2014

liberty message

In Kims Königreich

Die neue Führung des verarmten Landes kann sich der Globalisierung nicht mehr entziehen. Bürger erwarten vom Regime in Pjöngjang Öffnung und Reformen. Der junge Staatschef gibt sich leutselig, noch aber wacht sein Apparat über allem.Von Susanne Koelbl

Das Gespräch stockt, wieder einmal. Der Dolmetscher soll den Begriff "Potjomkinsche Dörfer" übersetzen. Er zögert. "Was bedeutet das?", fragt Herr Kim. "Dass wir hier nur Fassaden sehen", erhält er zur Antwort: "Ihr zeigt uns das, um Wachstum und Fortschritt vorzutäuschen, wie einst der russische Fürst Potjomkin." Herr Kim solle den Ausdruck mal googeln. Doch der Übersetzer kann "Potjomkinsche Dörfer" nicht googeln. Die Demokratische Volksrepublik Korea ist das einzige Land der Erde, in dem das Volk keine Verbindung ins weltweite Netz hat.
Der 21-jährige Dolmetscher hat Nordkorea noch nie verlassen, er glaubt an den bevorstehenden Sieg der sozialistischen Revolution und will jetzt die Errungenschaften seiner Heimat präsentieren: die zum 100. Geburtstag des Staatsgründers Kim Il Sung herausgeputzte Hauptstadt samt der neuen Hochhaus-siedlung, die aussieht wie Hundertwasser-Architektur, allerdings mit viel Beton. Westliche Diplomaten in Pjöngjang nennen sie liebevoll-spöttisch die neue "Manhattan-Skyline".
Herr Kim versteht nicht, warum die Gäste aus dem Ausland immer diese Fragen stellen: Wieso tragen hier so viele Männer Uniform? Braucht Nordkorea wirklich Langstreckenraketen? Warum werden 60 Prozent des staatlichen Budgets für Rüstung ausgegeben, wenn das jährliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gerade mal 960 Dollar beträgt und einem Erwachsenen am Tag durchschnittlich nur 2150 Kilokalorien zur Verfügung stehen? Wozu benötigt das Regime Umerziehungslager? Warum fahren wir nur auf Prachtstraßen, bekommen aber keine normalen Wohnviertel zu sehen? Und schließlich: Wieso dürfen wir uns nie ohne Aufpasser bewegen?
Das ist zu viel für Herrn Kim. Am Ende dieses Tages bittet er um seine Ablösung.
Abends steht am Eingang des Hotels Yanggakdo, eines Neubaus von 1995 mit 47 Stockwerken, ein Herr mit schnellen Augen und schütterem Haar. Sein dunkler Anzug ist geradezu elegant, als hätte Emporio Armani ihn für Mao Zedong geschneidert.
Herr Hong stellt sich als neuer Betreuer unseres Teams vor. Es geht darum nachzuschauen, ob sich in Nordkorea unter dem neuen Diktator Kim Jong Un etwas ändert. Zehn Tage mit Zug und Auto durch ein abgeschottetes Land, es wird viele Fragen geben. Herr Hong ist 57 Jahre alt, früher arbeitete er an der nordkoreanischen Botschaft in Berlin, vor der Wende und nach der Wende. Herr Hong kennt die Welt.
Er reicht freundlich die Hand, er lächelt. Wer in Pjöngjang in diesem Rang und Alter die Betreuung neugieriger Gäste übernimmt, gehört nach Auskunft westlicher Experten garantiert zur Staatssicherheit.

Der nächste Tag wird für den Aufpasser wie für uns Gäste ein besonderer Tag. Vor genau 64 Jahren wurde die Demokratische Volksrepublik Korea proklamiert. Es gibt Massenaufmärsche, Massentänze, im Stadion eine Massengymnastik, die alle Vorstellungen planbarer Choreografie übersteigt, es sind 100 000 Mitwirkende. Schon bald verdreht Herr Hong die Augen, er ruft: "Diese Fotos, auf-hö-ren! Sie machen mir Kopfschmerzen!" Hongs Groll gilt Fotograf Andreas Taubert, der einfach viel zu viel fotografiert. Der Streit über falsche und richtige Bilder aus Nordkorea wird uns begleiten bis zum letzten Tag der Reise.
Massengymnastik zu fotografieren ist prinzipiell in Ordnung, selbst wenn sich im Stadion dreimal mehr Tänzer als Zuschauer befinden. Aber Militäraufmärsche sind tabu, vor allem wenn die Armee in ihren qualmenden Lastwagen daherkommt, die wegen Spritmangels teilweise mit Holz betrieben werden müssen.
Batterieverkäufer, die am Straßenrand hocken und mit ihrem bisschen Ware handeln, sind verboten, das könnte aussehen wie das Versagen der Planwirtschaft. Autos im Hauptstadtverkehr können gezeigt werden, sonst heißt es wieder, die Straßen von Pjöngjang seien wie leergefegt, sagt Herr Hong, aber bitte nicht die glitzernden VW Touareg der Top-Kader. Apfelplantagen und Kleintierfarmen sind genehmigt, sie zeigen die Produktion gesunder Nahrungsmittel, nicht erwünscht sind Bilder von Frauen mit schweren Lasten auf dem Kopf oder schwitzende Arbeiterinnen im Feld.
Nordkorea bleibt der rätselhafteste Staat der Welt. Es ist, als hätte die Geschichte eine Glaskuppel über das Land gestülpt und die Zeit angehalten - mitten im Kalten Krieg.
In der Nähe der Hafenstadt Wonsan, im landwirtschaftlichen Produktionsbetrieb "Drei-Dörfer-Quelle", schneiden Frauen schon kurz nach Sonnenaufgang Reisgarben mit einer Sense. Auf ihren Schirmmützen tragen sie den roten Stern. Vor dem Brigade-Clubhaus ist das Foto der besten Bäuerin ausgestellt, eingerahmt von einem Plastikblumenkranz. Der kleine Jun Hak Ljong ist fünf Jahre alt, er steht in der Küche seiner Eltern, die schon auf dem Feld sind. Was machst du heute? "Warten", sagt er. Was ist dein größter Wunsch? "Soldat werden."

Am Ausgang von Wonsan haben Militärs eine Stahlbarriere über die Straße gerollt. Soldaten in braunen Uniformen und mit Schärpen am Oberarm kontrollieren die Fahrzeuge und jeden Fußgänger. Alle benötigen einen Passierschein. Keiner in diesem Land verlässt unbemerkt einen Bezirk, eine Provinz oder auch nur einen Häuserblock.
Der Staat ist überall, er wacht und verfügt über das Leben seiner Bürger, wie ein Übervater.
Dreijährige lernen im Kindergarten Marschieren, junge Pioniere werden zu Arbeitsdiensten eingeteilt, es sind Kinder von zehn, elf Jahren. Die Männer müssen mindestens für drei Jahre zum Militär, sie scheinen überall im Einsatz zu sein, schwitzen in ihren türkisen Einheitshemden auf Baustellen, in Straßengräben, auf Plätzen. Es wirkt, als grüben die jungen Kerle das ganze Land mit Spitzhacke und Spaten um. Die ehrgeizig aufpolierte Hauptstadt wurde im April zu den Feierlichkeiten von Kim Il Sungs 100. Geburtstag nur deshalb rechtzeitig fertig, weil zuvor sämtliche Studenten für ein Jahr aus der Uni ab- und zum Arbeitsdienst eingezogen wurden.
In Nordkorea gibt es keine Individuen, es gibt nur das Kollektiv.
Die Menschen hier sind dünn und die Kinder zu klein für ihr Alter. Reis und Kimchi, scharf eingelegtes Gemüse, machen zwar satt, es fehlen aber viele Vitamine und Eiweiß. Besucher werden gern zu den neuangelegten Straußen- und Schildkrötenfarmen geführt. Das ist der Fortschritt, soll das heißen.
Doch der Sog der Globalisierung hat nun auch das letzte stalinistische Reservat erfasst. Im Land ist etwas Geld hängengeblieben, und schon ist zu beobachten, wie es die sozialistischen Ideale korrumpiert.
Im Nachtzug von Peking nach Pjöngjang ist nur noch ein schmaler Gang begehbar zwischen all den Kartons für Hi-Fi-Boxen, Klimaanlagen, Küchengeräte. Die rauchenden Männer, die in Feinripp-Unterhemd im Abteil Karten spielen, sind Beamte und Soldaten des nordkoreanischen Regimes. An der Grenze sieht der Zöllner für ein paar hundert chinesische Yuan und eine Stange Zigaretten weg.
Handys kosten in Pjöngjang jetzt 150 US-Dollar, mindestens, der 100-fache Monatslohn eines Lehrers. Trotzdem besitzen schon über eine Million Bürger ein Mobiltelefon. Geld dafür kommt auf dunklen Wegen. Sie können nicht ins Ausland telefonieren, und Nordkoreaner dürfen nur mit Nordkoreanern sprechen. Doch die Republik ist durchlässiger geworden. Nachrichten verbreiten sich in wenigen Minuten von der Hafenstadt Haeju im Süden nach Kyongwon, ganz oben im Norden.
China hat es vorgemacht und öffnet jetzt den Nordkoreanern die Tür zum Kapitalismus. Den chinesischen Hafen von Dalian verlassen täglich Schiffe voller Container mit Flachbildschirmen, modischen Klamotten und Lebensmitteln in Richtung der nordkoreanischen Hafenstadt Nampo. In Pjöngjang bietet das Warenhaus Rakwon, übersetzt: "Paradies", neuerdings gegen harte Dollar oder Euro Whiskey aus Kentucky, Sportschuhe von Adidas und die gängigsten französischen Parfums.
Ist Dior der neue Sozialismus? Herr Hong kneift die Augen zusammen, er weiß, dass vieles nicht mehr zusammenpasst hier, die neue Skyline der Hauptstadt und die Baracken auf dem Land, die drei Maybachs, die westliche Beobachter inzwischen in der Hauptstadt gesehen haben wollen, und die Ochsenkarren auf den Äckern.
Für Herrn Hong geht es um mehr als ein paar Widersprüche. Wann bricht das Regime zusammen?, fragen sich westliche Diplomaten hier täglich. Das zu verhindern, daran arbeiten Männer wie Hong.
Und bislang ist der Zusammenbruch ausgeblieben. Man wurschtelt sich durch, so gut es geht. Wie Doktor Un Ja Su zum Beispiel. Der Mediziner ist ein Mann in den Fünfzigern, volles Haar, breites Lachen und Goldzähne. Doktor Un arbeitet in einer kleinen Landpraxis, seine Patienten sind Bauern, die unter Traktorenräder geraten, oder Bauarbeiter, die vom Dach gefallen sind. Der Vorrat in Doktor Uns gläsernem Medikamentenschrank beschränkt sich derzeit auf Alkohol und Desinfektionslösung, Einwegspritzen schwimmen in einer Reinigungslösung.

Was brauchen Sie am dringendsten? "Modernisierung", sagt der Arzt. Mehr soll Doktor Un auch gar nicht sagen, Herr Hong drängt zum Gehen, ganz schnell.
10 000 Nordkoreaner arbeiten inzwischen als Gastarbeiter in China in Restaurants und auf dem Bau. Sie schicken Geld nach Hause, 10 000 zusätzliche Arbeitsvisa hat die chinesische Botschaft gerade ausgestellt, noch einmal so viele Nordkoreaner fällen Bäume in russischen Wäldern oder arbeiten in den Golf-Staaten, in Dubai, Abu Dhabi.
1900 Euro kostet nach Auskunft des Außenministeriums in Pjöngjang ein nordkoreanischer Arzt pro Monat, wenn er als Fachkraft etwa nach Deutschland ausgeliehen wird, und Un Kjung Kim hofft, bald dazuzugehören. Die Ärztin ist 25 Jahre alt, sie besucht einen Sprachkurs im Studienpalast des Volkes, einer Art Massen-Volkshochschule. Fast akzentfrei sagt Un Kjung Kim: "Wie geht es Ihnen? Ich würde sehr gerne in Ihr Land kommen."
Die Nordkoreaner könnten sich kaufen lassen von den Amerikanern, wenn sie ihr Atomprogramm aufgäben oder wenigstens Inspektionen der Internationalen Atombehörde zuließen.
Doch die Regierung in Pjöngjang versucht lieber einen riskanten Spagat: Aufschwung durch Handel mit China, durch neue Verbindungen zu Russland, dessen Regierung dem armen Land gerade einen Großteil seiner Schulden erlassen hat. Und es gibt eine neue große Hoffnung: Tourismus als Devisenbringer. Es klingt verrückt, aber bald schon sollen 100 000 Besucher pro Jahr die brachliegende Wirtschaft sanieren helfen.
Herr Hong ist nur wenige Jahre jünger als die Republik selbst. Als erstes von sieben Kindern eines Eisenbahn-Ingenieurs aus der Hafenstadt Wonsan erlebte er die euphorische Frühphase des Sozialismus, er ging aufs Gymnasium, er studierte. Es gibt keinen Analphabetismus in Nordkorea, die Böden sind gut, die Menschen clever, fleißig. Bis Ende der sechziger Jahre lag die industrialisierte Volksrepublik vor Südkorea.
Dann rutschte das Land in die Krise, wie alle Ostblockländer. Es hat sich nie wieder erholt. Der Eiserne Vorhang fiel, und aus den meisten Kommunisten wurden irgendwann Kapitalisten, nur Nordkorea hielt eisern Kurs. Vielleicht überlebte das Regime auch deshalb, weil sich viele Nordkoreaner, anders als Menschen in Russland oder Polen, mit ihrem Führer verbunden fühlen wie in einem religiösen Kult, einer erweiterten Familie. Es sind nicht immer gestellte Fotos, wenn der junge Führer, Genosse Kim Jong Un, die Truppen besucht und sich junge, hysterische Offiziersanwärterinnen nacheinander mit Tränen in den Augen mit ihm fotografieren lassen wollen.
Herr Hong ist wie fast alle Nordkoreaner stolz auf das nordkoreanische Atomprogramm. Die Wirkung sei phänomenal, "wer würde uns sonst schützen?". Amerikanische Raketen bedrohten Pjöngjang aus Südkorea, man verteidige sich nur. Ihren Fünf-Megawatt-Atomreaktor bauten die Nordkoreaner fast ohne Hilfe, im sogenannten Magnox-Design. In den neunziger Jahren konnten die Nuklearingenieure das Programm mit Hilfe des pakistanischen Atomwissenschaftlers Abdul Qadir Khan mächtig modernisieren.
Im April, zu Kim Il Sungs Geburtstagsparade, präsentierte die Koreanische Volksarmee eine Langstreckenrakete, die, wenn sie funktioniert, mit einem Atomsprengkopf bestückt die Westküste der Vereinigten Staaten erreichen könnte. Geheimdienstler wissen nicht, wie ausgereift das Modell ist. Sicher ist jedoch, dass dem Regime in Pjöngjang weiter daran gelegen ist, die übermächtigen USA herauszufordern. Der Weg zurück an den Verhandlungstisch scheint erst mal verbarrikadiert.
Hauptmann Kim Shang Shin steht oben auf einem Aussichtsturm an der Demarkationslinie, mit einem Präzisionsfernrohr blickt er auf die andere Seite Koreas. Der Vater war Soldat im Korea-Krieg, der Sohn ist seit acht Jahren hier am Grenzposten stationiert. Gerade beobachtet Hauptmann Kim, wie drüben, hinter dem hohen Zaun, südkoreanische Soldaten zum Frühsport antreten.

Seit 1980 gab es in seinem Abschnitt keinen Zwischenfall mehr. Dafür wird in diesen Tagen wieder verbal aufgerüstet. "Ein Schuss von denen, und unsere ganze Armee ist sofort mobil", sagt Kim, er zieht die Mundwinkel nach unten und rückt die Offiziersmütze zurecht.
Die Entscheidung über Krieg und Frieden hängt ab von einem jungen Mann, von dem nicht mal das Alter gewiss ist, er könnte 29 Jahre alt sein, vielleicht auch erst 28. Kim Jong Un, der jüngste Enkel des Staatsgründers, hat nach dem Tod seines Vaters Kim Jong Il im Dezember 2011 die Regierungsgeschäfte übernommen.
Herr Hong findet, er habe das bisher gut gemacht: "Die Menschen mögen ihn und seine Frau." Etwas anderes lässt sich in einer Diktatur mit Einheitspartei, Straf- und Arbeitslagern für politische Gefangene kaum sagen. Aber es könnte auch etwas Wahres daran sein.
Bis zur gelegten Stirn-Haarlocke frisieren Kim Jong Uns Image-Berater dem jungen Regenten die verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Großvater ins Gesicht. Der junge Mann trägt sogar wieder dessen altmodischen Strohhut, das Modell ist gerade en vogue auf Pjöngjangs Straßen. Der Sohn einer in Japan geborenen koreanischen Tänzerin scheint entschlossen, das Erbe seines Vaters eigenwillig zu gestalten.
In der Öffentlichkeit sprach Kim Jong Il kaum je einen ganzen Satz, und er zeigte sich fast nie. Sein Sohn ist täglich im Fernsehen zu sehen, er scherzt und redet viel. Anfangs besuchte Kim Jong Un ausschließlich das Militär. Neuerdings schaut er aber auch beim Volk vorbei, er gibt Würztipps in der Suppenküche und sitzt bei Pjöngjanger Bürgern im Wohnzimmer auf dem Fußboden. Die Herren trinken Schnaps, und Kims junge Frau Ri Sol Ju, eine ehemalige Kommilitonin, wäscht das Geschirr. All das ist abends in einer Endlosschleife im einzigen Programm des nordkoreanischen Fernsehens zu sehen.
Die Sphäre der Politik ist so undurchsichtig hier, wie es einst die sowjetischen Machtkämpfe im Kreml waren. Die derzeit wichtigste Frage lautet: Hat Kim Jong Un tatsächlich die Macht, oder liegt sie bei den alten Herren, die ihn umgeben?
Die Ablösung des Generalstabschefs Ri Yong Ho Mitte Juli könnte eine Antwort geben. Im innersten Machtzirkel hatte es angeblich Streit über Budget-Kürzungen für das aufgeblähte und dabei völlig veraltete Militär gegeben; mit 1,2 Millionen Soldaten leistet sich Nordkorea die viertgrößte Armee der Welt. Der mächtige General Ri wollte das Ende der bisherigen "Militär zuerst"-Doktrin nicht absegnen, und er dachte wohl, sich durchsetzen zu können. Bisher dominierte das Militär die Partei, nun scheint es eher umgekehrt zu sein, die Partei kontrolliert wieder das Militär.
Ob General Ri heute als Pensionär zu Hause sitzt, selbst in einem Lager landete oder umkam, ist nicht bekannt. Geheimdienstler wissen nur von mehr Hinrichtungen zu berichten, die der neue junge Herrscher veranlasst. Wird die vorsichtige Öffnung zu größerer wirtschaftlicher Freiheit erkauft durch eine Verschärfung der Unterdrückung? Wo lässt sich der Fortschritt am konkretesten ablesen?
Wieder einmal verdreht Herr Hong die Augen, er saugt tief an seiner Zigarette. "Nein, nein nein, das steht nicht auf Ihrem Plan!", sagt er. Herr Hong hat es schon siebenmal gesagt, und er lächelt noch immer tapfer. Wir schimpfen, wir werben, wir trinken gemeinsam drei Weizen-schnäpse. Er bleibt dabei. Der Tong-Il-Markt ist tabu. Dabei wohnt Herr Hong selbst gegenüber dem Tong-Il-Markt, in einem Plattenbau von Pjöngjang. Tong Il heißt Vereinigung, angeblich das erklärte politisches Ziel des Nordens. Doch die scheint so fern wie nie.
Dafür ist der Tong-Il-Markt derzeit das begehrteste Ziel der Hauptstadt. Nirgendwo kann man so gut einkaufen wie hinter den Torbögen dieser großen Betonhalle. Es gibt frischen Mangold und Paprika, Tomaten, die in Privatgärten gezogen wurden oder aus Überschüssen der landwirtschaftlichen Produktion stammen. Frauen in türkisen Hemden und knallroten Schürzen stehen eng gedrängt, verkaufen gutes Fleisch zu guten Preisen. Motorradhelme, Computer-Keyboards, Schuhe, Stoffe, es gibt fast nichts, was es hier nicht gibt, und alle kaufen, Soldaten, Polizisten, Beamte.
Auch Herr Hong hat seinen Anzug auf dem Tong-Il-Markt erworben. Das immerhin gibt er zu, lächelnd.