniajlow, geboren 1971, der dritte: unbekannt, da nicht identifizierbar. Nur der Sarg von Schamlin steht offen, weil sein Körper unversehrt ist.

Fliegen summen, sie setzen sich auf das angelaufene Gesicht von Schamlin, die Mutter fällt in Ohnmacht, Riechsalz wird gereicht, Beruhigungstropfen ausgepackt, Frauen küssen die Stirn des Toten, wimmern, die Männer stehen verloren ein paar Meter weiter und rauchen. Daneben, am Sarg von Meniajlow, bricht die Ehefrau zusammen, sie wirft sich auf den Sarg ihres Mannes, streichelt den Deckel, küsst ihn, rauft sich die Haare. Vater Konstantin kommt mit schnellen Schritten, schwenkt Weihrauch und predigt im altslawischen Singsang. Das Klagen der Frauen verstummt.

»Ich schäme mich für jene, die alles zurückgelassen haben, um ihr Leben zu retten«, predigt der Pater. »Diese drei haben auch alles zurückgelassen, aber um unsere Leben zu schützen. Ihr Tod ist eine Ehre.« Die Ehefrau schreit, zwei Männer halten sie fest, als der Sarg ihres Mannes weggetragen und in die Erde eingelassen wird. Am Kopfende der Gräber bauen sich die Bewaffneten auf, entsichern ihre Waffen, legen sie an und feuern ab. Erst eine Salve, dann die zweite und dritte, ein Ehrengruß an die Toten, bei dem die Lebenden vor Angst zusammenzucken.

In der Ferne krachen dumpf die Raketen, niemand hebt den Kopf. Spaten für Spaten fällt Erde auf die drei Särge, die Ehefrau schreit und schreit, ein letztes Mal verneigen sich die Trauernden und gehen dann vorbei an einer unauffälligen Marmortafel. Sie erinnert an die Freundschaft zwischen Russen und Ukrainern und wurde erst vor drei Jahren errichtet.