2014

liberty message

Der lange Weg in die Freiheit

Ein Offizier floh unter dramatischen Umständen in den Süden - nun hilft er Landsleuten, der Diktatur und dem Hunger zu entkommen. Dafür lässt das Regime Angehörige der Flüchtlinge büßen.Von Susanne Koelbl

Herr Kim sitzt schon seit sechs Uhr am Schreibtisch, er raucht, er flucht, er wartet. Es ist ein kleines Büro in Südkoreas Hauptstadt Seoul, graue Stahltür, doppeltes Sicherheitsschloss. Endlich, das Telefon läutet: "Am Fluss ist das Wasser gestiegen", sagt, schwer zu verstehen, eine Stimme am anderen Ende: "Das kostet extra."
Es geht um drei Männer, zwei Frauen und zwei Kinder aus Nordkorea. Sie warten am Tumen-Fluss, der ihr Land von China trennt. Sie wollen fliehen, aber sie können nicht schwimmen. Der Anrufer, ein Schlepper in Kim Yong Hwas Diensten, will umgerechnet 30 Euro pro Person mehr, er muss sie mit einem Seil auf die chinesische Seite ziehen. "Das Geld kommt", schreit Kim ins Telefon, "bring sie rüber, wir haben das Geld."
Kim Yong Hwa ist 60, er hat Ähnliches schon oft durchgemacht. Ungefähr 7000 Menschen hat er in den vergangenen zehn Jahren zur Flucht aus Nordkorea verholfen. Er trägt ein kurzärmeliges Hemd, Safari-Weste, leichte Stoffhose. In die sonnengegerbte Stirn haben sich Furchen gegraben. Kims Büro liegt mehr als 50 Kilometer entfernt von der Demarkationslinie der geteilten koreanischen Halbinsel, praktisch lebt er aber zwischen zwei Welten.
Kim war früher selbst einer von drüben. Ein Hundertprozentiger, ein Offizier der nordkoreanischen Diktatur. Deshalb weiß er, wie das System funktioniert. Und er weiß, wie man es überlistet: Er schmuggelt Mobiltelefone ins Land und baut geheime Informationskanäle auf, er besticht Beamte, damit sie gefälschte Reisegenehmigungen erteilen, oder auch Grenzer, die dann im richtigen Moment wegschauen.

Wer die Berichte der entkommenen Nordkoreaner hört und sich in Seoul mit Abtrünnigen des Regimes trifft, versteht schnell, warum sie alles riskiert haben, um wegzukommen: Die "Demokratische Volksrepublik" versorgt ihre Bürger offiziell mit allem Lebensnotwendigen, in Wirklichkeit könnten viele ohne den Schwarzmarkt kaum überleben. Hungernde Soldaten der Armee stählen nachts die Vorräte der Bauern, berichten Landarbeiter und übergelaufene Militärs. Ein geflohenes Ehepaar aus der Provinz Süd-Hamgyong erzählt, erwachsene Kinder einer Familie aus ihrem Dorf hätten schon die Eltern zum Selbstmord aufgefordert, um zwei Esser weniger durchbringen zu müssen.
Der entflohene nordkoreanische Finanzspezialist Kim Kwang Jin spricht fließend Englisch, er gehörte zum Spitzenpersonal der Kommunisten, repräsentierte die nordkoreanische North East Asia Bank in Singapur und pendelte zwischen dort und Pjöngjang. Bis er nicht mehr in die Heimat zurückkehrte.
Kim Kwang Jin ist einer der hochrangigen Flüchtlinge aus dem inneren Kreis des Regimes, die wie Fluchthelfer Kim Yong Hwa heute in Seoul leben. Die beiden arbeiten für ein gemeinsames Ziel, für den Sturz eines Systems, das sie alle gleichermaßen zu Geiseln macht: diejenigen, die noch dort sind genauso wie diejenigen, die weggingen - und nun um das Leben ihrer Angehörigen fürchten.
Noch immer trifft sich der frühere Banker mit scheinbar regimetreuen Kollegen im Ausland, die Klartext reden, wenn sie unter sich sind. Er sagt, dass nur die Elite noch tägliche Nahrungsmittellieferungen erhalte: Geheimpolizisten, Offiziere, Richter, hohe Beamte. Viele von ihnen wohnen im Zentrum Pjöngjangs, im Parteiviertel um die Changgwang-Straße. Es sieht dort aus wie an der Berliner Karl-Marx-Allee: Die Häuser bestehen aus großzügigen Wohnungen mit sieben, acht Zimmern und zwei, drei Bädern.
Das Regime stütze sich auf rund 2,5 Millionen Hauptstadt-Günstlinge, die regelmäßig Zuwendungen erhielten, sagt Kim Kwang Jin. Ansonsten aber leide es unter einer "Erosion von innen". Wenn die Regierung eines Tages fallen sollte, würden sich die Menschen an Diktator Kim Jong Un rächen "wie an Ceauşescu oder Saddam Hussein".
Nordkoreas mächtiger Nachbar China will den Zusammenbruch verhindern; kein Chaos, keine Revolution, lautet die Devise. Peking stützt Pjöngjang wirtschaftlich, und in der Hauptstadt Nordkoreas gibt es deshalb erstaunliche Luxuswaren: BMW-Limousinen und Flachbildschirme, Gucci-Parfums und Filme aus den USA, natürlich nur gegen Devisen. Eine Bahn pendelt regelmäßig zwischen Pjöngjang und dem chinesischen Dandong. Auf dem Rückweg sind die Zugabteile vollgestopft mit begehrter Ware, der Speisewaggon gleicht einem fahrenden Offizierscasino wie zur Kaiserzeit in Europa: Berge köstlicher Speisen stehen auf den Tischen, nordkoreanische Offiziere halten Mädchen im Arm und drücken ihre Zigaretten schon mal in der kaum angetasteten Hauptspeise aus.

Auf der anderen Seite der Demarkationslinie, in Kims Büro mit den grauen Stahltüren und dem Doppelschloss, laufen Informationen über seine alte Heimat zusammen. Fluchthelfer Kim ist bekannt, ihm entgeht wenig. Er bedient drei Telefone gleichzeitig, und er hasst Pausen. Gerade sind neue Flüchtlinge eingetroffen, zwei Brüder, Kim muss noch mal in seiner Kleiderkammer vorbeifahren, um ihnen neue Sachen zu besorgen.
Dem Alptraum der Diktatur ist Kim selbst vor langer Zeit entkommen, auch er hat einmal den Fluss überquert, aber die eigene Geschichte hat er noch nicht wirklich hinter sich gelassen.
Kims Familie gehörte zur Elite: Der Großvater kämpfte mit der Guerilla-Gruppe von Staatsgründer Kim Il Sung gegen die Japaner, der Vater wurde im Korea-Krieg verwundet. Jeden Tag brachte er den kleinen Kim in einem Mercedes zur Schule. Später schlug der Sohn selbst die Offizierslaufbahn ein, er war verantwortlich für die Sicherheit einer strategisch wichtigen Bahnstrecke an der Ostküste.
Vorläufiger Höhepunkt seiner Karriere war ein Anruf des "Sicherheitsministeriums", ein Vorgesetzter teilte dem Hauptmann mit, er dürfe einen Parteikader exekutieren: "Ich war außer mir vor Freude", sagt Kim, "das bedeutete, sie trauen mir, ich gehöre dazu, mein Auskommen ist gesichert."
Am Tag der öffentlichen Hinrichtung versammelten sich die Zuschauer, fünf Schützen standen vor fünf Delinquenten. Die Verurteilten trugen, wie Kim erzählt, Augenbinden und waren an Holzpfähle gefesselt. Er skizziert auf einer Zeitung, wie so etwas üblicherweise in Nordkorea aussieht.
Kims Opfer war wohl Mitte vierzig. Der Mann hatte angeblich den Fehler begangen zu behaupten, Kim Il Sungs Staatsphilosophie sei eigentlich nicht denkbar ohne die Lehren von Marx und Lenin.
Kim schoss mit seiner Dienstwaffe: erst in die Brust, dann in den Kopf, am Ende in den Bauch, damit der Kopf nach vorn kippt, so sei es Vorschrift gewesen. Danach mussten Angehörige die Erschossenen auch noch mit Steinen bewerfen, um zu zeigen, dass sie den Führer mehr lieben als die Familie.
Es gibt 24 Millionen Nordkoreaner, etwa 25 000 davon leben in Südkorea, allein 2012 kamen gut 1500 hierher. Viele sterben aber auf der Flucht, zum Beispiel an Hunger oder Kälte beim Marsch durch das Changbai-Gebirge im Grenzland zwischen Korea und China. Manche Leichen liegen dort konserviert im Eis.
Wer durchkommt, muss Chinas Behörden fürchten. Peking schiebt die "Wirtschaftsflüchtlinge" zurück nach Nordkorea. Für die Menschen heißt das in der Regel: Arbeitslager oder Hinrichtung.
Mindestens 250 000 illegale Nordkoreaner verstecken sich trotzdem in China. Sie leben in dunklen Nischen der Gesellschaft, als Zwangsprostituierte, Müllsammler, Billigarbeiter, ständig in Angst, verraten zu werden. Erst vor drei Tagen hat Fluchthelfer Kim ein paar Schläger angeheuert, damit sie in ein chinesisches Bordell in Dandong gingen. Er wusste von fünf nordkoreanischen Mädchen, sie wurden dort festgehalten. Kim zeigt die Bilder der jungen Frauen, geschminkt wie Puppen, mit schwarzen Augen, rotem Mund. Die Jüngste soll 13 Jahre alt sein. "Wisst ihr, wie es ist, wenn Menschen bereit sind, Menschen zu essen?", knurrt Kim. "Was wisst ihr überhaupt?" Nie werde der Westen verstehen, was in dieser anderen Welt geschieht, sagt er.
Den Flüchtling Jang Jin Sung lernte Kim erst hier kennen, im Exil. Jang ist 41, er hat ein rundes Gesicht, er wirkt sanft und freundlich. Früher hat Jang beim nordkoreanischen Geheimdienst gearbeitet und in der Propaganda. Er schrieb Elogen auf den damaligen Führer - aber setzte sich 2004 ab.
Jang kennt den Führungszirkel um Diktator Kim Jong Un sehr gut. Er verfügt über Kanäle, durch die er Details aus Partei und Regierung abfragen kann, bis heute.
Täglich veröffentlicht Jang über seinen englischsprachigen Internetdienst New Focus International Informationen über den Diktatoren-Clan. So schrieb er auf, welche Mitglieder sich bereits ins Ausland abgesetzt haben und dass der "Respektierte Führer" Kim Jong Un in diesem Jahr einem kleinen Kreis Vertrauter Exemplare von Hitlers "Mein Kampf" geschenkt habe. Gerade stellte Jang ein Satellitenfoto der Villa der mächtigen Tante Kim Jong Uns ins Netz und kündigte an, ein Online-Album aller Häuser der Mächtigen anzulegen.
Pjöngjangs staatliche Nachrichtenagentur KCNA droht Jang, dem "Bastard", regelmäßig mit "Vernichtung". Deshalb lässt die südkoreanische Regierung ihn vorsichtshalber rund um die Uhr von Bodyguards bewachen.

Es ist 16 Uhr. Per Handy überweist Kim Yong Hwa noch das Geld für den Helfer in China. Die sieben Flüchtlinge sollen in einem jener Häuser abgeliefert werden, die Kims "Menschenrechtsvereinigung für nordkoreanische Flüchtlinge" in China besorgt hat. Von dort aus werden Helfer sie weiterschleusen, nach Vietnam oder Laos, dann nach Thailand. Erst dort sind sie sicher. Thailand liefert sie nicht nach Nordkorea aus.
Kim verriegelt die beiden Schlösser an seinem Büro und geht die Straße hinunter, er setzt sich in ein kleines Lokal. Auf einem Kohleöfchen schmort Schweinespeck, dazu gibt es eingelegte Salatblätter. Kim erzählt seine eigene Geschichte.
Am 13. Juli 1988 entgleiste ein Nachschub-Zug mit russischen Panzerteilen in der Provinz Süd-Hamgyong. Er war für dessen Sicherheit zuständig und wurde beschuldigt, den Unfall nicht verhindert zu haben.
Ihm drohte die öffentliche Exekution und die Entehrung seiner Familie. Kim war 35, verheiratet, er hatte drei Kinder. Ihm sei nur Selbstmord oder Flucht geblieben, sagt er.
Er watete durch den Fluss ans chinesische Ufer. Es war zehn Uhr abends, im Rucksack trug er eine Pistole und sein Parteibuch.
Er schlug sich zu Fuß durch bis nach Vietnam und landete dort im Gefängnis. Er konnte fliehen, zurück nach China, von dort aus schaffte er es mit einem Boot nach Südkorea. Da wurde er als Spion verdächtigt und eingesperrt. Nach drei Jahren konnte er aus der Haft entkommen. Er fand Asyl in einer Kirche. Bis heute ist die Kirche die einzige Organisation, der er traut. Die große Presbyterianer-Kirche Myung Sung in Seoul gibt auch das meiste Geld für seine Arbeit.
Kim schaffte es bis nach Japan. Wieder wurde er als Agent verdächtigt. Im Gefängnis schrieb Kim ein Buch über sein Schicksal. Menschenrechtsgruppen kämpften für ihn, schließlich nahm sich ein Kirchenmann seines Falls an. Er half Kim, als Flüchtling in Südkorea anerkannt zu werden.
2002 erhielt Kim in Seoul die Staatsbürgerschaft, am 15. August dieses Jahres lud ihn Südkoreas Staatspräsidentin Park Geun Hye anlässlich des Jahrestags der Befreiung von den Japanern als Ehrengast zu einem Staatsempfang. Kim isst im Schneidersitz. Er hat jetzt bereits die dritte Flasche Soju geleert, hergestellt aus Reis und Kartoffeln, stärker als Wein. Die Flüchtlinge aus Nordkorea erzählten sich untereinander einen Witz, sagt er: Wann weißt du, dass du wirklich angekommen bist in Seoul? Antwort: Wenn du das erste Mal einen Alptraum hast, der in Südkorea spielt. Kim lacht.
Nicht viele Nordkoreaner überstehen die Flucht aus Kim Jong Uns Schattenreich ohne seelische Wunden. Misstrauen und Angst sind ihre Gefährten.
Kim hat wieder geheiratet, seine Tochter in Seoul ist elf. Aber nachts schläft er allein, in einem anderen Zimmer als die Ehefrau. Er sagt, im Traum schreie er und schlage um sich. Frische Litschis, Pudding und Tee werden aufgetischt, und eine letzte Flasche Soju. Dann hat Kim genug getrunken, wie jeden Tag. Um zu vergessen. Um zu schlafen.
Aber vorher zieht er noch ein Foto aus einer Klarsichtfolie, es zeigt ihn als jungen Offizier. Auf einem anderen Foto sind die drei Kinder zu sehen, die er in Nordkorea zurückgelassen hat. Flüchtlinge sprechen ungern von ihren Angehörigen, denn fast immer müssen die bitter büßen.
Seine Frau und die Kinder seien nach seiner Flucht, so erzählt er, ins bekannte Gefangenenlager Yodok gekommen. Die Ehefrau habe darüber den Verstand verloren und sei kurz nach ihrer Entlassung gestorben. Die Kinder seien später erschossen worden.
Kim weint. Nun stehle er umgekehrt dem Diktator so viele Seelen wie möglich, sagt er, 10 000 sollen es am Ende sein.
Das sei seine Rache.