2012

liberty message

Frau Goebbels aus Bengasi

Früher machte Amina al-Wahaschi im libyschen Staatsradio Propaganda für Gaddafi. Heute regieren die Rebellen ihre Stadt, es gibt einen neuen Sender, aber noch immer bestimmt Amina al-Wahaschi, was die Menschen im Radio hören. Von Takis Würger

Als die Rebellen die Kaserne von Muammar al-Gaddafis Armee anzündeten und die Menschen in Bengasi auf den Straßen tanzten, fuhr Amina al-Wahaschi noch einmal zur Sendestation des libyschen Staatsradios, ging in ihr Büro und weinte. Sie sammelte ihre Notizbücher, steckte sie in eine Kiste und fuhr nach Hause. Ihre Töchter hörten an diesem Tag aus Aminas Zimmer leises Schluchzen und das Geräusch von reißendem Papier.

„Ich wünschte, ich könnte eine andere Geschichte erzählen“, sagt Amina al-Wahaschi. Sie sitzt ein paar Monate später in einem Haus an einer staubigen Straße am Stadtrand von Bengasi, in einem Raum ohne Fenster. Neben ihr steht ihr Bruder Salah, er übersetzt. Vor der Tür patrouilliert ein Wachmann, der ein russisches Sturmgewehr in den Händen hält. Auf dem Dach weht, rot, schwarz, grün, die Fahne der Revolution, im Garten stehen ein Raketenwerfer und ein Sendemast. Es ist das Redaktionsgelände des Senders „Radio Freies Libyen“, Amina arbeitet hier als Nachrichtenredakteurin.

„Ich habe mein halbes Leben verloren. Ich habe nichts Gutes getan“, sagt sie.

24 Jahre lang hat Amina al-Wahaschi für das libysche Regime gearbeitet. Sie schrieb Texte für das Staatsradio und nannte diese Texte Nachrichten. Sie sollten die Menschen glauben lassen, dass Muammar al-Gaddafi ein guter Herrscher sei.

„Wir haben sie Goebbels gerufen“, sagt Aminas Bruder. Ab und zu vergisst er, dass er eigentlich nur übersetzen soll, besonders dann, wenn ihm etwas einfällt, das er komisch findet. „Amina al-Goebbels“, sagt er. Amina sitzt daneben und schaut, als würde sie auf ihre Exekution warten, eine kleine Frau mit Kopftuch und blasser Schminke. In der Hand hält sie ein Taschentuch für die Tränen, sie braucht es oft, während sie über ihr Leben spricht.

Amina al-Wahaschi, 45 Jahre alt, verheiratet, zwei Töchter, hat dem Regime gedient. Sie habe gezweifelt, gelitten, gelogen, sagt sie, aber sie hat gedient, so lange, bis der Frühling kam und Libyen sich änderte.

Nun ist Sommer, Gaddafi hat in Bengasi keine Macht mehr, doch Amina schreibt noch immer die Nachrichten, die die Bürger der Stadt im Rundfunk hören.

Amina hat die Seiten gewechselt und sich den Rebellen angeschlossen, sie arbeitet nun für Radio Freies Libyen, den Sender der Rebellen. Das Programm, die Musik, die Nachrichten, alles ist anders, nur Amina al-Wahaschi ist noch da.

Sie versucht, ihr Leben zu erzählen wie ein Märchen, das von einer bösen Frau handelt, die zu einer guten Frau wird. Wie geht das, wie kann ein böser Mensch gut werden, nur weil sich um ihn herum alles verändert?

„Ich hatte mir die falsche Arbeit ausgesucht, zur falschen Zeit“, sagt sie. Amina kam mit 21 Jahren zum libyschen Staatsradio, Frequenz 675 kHz Mittelwelle. An ihrem ersten Arbeitstag erklärte ihr ein Redakteur die Regeln der Berichterstattung.

Regel Nummer eins: Die erste Nachricht einer Sendung handelt von Muammar al-Gaddafi. Diese Nachricht ist positiv.

Regel Nummer zwei: Die zweite Nachricht knüpft an die erste Nachricht an. Wenn Gaddafi in der ersten Nachricht über Wasser redet, handelt die zweite Nachricht von Wasser.

Regel Nummer drei: Was zählt, ist die Wirkung, nicht die Wahrheit.

Amina lernte schnell. Ihre Vorgesetzten waren zufrieden mit ihr, sagt sie.

Amina kennt die Welt nur mit Gaddafi. Sie war drei Jahre alt, als er sich die Herrschaft nahm, im Jahr 1969. Als Kind war Gaddafi ihr egal. An der Universität, wo sie Journalismus studierte, lernte sie sein System besser kennen.

Als sie eine Prüfung schrieb, betraten Männer in Uniform den Hörsaal und nahmen einen Kommilitonen mit. Später erfuhr Amina, dass der Mann sich bei der Opposition engagiert hatte, die war verboten unter Gaddafi. Amina sah durch das Fenster, wie die Uniformierten dem Mann auf dem Innenhof einen Sack über den Kopf zogen, ihn auf ein Podest stellten und ihm ein Seil um den Hals knoteten. Amina schloss die Augen.

An diesem Tag entschied sie, dass sie doch nicht Journalistin werden wollte, weil es nur staatliche Medien gab und Amina diesen Staat nicht unterstützen wollte. Sie sagte ihrem Vater, dass sie aufhören würde mit dem Studium. Der Vater antwortete, was ein Wahaschi beginnt, bringt ein Wahaschi zu Ende. Amina gehorchte.

Amina hatte Angst vor Gaddafi, sie hatte Angst, ihren Vater zu enttäuschen. Sie hatte Angst vor sich selbst. Angst hat sie 24 Jahre lang in einem dunklen Tunnel leben lassen, der ihr keinen Ausweg gelassen habe, erzählt sie.

Der Wachmann mit der Kalaschnikow betritt das Büro, unterbricht sie. „Schlechte Nachrichten“, sagt er. Ein Mann habe angerufen und gesagt, dass Amina bald sterben werde, wenn sie nicht aufhöre, den Rebellen zu dienen.

„Was heißt das?“, fragt Amina.

„Vielleicht eine Bombe, vielleicht eine Granate. Sei vorsichtig“, sagt der Wachmann.

Seit fünf Monaten ist Bengasi in der Hand der Rebellen, seit fünf Monaten fliegen die Bomber der Nato, um ihnen in ihrem Kampf gegen Gaddafi zum Sieg zu verhelfen. Aber die Front zwischen Tripolis und den Bergen im Westen steht so bewegungslos wie die zwischen Tripolis und Bengasi im Osten. Und diesseits wie jenseits der Kampflinie werden jeden Tag, jede Nacht Menschen erschossen.

Meist bleibt unklar, von wem. Vor zwei Wochen lagen drei verbrannte Leichen am Stadtrand von Bengasi, eine, stellte sich heraus, war die des Militärchefs der Rebellen, Abd al-Fattah Jounis. Und ein paar Tage vorher hatte ein Unbekannter aus einem fahrenden Auto eine Handgranate über die Mauer vor Aminas Büro geworfen. Die Splitter stecken nun im Putz des Hauses.

„Lassen Sie uns weitermachen“, sagt Amina. Sie wirkt unbeeindruckt, sie lässt sich die Angst, die nun eine andere ist, nicht anmerken.

Als Amina noch beim libyschen Staatsfunk arbeitete, bestraften Gaddafis Leute jeden Fehler: Bei einer Übertragung einer Rede Gaddafis gab es eine Tonstörung, der zuständige Tontechniker verschwand für drei Monate in einem Gefängnis. Amina begann Gaddafi zu hassen, und je mehr sie das tat, desto genauer achtete sie darauf, ihre Arbeit gut zu machen.

Amina berichtete im Radio über Gaddafis Weitsicht, als er bei den Vereinten Nationen beantragte, die Schweiz aufzulösen.

Amina berichtete von der Schuld der CIA, als der libysche Staat fünf bulgarische Krankenschwestern beschuldigte, Kinder aus Bengasi mit dem HI-Virus angesteckt zu haben.

Amina berichtete, dass Demonstranten drogenabhängige Irre seien, als in Tunesien und Ägypten das Volk auf die Straße ging.

Man kann sich Gaddafis Regime wie einen Apparat vorstellen, der allein den Zweck erfüllt, dass der Mann, der ihn bedient, an der Macht bleibt. Der Geheimdienst, das Militär, die Polizei, sie alle erfüllten darin ihre Funktion. Aminas Propaganda lieferte den Schmierstoff für diesen Apparat: Sie hat dafür gesorgt, dass zwischen dem Staat und dem Volk keine Reibung entstand, die Gaddafis Macht bedroht hätte.

Amina erzählt, dass eigentlich niemand in ihrer Redaktion für Gaddafi war und alle nur so taten, wenn die Zensoren aus Tripolis vorbeischauten. Sie fand Freunde unter den Kollegen. Sie heiratete einen Redakteur. Sie nannten sich gegenseitig schizophren, und sie lachten, wenn sie schrieben, dass George W. Bush ein Agent des Mossad sei und Gaddafi der König der Könige von Afrika. Amina sagt, sie habe ihre Arbeit gemocht.

Wenn Amina abends nach Hause kam, schrieb sie in ihr Tagebuch, welche Lügen sie den Libyern an diesem Tag erzählt hatte. Sie sagt, sie habe ihre Arbeit gehasst.

Als Mitte Februar in Bengasi die Demonstrationen begannen, traf sich Amina mit ihren Kollegen vom Propagandaradio morgens in einem Konferenzraum. Sie sprachen darüber, ob sie nun berichten würden, dass die libyschen Demonstranten drogenabhängige Irre seien. Jeder entschied für sich allein, ob er gehen oder bleiben würde. Es war kein feierlicher Moment. Die Redakteure fürchteten, was kommen würde, Krieg, Rache, Freiheit. Amina ging. Am 16. Februar stellte das libysche Staatsradio seinen Sendebetrieb in Bengasi ein.

Als am 21. Februar Gaddafis Kaserne in der Stadt fiel und Amina ihre Notizbücher aus ihrem Büro holte, fürchtete sie die Zukunft. Sie war jetzt heraus aus dem dunklen Tunnel, aber sie war nicht gewohnt, in Freiheit zu leben. Sie hatte lügen müssen, sie hatte einem Diktator gedient, aber es war eine Ordnung gewesen in ihrem Leben, die sie mit ihren Freunden teilen konnte und die ihr ein Einkommen sicherte.

Amina hörte die Hoffnung auf ein neues Leben aus einem vorbeifahrenden Auto. Sie hörte eine Stimme im Radio, die Stimme eines ehemaligen Kollegen. „Hier spricht Radio Freies Libyen auf 98,9 FM“, sagte der Kollege, „dies ist die Stimme der Revolution.“

Amina fuhr zur Radiostation, die Kollegen freuten sich, dass sie da war, weil sie wussten, dass sie ihr Handwerk beherrscht. Amina hatte ein paar Tage ausgesetzt, nun machte sie weiter und behielt die Ordnung, die Freunde und ihr Einkommen. Die Geschichte hatte Amina auf die richtige Seite gestellt, die Verhältnisse hatten sich geändert, Amina musste einfach nur sitzen bleiben.

Früher ging es im Programm immer irgendwie um Gaddafi. Jetzt verkündet irgendeine Partei ihre Neugründung, und die Menschen diskutieren in Talkshows darüber, ob eine Demokratie besser ist oder eine Monarchie. Und dreimal in der Woche läuft die Märtyrer-Show, die Amina moderiert. Ihr Konzept für die Sendung sieht vor, dass der Vater eines Märtyrers erzählt, wie sich sein Sohn für die Revolution opferte. An diesem Sonntag ist Dr. Fatih Badschu zu Gast, er weiß nicht genau, wie sein Sohn gestorben ist, sein Sohn Ibrahim, der 18 Jahre alt wurde, ob eine Gewehrkugel ihn tötete oder ein Granatsplitter. Er weiß nur, dass Ibrahim an die Front in die Wüste zog und dort starb.

Badschu wartet vor dem Büro. Amina trifft ihn zum Vorgespräch.

„Salam alaikum“, sagt Amina und stellt eine Packung Schokoladenkekse auf den Tisch. Badschu erzählt, dass sein Sohn Ibrahim vor der Revolution nur Playstation gespielt habe, aber als es ernst wurde, habe er gekämpft und sei gestorben.

Badschu schlägt die Beine übereinander, knabbert Kekse und redet über den Tod. Er freut sich, dass er seine Geschichte erzählen darf.

Amina nimmt ihre Notizen und geht aus ihrem Büro, Badschu folgt. Er ist Arzt, er weiß, dass reden wichtig ist, um ein Trauma zu überwinden. Aus seiner Sicht tut Amina ihm einen Gefallen. Aber er erfüllt auch einen Zweck. Amina zeigt an seinem Beispiel, dass der Kampfeswille der Revolutionäre alles übersteht, auch den Verlust eines Sohnes. Er wird gleich während der Sendung Teil der Propaganda werden, ein Vater, der den Tod seines Sohnes ausstellt, eine Moderatorin, die den Toten zum Märtyrer macht.

Es ist drei nach zwölf, Amina eilt nun durch die Gänge und ihr Talk-Gast hinterher. Auf dem Gang vor dem Studio rennt Amina fast gegen den Wachmann, der verhindern soll, dass die Sendung gestört wird. Er trägt noch immer seine Uniform und an den Füßen Badeschlappen aus Plastik. In der Hand hält er einen rosafarbenen Käfig, darin sitzen zwei Vögel. „Malaysische Papageien“, sagt der Wachmann.

Er heißt Colonel Fausi Omaini, die Uniform, die er trägt, ist die Uniform von Gaddafis Armee. Omaini hat mit Filzstift die Farben der Revolution auf seine Schulterklappen gemalt. Er habe 30 Jahre lang Gaddafi gedient, sagt Omaini.

Eigentlich haben fast alle Libyer auf irgendeine Art Gaddafi gedient. Viele Menschen haben den Verkehr geregelt und ein wenig den Nachbarn bespitzelt, andere haben Oppositionelle erhängt. Diese Menschen versuchen, mit ihrem neuen Leben ihre Vergangenheit so zu übermalen, wie Omaini seine Schulterklappen übermalt hat.

„Ich war so eine Art Elektriker bei der Armee“, sagt Colonel Fausi Omaini.

Colonel ist die englische Bezeichnung für Oberst, das ist ein hoher Rang beim Militär. Es ist möglich, dass Fausi Omaini ein Elektriker im Rang eines Colonels war. Es ist auch möglich, dass er einen Teil seiner Vergangenheit verschweigt.

Nun bewacht Omaini die Radiostation mit seinen Söhnen und ein paar Gewehren, die er aus der Kaserne mitgenommen hat. Er sagt, er habe auch einen Pitbull, den er nachts rauslässt, damit der jedem in den Kopf beißt, der Gaddafi unterstützt.

Die Märtyrer-Show im Studio beginnt mit einem Gedicht. Omaini hört von draußen zu, streicht sich durch den Schnurrbart und sagt, dass er auch ein Dichter sei. Im Gang vor dem Studio stellt er den Vogelkäfig ab, lehnt sein Sturmgewehr an die Wand und trägt ein paar Verse vor:

Bengasi ist still trotz der Revolution /

Es gibt keine Probleme in Bengasi /

Es gibt viele Helden in Bengasi.

Die Märtyrer-Show dauert eineinhalb Stunden. Amina und Badschu reden über die Playstation, eine mögliche Konterrevolution und die Malkünste des toten Sohnes. Die Botschaft der Sendung: Die Revolution ist eine feine Sache, Gaddafi ist der Teufel. Als Badschu das Studio verlässt, atmet er einmal tief durch. Amina lächelt. Ihr Konzept funktioniert.

Der nächste Gast im Programm ist der Imam. Amina moderiert diese Sendung nicht. Sie sagt, der Imam könne sich am besten selbst moderieren.

Amina schlägt vor, zur alten Kaserne von Gaddafi zu fahren. Ihre jüngere Tochter habe gebeten, einmal gemeinsam mit ihr dorthin zu gehen. Seit Gaddafis Truppen vertrieben wurden, ist die Kaserne für Jugendliche aus Bengasi eine begehbare Geisterbahn geworden.

Aminas Tochter Kabas, 16 Jahre alt, sieht aus wie Amina, nur jünger und dicker. Sie sitzt hinten im Auto und sagt: „Ich wünschte, ich wäre ein Junge, dann könnte ich kämpfen.“

Aminas Bruder Salah steuert das Auto durch den Verkehr von Bengasi, der genauso dicht ist, wie er unter Gaddafi war. Manche Dinge in Aminas Leben haben der Revolution getrotzt: Sie isst dasselbe zuckersüße Gebäck zum Frühstück, sie trifft dieselben Freundinnen zum Tee, sie bewohnt dieselbe stickige Wohnung, und ihre Kinder verfolgen noch immer auf Facebook, was der Rest der Welt macht. Aber Bengasi ist eine andere Stadt geworden. Das Auto rollt vorbei an Schulen, die geschlossen sind, und an der Universität, an der niemand mehr lehrt. Es rollt vorbei an Bergen aus brennendem Müll, den die Menschen anzünden, weil niemand ihn abholt. Über die Straßen laufen Männer mit Waffen, nachts hört man, wie sie in den Himmel feuern.

„Sehen Sie das da?“, fragt Amina und zeigt auf ein metergroßes Loch in einer Hausfassade, „da haben Gaddafis Leute eine Autobombe gezündet, die sind noch immer in der Stadt.“

Die Gebäude der Kaserne sind ausgebrannt, an den Wänden klebt Ruß. Amina steigt aus dem Wagen, ihre Absätze knirschen auf den Scherben der zerborstenen Fenster. Mutter und Tochter steigen über verkohlte Balken, sie gehen durch die Trümmer von Aminas altem Leben. Es ist eine Stimmung wie auf einem Friedhof.

Irgendwann sagt Kabas etwas auf Arabisch, einen kurzen Satz. Amina schaut ihre Tochter an wie einen Geist. Sie geht ein paar Schritte, holt Luft, als wollte sie etwas antworten. Sie bleibt stumm.

Später, als Mutter und Tochter wieder ins Auto steigen, sagt Kabas, sie habe eine Frage gestellt, die sie schon oft gestellt habe. Warum, sagt Kabas, das habe sie gefragt. Warum konntest du mit deinem Gewissen vereinbaren, für die falsche Seite zu arbeiten?

Wenn ihre Töchter früher fragten, habe sie geantwortet, dass es schwer gewesen sei zu verkünden, was sie selbst nicht dachte, sagt Amina. Sie habe auch gesagt, dass es keine Alternative gab, weil ja nur dieser eine Radiosender existierte in Libyen.

Auf einem Platz vor dem Gericht laufen Frauen im Kreis, sie kommen aus der Stadt Tobruk und nennen sich die „Mütter der Märtyrer“, sie haben ihre Söhne im Krieg verloren. Amina stellt sich in die erste Reihe und läuft mit. Sonst ist sie nie dabei, sie müsse arbeiten, sagt sie.

„Ich hatte unter Gaddafi keine Wahl“, sagt sie, man konnte nicht einfach auf die andere Seite gehen, das hier ist Libyen, unter Gaddafi gab es keine andere Seite.

„Ich bin schuldig, aber ich hatte keine Wahl.“

An diesem Abend auf dem Marktplatz streckt sie die gespreizten Zeigefinger und Mittelfinger in den Himmel über Bengasi, geformt zu einem V, wie Victory.

Amina wollte ihr Leben erzählen wie ein Märchen, und je länger sie erzählt, desto mehr klingt es wie ein Geständnis. Sie hat Erklärungen, die für mildernde Umstände sprechen, sie hat sich schuldig bekannt, nun will sie freigesprochen werden. Sie will hören, dass sie ein guter Mensch wäre und eine gute Journalistin.

Der dunkle Tunnel, in dem sie gelebt hat, ist weg, aber eigentlich lebt sie so, als sei er noch da. Sie berichtet über die Kriegsverbrechen von Gaddafi, aber die Kriegsverbrechen der Rebellen verschweigt sie. Sie berichtet über den Kampfeswillen von Märtyrer-Vater Dr. Fatih Badschu, aber sie verschweigt, dass er nicht schläft, seit sein Sohn tot ist. Sie arbeitet für einen Radiosender, der sich unabhängig nennt, aber das Gehalt der Redakteure zahlt der Übergangsrat der Rebellen. Sie berichtet, dass die Rebellenführer es schaffen, Guido Westerwelle zu treffen, aber sie verschweigt, dass die Rebellenführer es nicht schaffen, die Müllabfuhr in Bengasi zu organisieren.

Amina arbeitet jetzt nach neuen Regeln.

Regel Nummer eins: Die erste Nachricht einer Sendung handelt von Muammar al- Gaddafi. Diese Nachricht ist negativ.

Regel Nummer zwei: Die zweite Nachricht handelt von den Rebellen. Diese Nachricht ist positiv.

Regel Nummer drei: Was zählt, ist die Wirkung, nicht die Wahrheit.

Als Amina zum ersten Mal die Redaktionsräume von Radio Freies Libyen betrat, gab ihr ein Moderator ein weißes Blatt Papier und einen Stift. Sie solle aufschreiben, was sie fühle, sagte er, anschließend könne sie ihren Text den Radiohörern vorlesen.

Amina saß allein in einem Raum, einen Stift in der Hand, den Kopf voll mit Gedanken. Ihr Leben lang hatte sie geschrieben, was Gaddafi denkt, und sie konnte das sehr gut, nun sollte sie schreiben, was sie selbst denkt, und sie konnte es nicht. Sie saß da, ihre Tränen fielen aufs Papier, sie weinte aus Angst, aus Trauer, vor Glück, vor Wut.

Irgendwann schrieb Amina das erste Wort, mit blauem Kugelschreiber, klein, oben in die Ecke des Papiers, damit noch viele andere Wörter auf die Seite passen. „Endlich“, schrieb sie.