2014

liberty message

Assad weiß, wo sie sind.

Von Wolfgang Bauer

Das Bild, auf das sich alle Blicke richten, flimmert auf. Es zeigt das Weiße Haus in Washington, es zeigt ein leeres Rednerpult, dann zerfällt es in zahllose Pixel. Die Männer vor dem Fernsehschirm stöhnen auf, Oberst Abdel Dschabbar Akaidi greift zur Fernbedienung.

Er sitzt im Hauptquartier der Freien Syrischen Armee (FSA) in Aleppo. Mit seinen wichtigsten Offizieren wartet er auf den Moment, der dem Bürgerkrieg in Syrien eine Wende geben könnte. Nur noch wenige Minuten sind es an diesem Samstag, dem 31. August, dann wird Barack Obama seine Rede halten. Oberst Akaidi rechnet fest damit, dass die Amerikaner unmittelbar nach der Rede angreifen werden. Mit ausgestrecktem Arm hält er die Fernbedienung in Richtung Fernseher und wechselt den Sender, bis irgendwann das Standbild mit dem leeren Rednerpult wieder erscheint.

In Washington tritt der amerikanische Präsident ans Mikrofon. In Aleppo richtet sich Akaidi nervös in seinem Stuhl auf. Er hat dunkle Augenringe, ist unrasiert, müde. Seit Tagen hat er kaum geschlafen, jetzt stützt er sein Kinn auf die Fäuste. Der 52-jährige Akaidi kommandiert den Großteil der Rebellentruppen in der Provinz Aleppo und gilt als einer der wichtigsten Anführer der bewaffneten Opposition."Good afternoon, everybody", sagt der Präsident. In den vergangenen Tagen hat Akaidi seine Kämpfer neu positioniert und Munition verteilt. Er will, dass seine Truppen zeitgleich mit den amerikanischen Kampfjets angreifen.

Niemand spricht, während Obama redet. Der Deckenventilator klappert an seiner Plastikhalterung, der Stromspannungsregulator piept und piept. Jeder Ton ist wie ein Nadelstich.

Dann sagt Obama: "Ich habe beschlossen, die Anwendung von Gewalt von den Abgeordneten des amerikanischen Volkes im Kongress autorisieren zu lassen."

Akaidi öffnet den Mund, schließt ihn wieder, schweigt. Sein Blick wendet sich vom Fernseher und von Obama ab und richtet sich auf den Boden. "Der blufft", sagt er, "die USA werden heute Nacht angreifen." Einer der Offiziere tritt an ihn heran, flüstert ihm etwas ins Ohr. Statt amerikanischer Flugzeuge sind zwei syrische in der Luft. Akaidis Hauptquartier ist ein häufiges Ziel.

Der syrische Bürgerkrieg ist in seinem dritten fürchterlichen Jahr. Das Regime hat das Land mit seiner Luftwaffe und den Scud-Raketen in die Postapokalypse gebombt. Bis zur Unkenntlichkeit hat die Gewalt Städte und Dörfer zerstört. Ein Drittel der Bevölkerung ist auf der Flucht. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben bisher mehr als 100.000 Menschen. Die wahre Zahl der Toten liegt vermutlich weit darüber.

Mittlerweile kontrollieren die Rebellen weite Teile Syriens, allerdings sind sie in viele Fraktionen gespalten. Seit Anfang des Jahres haben sich extreme Islamisten an die Spitze des Aufstandes gestellt. Es sind längst nicht mehr allein Assads Soldaten, die Grausamkeiten begehen.

Der Westen, einst Hoffnungsträger der Rebellen, ist für einige von ihnen zum Hassobjekt geworden. Mehrere Dutzend westliche Reporter wurden in den vergangenen Monaten gekidnappt, von Radikalen, die ihnen vorhalten, Spione zu sein, von Verbrecherbanden, die Geld machen wollen. Einer, der fliehen konnte, hat sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland erhängt.

Auch die Helfer ausländischer Journalisten werden jetzt Opfer der Islamisten. Die Medienaktivisten gehörten zu den Ersten, die friedlich gegen Assad auf die Straße gingen. Nun verschwinden viele in den Kerkern radikaler Gruppen. Anfang August traf es auch Khalid*, der mich auf meinen drei letzten Reisen nach Syrien begleitet hatte. Er ist jetzt Gefangener der grausamsten aller Splittergruppen, des Islamischen Staats im Irak und in Syrien (ISIS). Die Gruppe ist ein Auffangbecken für Dschihadisten aus aller Welt. Sie wird vom irakischen Al-Kaida-Chef geleitet. Die Anklage des ISIS: Khalid habe mit Ausländern kooperiert.

Die Kollegen, die mit ihm arbeiteten, auch ich, würden Khalid gefährden, wenn wir versuchten, etwas für ihn zu tun. Wir sind zum Warten verdammt. Unter Medienaktivisten kursiert die Nachricht, für Montag sei die Hinrichtung ihres Freundes Khalid angesetzt, zwei Tage nach Obamas Rede. Sie erzählen, der ISIS habe sie vor die Wahl gestellt: Entweder einer von ihnen, den Freunden, könne Khalid töten – oder sie würden es selber tun.

Im sich ausbreitenden syrischen Chaos steht Oberst Abdel Dschabbar Akaidi für einen letzten Rest von Ordnung. Er war einmal ein Mann des Regimes: Als Oberst diente er in Assads Armee. Im Frühjahr 2012 lief er zu den Rebellen über. Er gründete den Revolutionären Militärrat der Provinz Aleppo, um die vielen einzelnen Gruppen besser zu steuern und ihnen eine Kommandostruktur zu geben. Unter Akaidis Führung eroberte die FSA im Sommer 2012 die östliche Hälfte Aleppos; doch bald zerfiel die Rebellenarmee wieder in Uneinigkeit. Der Militärrat wurde bedeutungslos, Akaidi kam zeitweise in Haft. Er gab aber nicht auf. Mittlerweile, so heißt es, wird er wieder von drei Vierteln der kämpfenden Brigaden anerkannt – was im syrischen Bürgerkrieg ein hohes Maß an Einigkeit ist. Auf dem Schlachtfeld verkörpert Akaidi den Glauben an eine geeinte Opposition. Ein Glaube, den niemand zerstören will. Akaidi trifft türkische Militärs, um mit ihnen abzustimmen, wie man sich im Fall einer US-Intervention verhalten werde, er bespricht mit den Islamisten des ISIS, wer wann wen attackiert. Mit denselben Leuten, die Khalid gefangen halten, einen Mann, der auch in Akaidis Hauptquartier ein häufiger Gast war. Es ist ein Balanceakt, bei dem Akaidi täglich abstürzen kann.

Akaidi holt uns aus Sicherheitsgründen von der türkischen Grenze ab, mit einem fabrikneuen blauen BMW, in weißem Hemd und grauer Flanellhose – in der Türkei muss er Zivil tragen. "Die wollen, dass ich mich bei ihnen unauffällig bewege." Akaidi öffnet die Wagentür, wir steigen ein, fahren hinein nach Syrien. Neben Akaidi sitzt Mustafa, sein Bruder und Leibwächter.

Das Misstrauen ist groß, jeder in Syrien umgibt sich vor allem mit seiner Familie, der kleinst möglichen Einheit des Zusammenhalts. Von den 50 Mitgliedern des Militärrates ist fast jeder Dritte mit Oberst Akaidi verwandt, es sind seine Brüder, Onkel, Neffen, Cousins.

Hinter einem Zeltlager mit Zehntausenden Flüchtlingen fährt Akaidis Wagenkolonne zu einem kleinen Bauernhof. Das Wohnzimmer des Hauses ist zu einem Empfangsraum umgebaut, es gibt ein paar Stühle, einen leeren Schreibtisch. Der Bauernhof dient Akaidi gelegentlich als heimlicher Treffpunkt, meist aber zieht er sich hier bloß um. Er tauscht das weiße Hemd gegen die Uniform, schiebt eine Pistole ins Halfter. Zum Tross stoßen nun Akaidis Sohn Mohammed – 20, rotbäckig, füllig, laut, gerade hat er in der Türkei sein Abitur gemacht – sowie Abu Walid, Akaidis persönlicher Kameramann. Walid ist 24 Jahre alt, ich kenne ihn seit den Anfängen der Kämpfe in Nordsyrien, da baute der Wirtschaftsstudent das Medienzentrum der Rebellen in der Grenzstadt Asas auf. Vor zwei Jahren noch hat Walid viel herumgealbert. Heute wirkt er wie ein alter Mann, schweigsam und ernst. Von Akaidi darf er nur Aufnahmen in Uniform machen.

Die Kolonne bricht wieder auf, drei ältere Wagen in gedeckten Farben rasen aus der Einfahrt, den auffälligen BMW lässt Akaidi am Bauernhof zurück, er böte den Kampfflugzeugen ein zu leichtes Ziel. Wir fahren durch eine Region, in der Assad nur noch Erinnerung ist. Frauen und Kinder ernten Tomaten und Zwiebeln, Traktoren knattern, Sprinkleranlagen wässern die Felder. Es gibt in Nordsyrien wieder Strom, seitdem die Rebellen vor einigen Monaten die Staudämme im Osten Aleppos eroberten.

Wir passieren den Militärflughafen Menag, einst Stützpunkt von 1.500 Soldaten. Die FSA hat ihn vor einem Monat eingenommen. Akaidis Einheiten zerstörten die Panzer mit Raketen, die sie im Ausland gekauft hatten. Die Islamisten setzten zwei saudische Selbstmordattentäter ein, um die letzten Barrieren zu sprengen. Nach dem Sieg filmte Abu Walid Oberst Akaidi, wie er auf der Landebahn den ISIS pries.

Akaidi sagt: "Jeder, der gegen das Regime kämpft, ist unser Bruder und Verbündeter."
Wohin wird ihn die Nähe zu seinen neuen Bundesgenossen noch führen?

Im Dorf Herbel, zehn Kilometer bis Aleppo, stoppt uns ein ISIS-Posten. Zwei Bewaffnete mit schwarzen Gesichtsmasken fordern die Papiere. Akaidi zeigt seinen Ausweis, die ISIS-Leute lassen sich demonstrativ Zeit. An diesem Posten sind in den Vorwochen zwei westliche Journalisten entführt worden, ohne Akaidi würde mir vermutlich das Gleiche widerfahren.

Es ist drei Tage her, dass sich in Herbel die Dorfbewohner gegen die Dschihadisten erhoben, die zum Teil aus dem Ausland stammen, aus Saudi-Arabien, Libyen, den Kaukasus-Republiken. Die Leute liefen auf die Straße, sie schrien, die Fremden sollten das Dorf verlassen.

Die ISIS-Leute eröffneten das Feuer, sie schossen auf die Demonstranten, so wie einst Assads Soldaten. Sie töteten vier Menschen, inhaftierten zwanzig und vertrieben sämtliche FSA-Einheiten. Es ist, als habe ein Krieg im Krieg begonnen. Nicht immer ist klar, wer in Syrien an wessen Seite steht.

Akaidi bekommt seinen Ausweis zurück, ein ISIS-Posten hebt grüßend die Hand. Durch den Schlitz der Masken schimmern die Augen junger Männer, nicht älter als 20 Jahre.

Kaum sind wir wieder losgefahren, da dreht Mohammed, Akaidis Sohn, an seinem iPhone die Musik auf, hüpft auf seinem Sitz. Er lacht. "Das hassen die!" Musik und Zigaretten haben die Islamisten verboten, wie im tiefsten Afghanistan. In der Dämmerung erreichen wir die Vororte von Aleppo. Blitze zucken am Horizont, weißer Rauch weht über die Straße, Schwefelgeruch liegt in der Luft. In der Ferne ist das Zentralgefängnis zu sehen, in das im Sekundentakt Granaten einschlagen. Seit Wochen belagern die Rebellen das Gefängnis, in dem 5.000 Häftlinge eingesperrt sein sollen. 500 Soldaten verteidigen das Gebäude – und sind ebenfalls gefangen. Immer wenn sich die Rebellen nähern, beginnen Assads Kämpfer, Häftlinge aus den Fenstern zu werfen.

Das Hauptquartier des Militärrates ist eine umfunktionierte Mittelschule im Osten Aleppos. Unser Konvoi rollt auf den Schulhof, in dessen Mitte ein Bombenkrater klafft. Akaidi und seine Leute steigen aus. Am Eingang hängt eine Liste mit "Verhaltensregeln im Fall eines Giftgasangriffs": "1) aufs Dach hinaufsteigen, 2) die Kleider ausziehen, 3) ein nasses Tuch mit Kohle einreiben und um den Kopf wickeln." In seinem Büro legt der Oberst Brille und Pistole ab, er sagt: "Natürlich weiß Assad, dass ich hier bin."

Die Fenster hat Akaidi zumauern lassen. Seit vier Monaten schon nutzt er das Gebäude als Kommandozentrale der FSA, manche seiner Offiziere werden inzwischen nervös. "Wir sollten den Ort wechseln", sagen sie. Doch Akaidi weigert sich, in ein Wohnhaus zu ziehen, er wolle keine Zivilisten gefährden.

In der Nacht hören wir schwere Explosionen vom Zentralgefängnis her.

Aleppo ist die zweitgrößte Stadt Syriens. Assads Truppen sind in der westlichen Stadthälfte eingeschlossen, sie werden nur noch aus der Luft versorgt. In der Altstadt, Weltkulturerbe der Unesco, sitzen in manchen Häusern die Aufständischen im Keller und die Assad-Getreuen im Obergeschoss, oder umgekehrt.

Der ISIS, besser organisiert als die Brigaden der FSA, hat unterdessen damit begonnen, den Alltag zu ordnen: Die Islamisten kontrollieren die Verteilung des Mehls und damit die Bäckereien. Sie versorgen die Einwohner mit Gasflaschen und organisieren die Müllabfuhr. Und sie haben Scharia-Gerichte gegründet, deren Richter nur das afghanische Paschtu reden – mit den Angeklagten können sie sich nur mithilfe von arabischen Übersetzern verständigen.

An einigen Orten betreibt der ISIS Schulen – oft sind es die einzigen in der Gegend. Familien, die ihre Kinder dorthin schicken, werden finanziell unterstützt. Es heißt allerdings, dass die Schüler nicht Rechnen und Schreiben lernen, sondern den Heiligen Krieg. Al-Kaida ist zum Schulmeister Zehntausender Kinder geworden. Die ISIS-Kämpfer zählen nur etwa 5.000 Mann, doch sie sind besser ausgebildet, besser motiviert, besser ausgerüstet als die liberalen Kräfte.

Akaidi braucht die Islamisten. Im Häuserkampf sind unzählige seiner Männer gestorben. Es gibt Kommandos von einst 50 Mann, von denen noch zehn leben. Akaidi scheint zu wissen, wie unheilig die Allianz ist, die er mit den Gotteskriegern eingegangen ist. Immer wieder appelliert er an sie, die Zivilbevölkerung zu schonen. Das Hauptquartier hat drei Eingänge, einen für Besucher, die hier ihre Waffen abgeben müssen, einen für die plötzliche Flucht, einen für die Munition. Zuverlässig fährt zur Mittagszeit ein Kleinlaster mit einer neuen Ladung Geschosse im Hauptquartier vor. Damit Besucher keine Einzelheiten sehen, wird der Flur im Erdgeschoss durch einen Stoffvorhang geteilt, dahinter werden Granaten und Raketen in den Keller verfrachtet. Munition bedeutet Macht in Aleppo, sie ist die härteste aller Währungen.

Akaidis Empfangszimmer, das auch sein Schlafzimmer ist, liegt gleich neben dem Haupteingang. Ein ehemaliger Klassenraum. In zwei Reihen 14 Kunstledersessel mit Akaidis Schreibtisch am Ende. Daneben steht sein Bett mit himmelblauem Blümchenmusterbezug.

Der Arbeitstag des Obersten gleicht einer endlosen Krisensitzung mit wechselnden Teilnehmern. "Wir brauchen 200.000 Schuss Munition von dir", verlangt der Kommandeur einer Brigade. Akaidi reagiert etwas ungehalten. "Ich hab dir doch schon letzte Woche so viel gegeben!"

Danach spricht eine Delegation von drei Kämpfern mit Patronengurten vor. Dem einen wurde an der Front das linke Auge ausgeschossen. Er sagt: "Ich habe 570 Mann unter mir, gib uns etwas zu tun." Schließlich sitzt Abu Walid, der Kameramann, vor Akaidi. Mit leiser Stimme berichtet er von Khalid, dem Entführten, mit dem er befreundet ist.

"Du kennst ihn doch", sagt er zu Akaidi. "Er war oft hier und hat übersetzt." Akaidi erinnert sich. Ja, den Jungen habe er gemocht.

Abu Walid erzählt, wie Khalid von 20 Bewaffneten daheim abgeholt wurde, wie sie ihn prügelten und in den Kofferraum eines Wagens warfen, der vor der Tür wartete.

"Khalid hat einen Sohn, der ist gerade ein Jahr alt, und seine Frau ist schon wieder schwanger", sagt Abu Walid. Akaidi verspricht, er werde Al-Bara, seinen Geheimdienstchef, zum ISIS schicken, um dort für Khalid vorzusprechen. Abu Walid macht den Platz frei für den nächsten Besucher.

Die Stunden vergehen, Akaidi empfängt immer neue Gäste. Selten steht er auf. Zwischendurch greift er in die Schublade, holt seinen Elektrobraun hervor und rasiert sich, ohne die Sprechstunde zu unterbrechen. Wer zum Tross des Kommandeurs gehört, muss immer abreisebereit sein. Nur Minuten bevor es losgeht, gibt Akaidi seine Pläne preis, er hat Angst vor Angriffen. Sein vorheriges Hauptquartier, eine Lagerhalle für Blumen samen, wurde von zwei Raketen zerstört, Akaidi überlebte knapp. Seit dem vergangenen Sommer wurden vier seiner Fahrer verletzt, darunter Ahmed, sein Sohn, der zwei Jahre jüngere Bruder Mohammeds.

Am späten Sonntagabend, einen Tag nach der Rede Obamas, sitzen Akaidi und seine Männer im Unterhemd zusammen. Noch immer greifen die Amerikaner nicht an. "Werden sie es noch tun?", fragt der Geheimdienstchef Al-Bara zweifelnd. Akaidi schweigt, den Blick auf den Computerschirm geheftet. "Ich hoffe, die machen es nicht schlimmer", sagt Al-Bara, der früher Autohändler in Aleppo war. "Wenn sie Assad nicht so treffen, dass er erledigt ist, machen sie ihn damit nur stärker. Dann heißt es, er hat die USA besiegt."

Sie alle fragen sich, wie Assad auf US-Angriffe reagieren würde: Aleppo mit Chemiewaffen beschießen, biologische Kampfstoffe einsetzen? Eine Welle von Scud-Raketen abfeuern – diese elf Meter hohen Geschosse, die schon jetzt alle paar Tage in Aleppo einschlagen und ganze Straßenzüge zerstören? Akaidi schweigt weiter, irgendwann verzieht er gereizt das Gesicht. "Was sollen wir tun? Wir haben noch nicht einmal Gasmasken."

Die Tage im Hauptquartier enden spät, den Dienstschluss markiert das Morgengebet um 4.30 Uhr. Akaidi und seine Leute beten dann gemeinsam im Korridor. Und die Tage beginnen spät, gegen elf Uhr, wenn sich die Plastikstühle vor Akaidis Büro allmählich mit Besuchern füllen.

Den Anfang macht am nächsten Morgen ein Abgesandter aus Chanasir, einem 25 000-Einwohner-Vorort im Süden, den die FSA vor anderthalb Wochen nach hartem Kampf erobert hat. Aber alle Siege sind in Syrien auch Niederlagen. "Unser Dorf ist unbewohnbar", erzählt der Abgesandte. "Die meisten Häuser sind zerstört." Manche Wände seien seltsam gelb verfärbt. Der Mann bittet Akaidi, Proben davon zu nehmen. "Unsere Leute haben Angst, dass es Giftgasreste sind, sie trauen sich nicht ins Dorf zurück."

Die Angst vor den Chemiewaffen des Regimes sitzt tief. Schon im März hatte Giftgas im zehn Kilometer von Aleppo entfernten Vorort Khan al-Assal 26 Menschen getötet und 81 verletzt. Regime und Rebellen beschuldigten sich gegenseitig. UN-Inspektoren reisten nach Syrien, um diesen Vorfall zu untersuchen. Sie kamen nicht dazu, weil dann in den Vororten von Damaskus die Gasgranaten explodierten.

Der Abgesandte aus dem Dorf ist gerade gegangen, da ist auf einmal ein tiefes Fauchen zu hören, der Klang des schweren Maschinengewehrs eines Kampfjets. Die Salve schlägt knapp vor dem Haus ein, 50 Meter, sagt Ahmed, der Sohn Akaidis, der gerade Wache hält. Dann noch einmal, kurz darauf, jetzt weiter weg, vielleicht 150 Meter. Das Flugzeug entfernt sich. Schweigend stehen die Männer und warten, ob es nicht noch eine Bombe ausklinkt. Dann geht Ahmed zur Tür und schaut zum Himmel hinauf.

Es ist wieder still. Nur die Stimme eines Melonenverkäufers ist zu hören und Kindergeschrei aus den Nachbarhäusern. Die Tür zu Akaidis Büro öffnet sich kurz und schließt sich gleich wieder, abwechselnd gehen Radikale und Gemäßigte hindurch, staubbedeckte Männer mit knapp abgeheilten Verwundungen, andere wohlbeleibt und in fabrikneuer Uniform. Direkt von der Front kommt Abu Waseem, 50, klein, graubärtig, ein Gesicht, hart wie eine Ledermaske. Nachdem er Akaidi den neuesten Lagebericht vorgetragen hat, erklärt er mir in gutem Englisch: "Wir haben die Außenmauern des Gefängnisses erreicht." Im Zivilberuf ist Abu Waseem Psychologe, jetzt ist er Scharfschütze. "Gestern habe ich einen von der anderen Seite erwischt, der war schlau." Er lächelt müde. Drei Tage habe er Assads Mann aufgelauert, um herauszufinden, aus welchem Loch der Gefängnismauer er ziele. Einige von seinen, Abu Waseems, Kameraden hatte der andere bereits umgebracht. Schließlich sah Abu Waseem in einem Mauerriss eine kleine Wasserfontäne aufspritzen. "Der hatte immer durch eine Wasserflasche hindurchgeschossen, um sein Mündungsfeuer zu verbergen. Sehr clever!" Wie ein Sieger sieht auch Abu Waseem nicht aus. Er flüstert nun: Es werde immer schlimmer mit den Islamisten. Sie exekutierten die meisten Soldaten, die sich ergeben wollten. Das motiviere Assads Leute doch nur, bis zum letzten Mann zu kämpfen. "Wie dumm!", sagt Abu Waseem. Gerade versuche er eine Gruppe von zehn Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Er tue alles, damit sie in die Hände seiner FSA-Brigade kämen, nicht in die des ISIS. Wenn dies gelinge, werde es sich unter den anderen Regimesoldaten herumsprechen, dann würden noch mehr von ihnen überlaufen, dann müssten auch weniger Rebellen sterben.

Es gebe Tage, da seien die Truppen Assads im Zentralgefängnis so hungrig, dass sie einen Tausch organisierten, Brot gegen Menschen, eine Tagesration gegen fünf Gefangene. Abu Waseems jüngerer Bruder ist im Gefängnis eingekerkert. Wenn Abu Waseem einem Mittelsmann der Soldaten Geld zukommen lässt, lassen sie den Bruder mit ihm telefonieren. "Ich kämpfe nur für ihn", sagt Abu Waseem. "Ich muss ihn da rausholen. Sobald ich ihn habe, nehme ich meine ganze Familie und gehe ins Ausland." Mittlerweile hat er Angst vor der Revolution. "Gebildete Menschen werden es hier sehr schwer haben." Er liebe Nietzsche und Goethe, er trinke auch mal heimlich Wodka. "Wir brauchen moderne Konzepte für Syrien", sagt er. "Bei mir im Dorf gibt es seit drei Jahren keine Schule. Mein Sohn ist zehn und kann kaum ein Wort schreiben! Alles, was wir durch die Revolution bekommen, ist ein 1.400 Jahre altes Buch!" Solche Gedanken muss er vor seinen radikalen Mitstreitern verbergen. Sie wären sein Todesurteil. In der Nacht dröhnen erneut gewaltige Explosionen vom Gefängnis her. Wieder versuchen die Rebellen vergeblich, es einzunehmen.

Khalids Hinrichtung ist vom ISIS aufgeschoben worden, erfahre ich am nächsten Morgen im Hauptquartier. In der Kleinstadt, in der Khalid lebt, hätten die lokalen FSA-Milizen 15 neue Kontrollposten eingerichtet, um Entführungen künftig zu erschweren. Der ISIS-Kommandeur, der Khalids Arrest angeordnet haben soll, sei aus der Stadt geflohen. Die Medienaktivisten haben angedroht, ihn ebenfalls zu kidnappen, um ihn gegen Khalid auszutauschen. Sie lassen nichts unversucht, um ihren Freund zu retten. 20 von Khalids Unterstützern, Freunde und Verwandte, sind mit einem Transparent vor das Hauptquartier des ISIS gezogen. Solche Demonstrationen gibt es inzwischen täglich. Sie wirken wie hilflose Gesten – und können manchmal tatsächlich etwas bewirken.

Nicht im Fall von Khalid. Es gibt noch immer kein Lebenszeichen von ihm.

In einer Pause sitzt Akaidi erschöpft mit Al-Bara, dem Geheimdienstchef, zusammen. Das syrische Volk werde die Extremisten nach dem Krieg wieder loswerden, versichert er. "Der ISIS ist wie ein Fremdkörper, und der syrische Organismus wird ihn abstoßen." Sie brauchten diese Leute jetzt, außer ihnen habe ihm niemand geholfen, besonders der Westen nicht. Die Dschihadisten aus dem Ausland, die sich dem ISIS angeschlossen hätten, seien willkommen, aber bleiben dürften sie nicht.

Akaidi rechnet für den Fall von Assads Sturz damit, dass es Kämpfe geben wird zwischen Islamisten und FSA – "allerdings nur in kleinem Maßstab". Manchmal schaut ihn Al-Bara schmunzelnd von der Seite an.

Im Büro fällt das Licht aus. Das Leuchten des Laptops strahlt auf Akaidis Gesicht. Es müsse nur endlich Assad weg, sagt er. Die Mehrheit der Kämpfer wolle ein demokratisches Syrien. Nie hätte er am Anfang der Revolution geglaubt, dass Assad sein eigenes Volk ermorden würde.

Akaidi meint damit nicht nur das Giftgas. Die schlimmsten Waffen seien die konventionellen, die schwere Artillerie, Panzer, der Einsatz der Luftwaffe gegen die Zivilbevölkerung. Akaidi hat selbst zehn Familienmitglieder im Krieg verloren. Seine Frau und die jüngsten zwei Söhne ließ er ins türkische Kilis in Sicherheit bringen. Es werde keine Verhandlungen mit dem Massenmörder Assad geben, sagt er. "Kampf bis zum Ende."

Die Abreise, plötzlich wie immer. Zehn Minuten Zeit, alles einzupacken, dann verlässt die Wagenkolonne des Obersten Aleppo. Mohammed, der Sohn, dreht im Wagen wieder die Musik auf, er kreischt, wirbelt seinen Kopf herum, Abu Walid, der Kameramann, lächelt müde. Ein 18-Jähriger sitzt mit Kalaschnikow im Anschlag in der offenen Schiebetür des Vans. Die Sonne senkt sich über die Stadt.

Im Bauernhaus an der Grenze zieht Akaidi sich wieder um. Weißes Hemd statt Uniform. In der Türkei warten wichtige Gesprächspartner auf ihn. Er lässt Abu Walid und seine Söhne zurück und braust davon.

Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass die US-Luftschläge vorerst ausbleiben werden. Mit dem Angebot, seine Chemiewaffen unter internationale Kontrolle zu stellen, hat der syrische Diktator offenbar noch einmal Zeit gewonnen.

Selbst wenn Assad wirklich sein Giftgas ablieferte, würde das Akaidi nicht sehr helfen. Gegen Artillerie und Kampfjets stünde er weiterhin allein. Er bräuchte auch künftig den ISIS, dieses Übel, vom dem er glaubt, dass er es so leicht wieder loswerden kann.

Und dann höre ich plötzlich Khalids müde Stimme am Telefon. "Ein Wunder!", sagt er, erschöpft in sich hineinnuschelnd.

Akaidi konnte ihn nicht retten, doch Khalid hat sich selbst befreit. Er ist am frühen Montagmorgen aus dem Gefängnis des ISIS im Dorf Hretan geflohen. Wochenlang hätten sie ihn in Einzelhaft gehalten, erzählt er. Die erste Woche habe er nackt in einem Klo verbracht. Sie hätten ihn mit Stromschlägen gefoltert und ihn geschlagen. Im Gefängnis in Aleppo, sagt Khalid, habe er drei ausländische Journalisten gesehen, die dort ebenfalls gefangen gehalten worden seien. Ihn selbst hätten sie dann nach Hretan gebracht, ins ISIS-Hauptquartier in einer ehemaligen Fabrik.

Khalids Zelle war im zweiten Stock. Er hat das Drahtgitter am Fenster aufgebrochen und sich an zusammengebundenen Kleidern heruntergelassen. Zehn Kilometer war er dann zu Fuß unterwegs, bis er dachte, er sei einigermaßen in Sicherheit. "Ich habe bei einer Familie geklopft und sie gebeten, mich zu verstecken." Doch die verängstigten Bewohner lehnten ab. Irgendwann erlaubten sie ihm wenigstens, von einem Handy aus mit seinen Brüdern zu telefonieren. Die holten ihn ab. Brachten ihn zu seiner hochschwangeren Frau in der Türkei, wo er sich jetzt wieder versteckt.

"Ich weiß, die suchen noch nach mir", sagt Khalid.
* Name geändert