2014

liberty message

Der Tiger 
jagt nachts

Angeblich lernt man am meisten über ein Land, wenn man sich dessen 
Straßenverkehr anschaut. Also los, eine Stichprobe: In einem uralten 
Laster von Kalkutta nach Mumbai, 2200 Kilometer quer über den ganzen 
Subkontinent. Fazit: Indien muss sehr hart sein. Und zugleich melancholisch.

Der Reisebus kommt direkt auf uns zu. Schnell. Unausweichlich. Wir sind auf der Überholspur eingeklemmt, zwischen einem Sattelschlepper und dem Abgrund. Die Scheinwerfer des Busses blenden auf, ihr Licht zerspringt auf unserer Windschutzscheibe. Noch 200 Meter, 100, 50. Im letzten Moment reißt Sitaram das Lenkrad herum. Unser Lastwagen schwankt, schlingert, zieht hinüber auf seine Spur, doch es reicht nicht, gleich kracht es – der Bus, die erhobene Faust des Fahrers, seine wütende Grimasse, eisblau im Licht der Bordlampe; dann die Druckwelle und ein markerschütternder, dumpfer Knall.

Vorbei.

Sitaram kurbelt die Scheibe runter und rückt den Außenspiegel zurecht. Der Reisebus hat ihn gestreift. 2200 Kilometer sind es von Kalkutta nach Mumbai, doch am Ende entscheiden Millimeter über Leben oder Tod. Wer das Wesen einer Nation ergründen wolle, behaupten Soziologen, brauche sich nur anzusehen, wie sich die Leute jeweils im Straßenverkehr verhielten. Auf Indiens Straßen stirbt alle fünf Minuten ein Mensch. Jedes Jahr sind es weit über 100 000, dazu kommen rund eine Million Verletzte. Das motorisierte Chaos fordert hier mehr Opfer als irgendwo sonst auf der Welt.
Indien verstehen. Ein Milliardenvolk mit über 20 Sprachen. Die nach China am stärksten expandierende Volkswirtschaft der Welt. Den Subkontinent enträtseln auf einem Trip von Kalkutta nach Mumbai, einmal quer durch das Land, auf einer der anarchistischen Fernstraßen Südasiens. Interessante Idee, aber wie überlebt man das? Mit einem, der das Chaos meistert und unter brutalsten Bedingungen durchhält, durchhalten muss, tagelang. Mit einem, der die Ärmel hochkrempelt und die Muskeln spielen lässt, wenn es hart auf hart kommt. Am höchsten, so hatte ich mir ausgerechnet, wären meine Überlebenschancen mit einem indischen Trucker.
Nun ja, Muskeln spielen . . . Sitarams Arme sind spindeldürr, seine Augen verträumt, die Haare knabenhaft aus der Stirn gestrichen. Laut seinen Papieren ist er 24 Jahre alt, er sieht aber aus wie 18. Höchstens. Er sitzt auf einem festgeschweißten Campingstuhl, gelassen wie ein Buddha, das riesige Lenkrad zwischen die Beine geklemmt. Von der Kabinenwand blättert blauer Lack. Die Ablagen sind rostig. Die Armaturen funktionieren längst nicht mehr. Nur die Tachonadel zittert zwischen 40 und 50 Stundenkilometern.
Stundenlang kann dieser Sitaram auf die Straße starren, ohne ein Wort zu sprechen. Alles, was ich von ihm weiß, ist, was mir der Speditionschef in Windeseile erzählt hatte, bevor er mich in Kalkutta in den Lastwagen schob: Sein Vorname bedeute „Gemahl der Göttin“, geboren im nordindischen Bundesstaat Bihar, Führerschein seit sechs Monaten, „kein Alkohol, keine Drogen, keine Frauen, kein Problem“.
Sein Second-Driver Lal Babu, ein Teenager mit Bartflaum und pechschwarzen Füßen, stammt aus demselben Dorf in Bihar. Sitarams Onkel hat ihm den Jungen geschickt, damit der ihn unter seine Fittiche nimmt und aus ihm einen anständigen Fernfahrer macht. Lal Babu ist immer gut gelaunt – solange er an einem Joint ziehen kann. Sehr zum Ärger von Sitaram, der bei Vollgas beide Hände vom Lenkrad nimmt, um den Rauch aus dem Fenster zu fächeln. Sofort gerät der Tata 1312, ein Zweiachser mit fünf Meter hohem Aufbau, gefährlich ins Schwanken, und hinter meiner Stirn laufen beunruhigende Bilder ab: sich überschlagender Truck, zertrümmerte Kabine, überall Blut und 800 000 für den Export bestimmte Lederschuhe, verstreut auf westbengalischen Reisfeldern.
Sitaram und Lal Babu sprächen kaum Englisch, hatte mir der Speditionschef noch nachgerufen. Wie sollen wir uns in den kommenden zwei-, dreihundert Stunden verständigen?
„Ich heiße Michael.“ „Okay, Sahib!“ So wurden Europäer in der Kolonialzeit angeredet. „Nicht Sahib, bitte! Ich bin Michael! Michael, okay?“ „Okay, Sahib!“
Was immer ich sage, die beiden antworten „Okay, Sahib!“ – und mir wird bald klar: Sie sprechen nicht wenig Englisch, sondern gar keines.

Draußen zieht das menschenleere, nächtliche Indien vorbei. Gespenstische Industriegebiete, verlassene Städte. Auf Gehwegen liegen in Decken eingerollte Gestalten im vagen Licht der Straßenlaternen. Es ist ein sonderbarer Kontrast zum ameisenhaften Gewusel des Milliardenvolks bei Tag. Auf dem National Highway 6 hingegen, vier Stunden westlich von Kalkutta, herrscht Hochbetrieb. Lastwagen. In beiden Fahrtrichtungen. Endlose nächtliche Prozessionen im Weihrauch der Straße.
An der Rückwand der Kabine hängt an Ketten ein Brett. Lal Babu hat es für mich geräumt, damit ich dort schlafen kann. Auf dem Rücken liegend, stößt meine Nase an das Dach wie an den Deckel eines Sargs. Durch einen Vorhangschlitz sehe ich hinaus in die Kabine, eine fluoreszierende Kapsel, die uns durch ein Universum zwischen Albtraum und Wirklichkeit trägt, durch einen feindlichen Raum, durch den die Lichter entgegenkommender Vierzigtonner fliegen wie Meteoritenschauer.
Endlich taucht am Morgen über dem Horizont ein roter Schimmer auf. Wenig später schaltet Sitaram die Scheinwerfer aus. Hinter Kharagpur fahren wir durch das topfebene Westbengalen. Über den Reisfeldern liegt ein Dunstschleier. Strohgedeckte Lehmhäuser. Verstaubte Eukalyptusbäume. Aus allen Richtungen schießen Mopeds auf die Straße, mit vier, fünf Leuten hinter dem Lenker. Geisterfahrer rasen auf uns zu, weil ihr Weg auf unserer Seite kürzer ist. Kreuz und quer radeln Schüler. Traktoren mit eiernden Rädern, überladene Anhänger, ungesicherte Baustellen.

Lal Babu – einen Joint zwischen den Lippen – walzt frischen Teig und wirft ihn auf das Backblech über der Gasflasche: Chapati, indisches Fladenbrot. Plötzlich stehen Wasserbüffel auf der Straße. Eine ganze Herde. Sitaram bremst nicht gern. Bremsbeläge sind teuer. Er bevorzugt Hupe und Gaspedal. Lal Babu wendet die Chapati. Sitaram umkurvt die Büffel. Mit einer Hand. Die andere fummelt an den Drähten des Kassettenrekorders. Aus den Lautsprechern scheppert Volksmusik aus Bihar. Dann sind die Chapati fertig. Frühstück. Der Fahrtwind kühlt den Tee.

Offiziell herrscht in Indien Linksverkehr. Aber niemand kümmert sich darum. Die Spur entsteht im Fahren. Verkehrsregeln, -schilder und -ampeln werden kaum beachtet. Stattdessen gilt das Recht des Stärkeren, gestaffelt nach Kampfgewicht, Hubraum und PS. Ganz oben stehen Reisebusse und Lastwagen, darunter kommen Kombis und Pkws, und so geht es weiter in die Niederungen motorisierter Rikschas, deren Felgen mit Metallspitzen bestückt sind wie bei römischen Streitwagen. Sie sind dem Mopedfahrer überlegen. Der dem Radfahrer. Der wiederum dem Fußgänger, der statt über Rechte nur noch über seine Verletzbarkeit verfügt. Die Hälfte aller indischen Verkehrstoten sind Fußgänger. Wer zu Fuß geht, ist Beute, Fleisch.
Bundesgrenze Westbengalen/Jharkhand: Lastwagenstau. Sitaram bleibt wie immer seelenruhig, doch der unscheinbare Lal Babu ist nicht wiederzuerkennen. Er rennt schreiend auf der Straße umher. Um uns einen Vorteil zu verschaffen – einen Meter hier, einen halben da –, tritt er gegen Reifen, schlägt mit der flachen Hand an Autotüren. Die Fahrer hupen, drängeln mit den Stoßstangen und drohen einander mit Fäusten. Um jeden Zentimeter wird verbissen gekämpft. Es ist eine ohrenbetäubende Metapher für ein Land, in dem im Schnitt 350 Menschen auf einem Quadratkilometer leben. Knapp 1,2 Milliarden Inder sind es gewohnt, sich ihren Platz auf engstem Raum zu erkämpfen. Wenn nötig, mit den Ellbogen. Cut-throat heißt das hier: Kehlenschneiden.
Auf der Straße geht es immer härter zur Sache. Allein 2009 wurden in Indien rund 1,5 Millionen Autos neu zugelassen. Dieses Jahr sollen es zwei Millionen, bis 2020 dreimal so viele sein. Zugleich ist nach einer Studie der Weltbank die Hälfte der Straßen in katastrophalem Zustand. Der gesamtindische Verkehrsinfarkt scheint nur eine Frage der Zeit.
Sitaram beißt sich durch. Unermüdlich legt er sich ins Zeug, rackert, kämpft, verschenkt keinen Millimeter. Als wir endlich am Grenzposten in Jharkhand sind, besteht dieser nur aus einem hölzernen Schlagbaum in einer staubigen Öde. Bei Joshipur, einer kleinen Stadt am Fuß dicht bewaldeter Hänge und Bergketten im Bundesstaat Orissa, verkümmert der National Highway 6 schließlich zu einer Dorfstraße. Während es in den indischen Ballungszentren immer mehr Autos gibt, können sich die meisten Menschen hier nicht einmal eine Busfahrkarte leisten. Ganze Schulklassen wandern auf dem Asphalt. Frauen in leuchtenden Gewändern balancieren Wasserkrüge auf den Köpfen. Ziegenherden, heilige Kühe, Ochsenkarren behindern die Fahrt.
Orissa gehört zu jenen Regionen Indiens, in denen insgesamt 350 Millionen Menschen mit jeweils weniger als einem Dollar am Tag auskommen müssen und nur jedes zweite Kind genug zu essen hat. Hier ist der indische Wirtschaftsboom nie angekommen. Er fährt einfach durch diese Regionen hindurch. In Form von Abertausenden Lastwagen, die rund um die Uhr an baufälligen Lehmhütten vorbeirollen.

Als wir in der alten Diamantenstadt Sambalpur tanken, hält neben uns ein nagelneuer Geländewagen. Ich bitte den Mann am Steuer, zwischen Sitaram und mir zu übersetzen. Doch wie die meisten Inder hält auch Ashok Kumar, IT-Manager aus Raipur, alle Fernfahrer für betrunkene Freaks und Speed-Devils, die wehrlose Leute über den Haufen fahren und dann einfach abhauen. „Ich rede doch nicht mit so einem! Ich beschmutze mich doch nicht!“, empört sich Mister Kumar. „Die waschen sich nicht. Schwanzgesteuerte Verbrecher sind das. Stecken überall ihr Ding rein. Übertragen Aids wie Moskitos die Malaria.“ Dann gibt er Gas und sucht das Weite.
Tankwart Arun hat kein Problem mit Lastwagenfahrern. Während der junge Mann für uns übersetzt, beginne ich zu begreifen, dass hinter der brutalen Aggressivität des indischen Straßenverkehrs mehr steckt als nur die Enge in einem überbevölkerten Land. „In Mumbai drohen uns die Leute“, sagt Sitaram und sieht sich nervös um; außerhalb des Trucks wirkt er unsicher und klein. „Sie sagen: Kommt nur und holt euch eure Prügel ab! Zur Einäscherung schicken wir euch zurück nach Bihar!“
Aus diesem völlig verarmten Bundesstaat stammen die meisten indischen Fernfahrer. In vielen Landesteilen werden Bihari wie Aussätzige behandelt. Zudem gehört Sitaram einer niederen Kaste und durch seinen Beruf zugleich einer der untersten sozialen Klassen an.
Kasten, Klassen, Volksstämme – die indische Gesellschaft ist ein komplexes Puzzle aus streng getrennten Parallelwelten. Berührungspunkte sind selten. Einer davon ist die Straße. Sitaram hält sich wie immer zurück, doch Lal Babu platzt heraus: „Für die meisten Leute sind wir Dreck. Aber nimm dich in Acht, Fettsack! Wenn unser Baby über dein schickes Auto fährt, bist du platt wie Kuhscheiße.“ Und Tankwart Arun sagt einfach: „Wir Inder lieben unsere Wut.“ Deshalb sei auf der Straße ein Leben wertloser als Staub.
Arun lehrt mich ein paar nützliche Dinge auf Hindi – backar chodu (Ziegenficker), bandaa (Halbschwanz), bur ki chatani (Fotzenketchup) – und nebenbei erfahre ich, dass Sitaram von seinem Chef eine Kilometerpauschale von 10,5 Rupien erhält. Nach Abzug des Diesels bleibt ihm noch ein Fünftel für Straßengebühren, Bestechungsgelder, Verpflegung und kleinere Reparaturen.
Weil sein Monatslohn nur 100 Euro beträgt, muss Sitaram seinen Verdienst aufbessern, indem er bei den ohnehin kargen Spesen spart, also Checkpoints auf riskanten Routen umgeht, mit korrupten Beamten um jede Rupie feilscht, weniger isst und lieber ohne Licht und ohne Bremsen fährt, als den Truck auf eigene Kosten reparieren zu lassen. Im indischen Transportgewerbe gibt es keine verbindliche Arbeitszeitenregelung. Gefahren wird 14 Stunden und mehr. Wenn Sitaram krank wird, verdient er nichts. Und in den Garagen der Speditionshöfe schläft ein Heer von Ersatzfahrern auf dem Boden und wartet nur darauf, seinen Lastwagen zu übernehmen. In fünf Jahren will Sitaram aussteigen und mit dem verdienten Geld eine Apotheke in Bihar aufmachen. „Ein Fernfahrer ist ein Niemand, einem Apotheker geben die Leute auf der Straße die Hand.“
In der vierten Nacht, irgendwo im Bundesstaat Chhattisgarh, sitzen wir auf öligen Kartons am Boden im Kreis mehrerer Lastwagenfahrer: zwei Dutzend barfüßige Gestalten mit rußigen Gesichtern, das Haar struppig, die Fingernägel schwarz. Vor uns stehen dampfende Töpfe mit Reis, Linsen, Okra, Curry. Jedes Fahrergespann hat etwas beigesteuert.

Wir greifen mit der rechten Hand zu, und zum ersten Mal nennen mich Sitaram und Lal Babu nicht Sahib, sondern hängen meinem Namen ein -ji an, die Höflichkeitsform, mit der in Indien auch ältere Personen oder Lehrer angesprochen werden. „Michael-ji isst, was wir essen“, erzählt Lal Babu den anderen; um ihn zu verstehen, genügen seine überschwänglichen Gesten. „Michael-ji! Michael-ji!“ Nach dem Essen lerne ich eine neue Vokabel: Dost – Freund.
Etwa fünfzig Kilometer weiter parken vor einem Checkpoint Hunderte Trucks in drei Reihen beiderseits der Straße. In sogenannten dhabas essen Männer auf geflochtenen Pritschen. Überall entlang der Fernstraßen stellt eine gewaltige Industrie bereit, was die Fahrer brauchen: Verpflegung, Mechanik, Tempel, Sex.
In Indien sind Lastwagenfahrer stigmatisiert als mutwillige Überträger des HI-Virus. „Fahren, fahren, fahren“, klagt ein Alter, der Englisch spricht, aber kaum mehr Zähne im Mund hat. „Nur einmal im Jahr bin ich zu Hause bei meiner Frau.“ Dreimal die Woche suche er Prostituierte auf. Er überlegt kurz und fügt hinzu: „Sicher hundert im Jahr.“
Viele dhabas dienen als Bordelle. Als ich mir ein Bild von der Situation machen will, wehrt Sitaram ab. „Diese Frauen sind schmutzig“, sagt er unter dem Gelächter des Alten, der für uns übersetzt. „Sie haben Krankheiten. Sie interessieren mich nicht.“ Sitaram pocht auf hinduistische Grundsätze. Auf seine gute Erziehung. „Wenn du da reingehst, nehm’ ich dich nicht weiter mit“, sagt er, und hat plötzlich ein aggressives Blitzen im Blick. Ich will nach Mumbai. Und Sitaram bleibt eisern. Als ein paar Tage später jedoch der Kühlerschlauch reißt, flickt er ihn mit Kondomen aus dem Handschuhfach.
Wir schlafen direkt am Highway. Die ganze Nacht streicht Scheinwerferlicht über unsere Gesichter. Druckwellen vorbeirasender Laster rütteln an der ofenheißen Kabine. Am Morgen schreibe ich ein neues Wort in mein Heft: maidan – Marktplatz. Unser maidan ist ein abgeerntetes Reisfeld direkt neben der Straße, wo wir gemeinsam in die Hocke gehen, um ungeniert unsere Notdurft zu verrichten und den Hintern mit ein wenig Wasser in der linken Hand abzuwischen. Wenn Lal Babu vergessen hat, den Kanister aufzufüllen, tut es auch eine Erdscholle.
Als Second-Driver ist Lal Babu Mädchen für alles, doch unter dem Einfluss des Marihuanas lässt sein Elan stetig nach. Er blüht erst wieder auf, als er in Raipur, der Hauptstadt von Chhattisgarh mit ihren Seen und Gärten, das Steuer übernehmen darf, damit Sitaram sich ausruhen kann. Das Halstuch um die Stirn gebunden, rammt er die Gänge wie Faustschläge in den Bauch des Tata und schwellt die Brust, um den Mädchen zu imponieren. Soll Sitaram von seiner Apotheke in Bihar träumen, er, Lal Babu, will Fernfahrer werden, ein King of the Highway, wie er ihn aus amerikanischen Videos kennt.
Ein Hund – schwarz-weiß – läuft auf die Straße. Lal Babu nimmt ihn zwischen die Vorderreifen, gleich darauf gibt es einen dumpfen Stoß, und die Hinterachse rutscht etwas zur Seite. Lal Babu dreht die Musik lauter. Leben, Tod, Leben. Die indische Straße hält das Rad der Wiedergeburt in Bewegung. Auf Erlösung braucht hier niemand zu hoffen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sind die Götter immer mit an Bord. Über dem Armaturenbrett hängt an einem einfachen Altar im Nebel der Räucherstäbchen das Bild von Durga. Wie alle Lastwagenfahrer verehren auch Sitaram und Lal Babu ihre sechsarmige, Säbel schwingende Schutzgöttin, die auf einem Tiger reitet. In der Gegend von Chichola stellen wir uns vor einer Art religiösem Drive-in an. Ein Hindu-Priester mit Wickeltuch und freiem Oberkörper ruft Durgas Segen auf eine Parade aus Lastwagen herab und tupft mit dem Daumen rote Segenszeichen auf unsere Scheinwerfer, dann geht es zurück in die endlose Arena, hinaus in eine weitere Schreckensnacht.
Der Priester hat mir etwas für mein Vokabelheft mitgegeben, einen Satz wie die erste Zeile eines Gedichts: Sher raat ko shikaar kartaa hai – Der Tiger jagt nachts. Fressen. Gefressenwerden. Zum Glück ist Sitaram ein guter Fahrer. Seine Gelassenheit wirkt oft Wunder. Doch die anderen müssen genauso gut sein. Jeder von ihnen. Ein Einziger genügt, um uns zu zerstäuben, nur einer von denen, die wir an den Rastplätzen treffen, wo sie statt Tee billigen Schnaps trinken und sich mit Dope und doda aufputschen, einer Mischung aus Betelnuss und Opiumpuder, um uns wenig später auf der Überholspur entgegenzukommen, mit Vollgas und vierzig Tonnen im Rücken.
Sitaram singt. Lal Babu starrt ins Leere. Stoned. Sie dürfen sich getrost auf ihre Götter verlassen. Durga wird es richten. Oder der elefantenköpfige Ganesh, der seine vier Arme schützend über Reisende ausbreitet. Gebrauchtwagenfahrer halten sich an Vishwakarma, den Großen Ingenieur und Gott der Ersatzteile.
In Akola, der „Baumwollstadt“, die auch für ihre köstlichen Linsen berühmt ist, verlassen wir nach sieben Tagen und fast 1600 Kilometern den National Highway 6 und fahren auf Nebenwegen weiter. Wie in einer riesigen Oase gedeihen in der Ebene von Aurangabad Reis, Mais, Weizen, Trauben, Zuckerrohr. Aufgeräumte Dörfer ziehen an uns vorüber. Bauern mit rosafarbenen Turbanen fahren auf Traktoren die Ernte ein. Treppen führen hinab zu kleinen Teichen, wo Wasserbüffel trinken und Kinder planschen. Kokospalmen, Mango- und Papayabäume. Affen auf Tempeltürmen.
Nach all den nächtlichen Schreckensvisionen und der Todesangst auf zerlöcherten Pisten ist es eine tragische Ironie, dass uns ausgerechnet hier das Glück verlässt. Auf einer nagelneuen vierspurigen Autobahn. Mit blühendem Hibiskus auf dem Mittelstreifen. Am helllichten Tag.
Sitaram fährt links ran, ein Stopp, wie wir ihn hundertmal eingelegt haben, doch plötzlich sackt der Tata zur Seite, neigt sich immer weiter, droht umzukippen – und hält schließlich wie durch ein Wunder inne. Vorsichtig klettern wir aus der Kabine. Der Seitenstreifen der neuen Straße ist nur locker aufgeschüttet. Das Gewicht des Tata hat ihn eingedrückt. Nur der Stamm einer jungen Akazie, die sich unter der Last des Aufbaus biegt, scheint zu verhindern, dass der Truck auf die Seite fällt.
Sitaram nimmt eine Rikscha nach Aurangabad und kommt Stunden später mit zwei fahrbaren Kränen zurück, die den Tata auf die Straße hieven. Am Nachmittag fahren wir wieder. Doch zum ersten Mal auf unserer Reise läuft keine Musik. Jeder hängt seinen Gedanken nach. 14 000 Rupien haben die Kräne gekostet. Die Spedition übernimmt den Betrag, wird ihn Sitaram jedoch Rupie für Rupie vom Gehalt abziehen. Umgerechnet 250 Euro – ein Vermögen. Was wird aus Sitarams Apotheke?
Seit der Panne spitzen sich die Spannungen zwischen Sitaram und Lal Babu zu. Der Second-Driver schaut nicht mehr nach dem Motor, wechselt Reifen nur noch unter Flüchen, bereitet ungenießbares Essen zu. Hinter Nasik soll er sich an einem Checkpoint um die Papiere kümmern, doch er ist nicht wachzukriegen, zugedröhnt, abgetaucht in eine Welt, in der es keine Killerstraßen und unbefestigten Seitenstreifen gibt, keine Hitze, keinen Dreck.
Als Lal Babu bei einer Pinkelpause endlich aufwacht, nur um sich gleich den nächsten Joint zu drehen, packt der sonst so gelassene Sitaram seinen Beifahrer am Kragen und schreit ihm die aufgestaute Wut ins Gesicht. Da steigt Lal Babu aus, ohne ein Wort, und geht die Landstraße hinunter. Irgendwo im indischen Hinterland, ohne eine Rupie in der Tasche, geht er seiner ungewissen Zukunft entgegen, ein barfüßiger Bihari, keine 18 Jahre alt, der seinen Traum vom King of the Highway abschreiben muss. Eine der zahllosen Tragödien der Straße, die in keiner Verkehrsstatistik auftauchen.
Eben noch war Sitaram völlig außer sich und kurz davor gewesen, seinen Second-Driver zu verprügeln. Jetzt fährt er wieder. Ohne Lal Babu. Den Blick wie immer auf die Straße gerichtet. Ausdruckslos. Als sei nichts passiert. Rätselhafter Mensch. Die stoische Gelassenheit, das fatalistisch anmutende Gottvertrauen. Gleichzeitig der erbarmungslos geführte Kampf um Geld und Millimeter. Wie passt das zusammen?
In Sitarams starrem Blick erahne ich auf einmal, dass Ruhe und Angriffslust für ihn keinen Widerspruch bilden. Vielmehr scheinen sie das Rezept zu sein, um hier draußen durchzukommen, um zu überleben. Kein Entweder-oder, sondern ein klares Und. Gebete und Ellbogen. Durga und Cut-throat. Gute Erziehung und deftigste Flüche. Neunter Morgen. Von Neem-Bäumen gesäumte Alleen. Eine Hündin trägt ein zerrupftes Huhn über die Straße – die Beute der Nacht. Sitaram ist durchgefahren. Er sieht mitgenommen aus, und ich unterstütze ihn, so gut es geht, lehne mich beim Überholen aus dem Fenster, weise ihn in Parklücken ein, hole Wasser, weil der Kühler leckt. Sitaram lässt das förmliche -ji jetzt fort und nennt mich einfach beim Namen. „Michael, Second-Driver!“, sagt er dann. Seit unserer Panne auf dem Seitenstreifen schreibe ich nichts mehr in mein Vokabelheft. Wir folgen einer Landstraße, die aus einem Horizont kommt und im anderen verschwindet, begleitet von den nasalen Vokalen der Reifen, die von der Grammatik der Straße zu Silben, Wörtern und Sätzen verbunden werden. Es ist, als hätten Sitaram und ich eine natürliche gemeinsame Sprache gefunden.
Kurz vor Einbruch der Nacht erheben sich links und rechts die senkrechten Wände von Tafelbergen, felsig und schroff wie Festungen. Die Straße schlängelt sich hinab in die Küstenebene am Indischen Ozean. Am Horizont lodert ein roter Schimmer wie von nächtlichen Waldbränden. Es sind die Lichter jener Stadt, von der die Massen in ganz Indien träumen, eine Insel der Hoffnung, die größte, reichste, am schnellsten wachsende Metropole des Subkontinents – Mumbai.

Spät in unserer zehnten Nacht halten wir am Nasik Express Highway, 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, vor dem Werktor einer Schuhfirma. Meine Gelenke schmerzen, die Muskeln brennen, der Kopf hämmert. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Erst nach einer Weile begreife ich: Wir sind am Ziel. Nach 226 Stunden und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von weniger als zehn Stundenkilometern, ausgebrannt, erschlagen – und dankbar: Wir leben.
Schweigend trinken wir einen letzten Tee, tauschen Telefonnummern aus und umarmen uns; dann steigt Sitaram in den Tata, lässt den Motor an und stellt sich in die Schlange vor dem Werkstor.
Wochen später bin ich noch einmal in Kalkutta. Aber Sitarams Nummer ist tot. Für die Spedition fährt er nicht mehr. Seine Kollegen zucken mit den Schultern. Niemand kennt die Adresse seiner Eltern in Bihar. Niemand weiß, was aus Sitaram Roy geworden ist.
Nirgendwo sonst ist es so gefährlich, eine Straße zu überqueren wie in Indien: Alle fünf Minuten stirbt bei einem Verkehrsunfall ein Mensch. Jedes Jahr sind es weit über 100 000, dazu kommen rund eine Million Verletzte. Insofern ist es recht mutig, sich einem jungen Fernfahrer anzuvertrauen, der zwar von sich selbst behauptet, er sei 24, der aber höchstens aussieht wie 18. Klar, es gibt noch einen volljährigen Kopiloten, der ist aber noch nie selbst gefahren und ist außerdem dauernd bekifft. Im Bild links sieht man die beiden nach einem kleinen Unfall, links Sitaram, der Fahrer, den diese Panne mehrere Monatsgehälter kosten wird, rechts Lal Babu, der kurz nach dem Unfall einfach in der Weite der Landschaft verschwinden wird. Am Ende der Fahrt, nach 2200 Kilometern, 226 Stunden und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von weniger als zehn Stundenkilometern, ist unser Autor ausgebrannt und übermüdet – aber vor allem dankbar dafür, überlebt zu haben.