2015

liberty message

Ein Staat zerfällt

Im Osten der Ukraine rüsten alle Lager auf, die Separatisten ebenso wie die Regierung. Jeder schießt auf jeden.
von Alice Bota

Auf dem Flughafen weit außerhalb der Stadt Mariupol steht ein wuchtiger Mann, zündet sich eine Marlboro light an und wartet auf den Leichenwagen. »Gleich muss er kommen«, sagt Wolodymyr, ukrainischer Kämpfer. Gleich werden sie den Sarg bringen, in dem einer seiner Freunde liegt. Sie werden die Kiste in den Flieger schieben und nach Kiew bringen. Irgendjemand wird der Witwe beibringen müssen, was am Tag zuvor in Mariupol im Südosten des Landes passiert ist. Warum dieser Einsatz schieflief und am Ende fast ein Dutzend Menschen tot waren. Aber wie kann man erklären, was man selbst noch nicht begriffen hat?

Wolodymyr fährt sich durch das strähnige Haar, sein T-Shirt ist voller Flecken, die Augen brennen vor Müdigkeit. Er setzt seine Sonnenbrille auf. Ein bisschen erinnert er an den Tatort- Schauspieler Axel Prahl. Mit ein paar seiner Jungs aus dem Bataillon Asow ist er in einem Kleintransporter zum Flughafen gekommen. Sein Bataillon ist eines von fast einem Dutzend, die sich in den vergangenen Wochen gegründet haben. Es zählt etwa 80 bis 100 Männer, alle zwischen Ende 30 und Ende 40, alle waren Aktivisten auf dem Kiewer Maidan, alle sind Zivilisten, die vor einer Ewigkeit ihren Wehrdienst geleistet haben. Auf dem Schießplatz treffe er allerdings immer noch wie eine Eins, sagt Wolodymyr.

Am Freitag, dem 9. Mai, kam es zum Einsatz gegen die prorussischen Separatisten in Mariupol. Die ganze Woche schon war um die Macht in der Stadt gekämpft worden. Es ging hin und her: Mal besetzten die Separatisten das Rathaus, dann eroberten proukrainische Truppen es zurück. Aber dann, bei der Polizeiwache, ging etwas fürchterlich schief. Am Ende zählte Human Rights Watch mindestens sieben Tote und 40 Schwerverletzte, ganz genau lässt sich die Zahl der Opfer immer noch nicht bestimmen.

Ende nächster Woche sollen die Ukrainer einen neuen Präsidenten wählen. Aber wie kann ein Land wählen, das sich gerade auflöst? In dessen Osten soeben Referenden über die Loslösung von der Ukraine abgehalten wurden und nun schon der Anschluss an Russland gefordert wird? Wie soll man in einem Land Wahlen abhalten, in dem an Checkpoints Autos nach Waffen durchsucht werden und »Anti-Terror-Einsätze« gegen Separatisten durchgeführt werden? Einsätze, bei denen – wie in Mariupol – sich proukrainische Truppen aus Unwissenheit gegenseitig bekriegen?

Seit zwei Wochen ist Wolodymyr jetzt hier, in dieser Arbeiterstadt im Südosten, gelegen am Asowschen Meer. Rostige Stahlanlagen umschließen die Stadt, grau hängt die Luft über den Dächern und schmeckt nach Ruß. Im Stadtzentrum steht das ausgebrannte Rathaus, nicht weit davon die Polizeiwache, ein schöner Altbau, der nun in Trümmern liegt, mit handtellergroßen Einschusslöchern in den Außenwänden.

Was am 9. Mai geschehen ist, erzählen die Einwohner von Mariupol so: Die »faschistische« Regierung in Kiew habe den Befehl gegeben, auf Zivilisten zu schießen, um die Separationsbestrebungen zu ersticken. Die Beamten aber hätten den Befehl verweigert und sich in der Polizeiwache verschanzt. Daraufhin hätten die »Faschisten« die Polizeizentrale gestürmt, alle Polizisten getötet und auf unbewaffnete Zivilisten gefeuert. Nennt die Regierung in Kiew nicht schon seit Wochen Bürger, die für die Loslösung von der Ukraine sind, »Terroristen«?

Wolodymyrs Version geht so: 15 bis 30 bewaffnete Separatisten hätten die Polizeiwache gestürmt, um Waffen zu erbeuten, die in den ersten beiden Stockwerken lagerten. Im dritten Stock hätten sich die Polizisten verschanzt, Wolodymyrs Bataillon sei als Hilfe angefordert worden. Es sei zu heftigen Kämpfen gekommen, die Armee mit Schützenpanzern vorgerückt, und am Ende hätten seine Leute in die Luft geschossen, um die aufgebrachte Menschenmenge vor der Polizeistation auseinanderzutreiben.

Es wird sich wohl nicht mehr abschließend klären lassen, wer diese Tragödie begonnen hat, wer wen getötet hat. Wahrheiten existieren nebeneinander. Nur eins ist sicher: Am Ende wurden unbewaffnete Menschen erschossen. Es gibt Videoaufnahmen, auf denen ein Mann mit erhobenen Händen ein paar Schritte macht und dann zusammensackt, weil ihn ein Schuss trifft. Dann folgt ihm ein anderer, auch er unbewaffnet. Wieder fällt ein Schuss, ein Mensch rollt sich zusammen und steht nicht mehr auf.

Vielleicht sei es ein Hinterhalt gewesen, in den sie da hineingetappt seien, sagt Wolodymyr. Wenn dies die Strategie war, dann sei sie aufgegangen: Nach allem, was geschehen ist, haben sie nun den großen Teil der Bevölkerung gegen sich.

An diesem Tag lief alles schief, so erzählt es Wolodymyr, so bestätigt es später am Telefon sein Befehlshaber, und er klingt noch immer wütend, wenn er über die Operation spricht. Der Anti-Terror-Einsatz versank im Chaos. Es war kein unvermeidbares Unglück. Der Einsatz zeigt exemplarisch, wie Misstrauen und Illoyalität einen Staat zersetzen und wie die Regierung in Kiew auf bedenkliche Weise den Staatszerfall zu kompensieren versucht.

Die Regierung traut den eigenen Polizisten nicht, denn diese sind oft mit dem alten korrupten Regime verstrickt. Sie traut auch dem Geheimdienst kaum, denn immer wieder sickert Vertrauliches über den Kampf gegen die Separatisten durch. Die Armee scheint zwar größtenteils loyal zu sein, doch ist das Militär auf Anti-Terror-Operationen nicht vorbereitet.

Darum schafft sich die Regierung eine militärische Parallelwelt, die dem Innenminister unterstellt ist. Es gibt jetzt eine Nationalgarde, geschaffen aus »patriotischen Bürgern«. Jeder kann sich freiwillig melden, zwei Wochen Training an der Waffe reichen. Und es entstehen kleine Bataillone, Einheiten von bis zu 100 Männern. Da ist das Donbass-Bataillon, dem Verbindungen zum Rechten Sektor nachgesagt werden. Das Dnipro-Bataillon wird von dem Oligarchen und Gouverneur der Region Dnipropetrowsk mitfinanziert. Zwischen 400 bis 800 Euro soll er seinen Männern zahlen, vier bis sechs Mal so viel, wie ein ukrainischer Soldat für gewöhnlich bekommt. Da ist das Kiew-1-Bataillon mit Kämpfern aus der Hauptstadt; das Sturm-Bataillon nahe Odessa und das Bataillon Asow, dessen Mitglied Wolodymyr ist. Sie alle stehen auf der Regierungsseite. Ihre Waffen haben sie vom Innenministerium erhalten, damit sollen sie gegen die Separatisten im Osten kämpfen. Eine Parallelwelt der Allianzen und Verflechtungen ist entstanden, der aufgerüsteten Zivilisten. Nun führen diese Truppen Operationen im eigenen Land durch, doch die Zusammenarbeit klappt nicht, weil Kommandostrukturen fehlen, und der Informationsaustausch stockt aus lauter Angst, Operatives könnte verraten werden.

Als in Mariupol die Dinge außer Kontrolle gerieten, waren beteiligt: die reguläre Armee, die Männer von der Bereitschaftspolizei; die Nationalgarde; das Dnipro-Bataillon und Wolodymyrs Bataillon. Niemand wusste, was der andere tat.

Wolodymyr erzählt, wie seine Männer in ihren schwarzen Uniformen die Polizeiwache gestürmt hätten, sich im Erdgeschoss und im ersten Stock heftige Gefechte mit den Separatisten geliefert hätten. Dann sei plötzlich die Militärpolizei auf den Plan getreten und hätte Wolodymyrs Befehlshaber verhaftet, nicht ahnend, dass man es nicht mit einem Separatisten zu tun hatte. Zuletzt griff auch noch die Nationalgarde ein, die offenbar ebenfalls nicht wusste, wer die Männer in schwarzen Uniformen waren, und auf sie zu schießen begann.

»Es war ein schlimmes Chaos«, sagt Wolodymyr. Die Befehlshaber hatten keinen Überblick, sodass am Ende niemand mehr wusste, wer Feind und wer Freund ist.

Wolodymyr erzählt, dass er den ukrainischen Soldaten den Weg zum richtigen Gebäude habe zeigen müssen. Dreimal sei er knapp dem Tod entgangen, weil auch diese Soldaten ihn für einen Gegner gehalten hätten. Niemand habe den Überblick gehabt, wer nun vor Ort sei und wer nicht. Nicht einmal die Passwörter seien zwischen den Einheiten ausgetauscht worden.

So schildert Wolodymyr diese Tragödie in Mariupol, jenen Tag, der in einem Desaster endete, jenen Tag, an dessen Ende die Regierung in Kiew zum Schlag ausgeholt und wieder einmal verloren hat: Wer vorher den Separatisten misstraut hatte, der war nun noch eher bereit, mit Wut im Bauch zu dem Referendum vom vergangenen Sonntag zu gehen und seine Stimme als Protest gegen das Töten abzugeben.

Wolodymyr glaubt, mit einer gezielten Operation hätten die Strippenzieher der Separatisten in Mariupol festgenommen werden können, jene zwei, drei Leute, die manchmal entscheidend seien, um eine Stadt in der Hand zu halten. Dann wäre vielleicht Ruhe eingekehrt. Nun aber sei Mariupol verloren. Die Zufahrtsstraßen werden zwar von ukrainischen Soldaten und den Männern der Nationalgarde kontrolliert, aber im Stadtzentrum herrscht nach der Tragödie Anarchie. Die Polizei hat die Stadt verlassen. Wer Mariupol jetzt wieder mit Gewalt auf die Regierungsseite ziehen wollte, müsste ein Massaker in Kauf nehmen.

Das Bataillon Asow hat sich aus der Stadt zurückgezogen. Es pendelt jetzt hin und her zwischen dem abgelegenen Flughafen, auf dem Wolodymyr von seinem Einsatz erzählt, einem Checkpoint und einem gut versteckten Stützpunkt. Erst wenn der unebene Weg kaum noch ein Durchkommen erlaubt und man sich schon sicher ist, falsch zu liegen, stößt man auf ein idyllisches, unauffälliges Landhaus. In friedlichen Zeiten könnte man hier jagen oder Urlaub machen. Aber jetzt stehen Wachposten in Tarnfarben davor. Nähert sich ein unbekannter Wagen, laden ihre Kalaschnikows durch und legen an.

Vor einigen Tagen seien sie hier, in ihrem Versteck, angegriffen worden, sagt Wolodymyr. Sie hätten gerade noch rechtzeitig gemerkt, dass etwas geplant gewesen sei, und die Gegner im Wald überraschen können: Zwei Nachtsichtgeräte haben sie gefunden, Mangelware in Zeiten eines Krieges, der mit alten Kalaschnikows und kaputten Panzern geführt wird, als wäre die Zeit vor 70 Jahren stehen geblieben. Nachtsichtgeräte sind teuer. Wer keines hat, der sieht im Dunkeln den Gegner nicht kommen.

Auch die Separatisten pumpen sich auf mit Waffen und gründen immer neue Einheitens. Sie bekommen Unterstützung aus Russland. In Slowjansk macht der russische Geheimdienstler Igor Strelkow keinen Hehl mehr daraus, dass er den Einsatz gegen die ukrainischen Kräfte führt.

Das Referendum, das nun die Zukunft des Donbass besiegeln soll, war teuer. Woher bekamen die Männer, die um Matratzen für ihre Wachen bitten müssen, so viel Geld? Wer gab ihnen Unterstützung für die meterhohen Werbetafeln, die überall in der Stadt das Referendum anpriesen? Woher haben sie die Lastwagen, mit denen ihre Männer neuerdings vorfahren? Als die Separatisten bei ihren Siegesparaden in Donezk am 9. Mai aufmarschierten, zeigten sie stolz ihre Uniformen, die kugelsicheren Westen und Kalaschnikows. Sie verzichteten erstmals auf die Sturmmasken und präsentierten sich dem Volk ganz offen als das Bataillon Ost.

Es kämpfen jetzt viele um die Macht. Die Separatisten rüsten auf. Auch kriminelle Banden mischen in Mariupol und Donezk mit. Sie können im Schutze der Gesetzlosigkeit Geschäfte machen. Die Regierung bewaffnet Tausende Zivilisten, ohne Rücksicht auf die Folgen. Wie sollen Nachbarn bei all der Propaganda, all dem Hass und den Toten auf beiden Seiten die Kalaschnikows beiseitelegen?

Die Männer aus Wolodymyrs Bataillon sagen, dass sie den Leuten aus dem Donbass nicht trauen, und nicht wenige im Donbass halten die Bataillone aus Kiew für faschistische Todesschwadronen. So hören sie es in den russischen Medien.

Wolodymyr ist eigentlich kein Kämpfer. Er hat studiert, er hat Familie, er hätte nichts dagegen, jetzt nach Hause zu fahren und in Ruhe zu leben. Aber danach sieht es erst einmal nicht aus.